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Medizin

Deltakron: Warum viele Virologen an einer echten Rekombination zweifeln

Dienstag, 11. Januar 2022

/picture alliance, SVEN SIMON, Frank Hoermann

Nikosia – Der Molekularbiologe und Virologe Leondios Kostrikis von der Universität Zypern hatte vergan­genen Freitag in einem Interview mit Sigma TV von einer neuen Virusvariante namens „Deltakron“ be­richtet. Ob es bei einer gleichzeitigen Infektion mit Delta und Omikron tatsächlich zu einer Rekombina­tion der Erbsubstanzen gekommen ist, ist jedoch noch nicht bewiesen.

Immer mehr Forschende äußern Zweifel. So auch der Virologe Björn Meyer von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Dem Deutschen Ärzteblatt () hat er erklärt, warum eine Kontamination im Labor wahrscheinlich ist.

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Mit seinem Team will Kostrikis in 25 Fällen omikronähnliche Gensignaturen innerhalb der Delta-Genome identifiziert haben. Die Sequenzen hat er Anfang Januar 2022 an die internationale Datenbank „Gisaid“ geschickt. Zudem sagte Kostrikis, dass die mit „Deltakron“ infizierten Patienten mit einer höheren Wahr­scheinlichkeit im Krankenhaus behandelt werden müssten. Eine Nachfrage des , wieviele der 25 Fälle hospitalisiert waren, blieb bisher unbeantwortet (Stand 11. Januar 2022).

Ob die vermeintlich neue Variante pathologischer oder infektiöser sei, bliebe aber abzuwarten, erklärte der Leiter des Labors für Biotechnologie und molekulare Virologie auf Zypern. Er sei der Ansicht, dass „Deltakron“ von der hochansteckenden Omikron-Variante verdrängt werden würde, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Bloomberg News.

Einige Forschende haben auf Twitter bereits ihre Bedenken geäußert, unter anderem Krutika Kuppalli vom COVID-19-Technical Team der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie halte eine Kontamination im Labor für wahrscheinlicher, als eine Rekombination der beiden Virusvarianten.

Auch Thomas Peacock vom Imperial College London geht von einer Kontamination aus und schreibt dazu auf Twitter: Das habe nichts mit der Qualität des Labors oder Ähnlichem zu tun – das passiere jedem Se­quenzierlabor gelegentlich. Dies gelte insbesondere für Abstriche mit hohem CT-Wert (das heißt mit ge­ringer Viruslast) und bei Verwendung älterer Primer-Sets.

Der Magdeburger Virologe Meyer erläutert, dass eine SARS-CoV-2-Sequenzierung meist mittels soge­nann­ten Amplicons durchgeführt wird. Dabei handelt es sich um kleine Genomabschnitte, die mittels einer PCR vermehrt und anschließend mit bioinformatischen Methoden wieder als Gesamtgenom zu­sammengesetzt werden.

„Die Arbeitsgruppe in Zypern hat nicht ideale Primer für die PCR verwendet, die mit dem Omikron-Ge­nom nicht mehr gut übereinstimmen. Es sieht so aus, als ob ein bestimmtes Amplicon dabei kontaminiert wurde und einen Teil von der Delta-Variante amplifiziert hat“, so Meyer. (Es handelt sich um ein Problem in der 3. Version der Primer, es gibt allerdings bereits eine 4. Version, die weiter auf neuere Mutationen abgestimmt sind.)

Dass die Gruppe aus Zypern einen Primer der 3. Version genutzt hat kann Meyer in den bei Gisaid hochgeladenen Sequenzen ablesen. Denn hier war ein Abfall und Teil-Ausfall von Amplicon 72 sichtbar. „Dieser lässt indirekt darauf schließen, dass es dort Probleme gab. Dieses lässt dann wiederum darauf schließen, dass Version 3 der Primer benutzt wurde“, sagt der Virologe.

Die deltaspezifischen Sequenzen fallen im Phylogenetischen Bau (einer Analyse die zeigt wie eng ver­wandt Virusgenome miteinander sind) nicht zusammen. Dies deute darauf hin, dass der Ursprung dieser Sequenzen zu sehr variiert für einen einzelnen Ursprung, wie dieser bei einer Rekombination vorliegen sollte.

„Es deutet eher darauf hin, dass mit der PCR vielleicht Delta Isolate weiter amplifiziert wurden, die man in den Laboren auf Zypern in der Vergangenheit bereits bearbeitet hat, so Meyer und verweist auf einen Tweet des Molekularbiologen Alexis Verger, der einen Link zu NextStrain mit den Sequenzen aus Zypern beinhaltet. Seine Schlussfolgerung laute daher, dass es sich bei Deltakron sehr wahrscheinlich nicht um ein echtes rekombiniertes Virus handle.

Generell könne es jedoch zu Rekombinationen kommen, führt der Virologe weiter aus. „Es wurden bereits mehrfach Rekombinatio­nen beschrieben, etwa zwischen Alpha und Delta in Japan oder mehrere Rekom­bi­nationen in den USA von verschiedenen Alpha-Linien.

„Dazu müssen diese unterschiedlichen Viren zunächst die gleiche Person und dabei auch die gleichen Zellen infizieren, so dass diese Ereignisse im Vergleich eher selten sind“, ordnet Meyer ein. Es werde allerdings wahrscheinlicher, wenn die unterschiedlichen Varianten zeitgleich und in der gleichen geo­graphischen Lage viele Infektionen verursachen. Dies sei momentan weltweit in vielen Ländern und Regionen gegeben.

Rekombination sei bei Viren ein normaler evolutionärer Prozess, fährt Meyer fort. Sehr nah verwandte Genome können sich rekombinieren. Berichte zu „Flurona“, mit Aussagen, dass Influenza und SARS-CoV-2 sich rekombiniert hätten, seien dennoch falsch. Die beiden viralen Genome seien zu unterschiedlich, abgesehen von anderen wichtigen Unterschieden.

Welchen Zweck hat die Rekombination von Viren?

Ähnliche Virusgenome würden rekombinieren, um Mutationen im Genom, die einen negativen Einfluss auf das Virus haben loszuwerden, sagt Meyer dem . „Man könnte es, sehr einfach ausgedrückt, als eine Art Hausputz oder Instandhaltung des Virusgenoms sehen.“ Zudem könnten durch Rekombination vorteilhafte Mutationen weitergegeben werden.

Aber nicht jede Rekombination sei automatisch „gut“ für das Virus. Das Virus benötige viele Versuche, damit sich eine fittere Variante entwickelt, die gegenüber den beiden Vorgängerviren einen wirklichen Vorteil hätte. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine rekombinierte Variante durchsetzt oder es zu einer noch besorgniserregenden Variante kommt, ist äußerst gering bis unwahrscheinlich.“ © gie/aerzteblatt.de

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