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Medizin

Octave-Duo-Daten: Wer eine 4. SARS-CoV-2-Impfung benötigen könnte

Dienstag, 11. Januar 2022

/picture alliance, Hendrik Schmidt

London – Etwa die Hälfte der immunsupprimierten Patienten, die nach 2 SARS-CoV-2-Impfungen keine Antikörperreaktion zeigten, sprachen nach einer 3. Dosis an. Zusammen mit frühen Daten aus Israel und Frankreich würden die noch nicht publizierten Octave-Duo-Daten darauf hindeuten, dass etwa für 1/4 dieser Patientengruppe (inklusive jener mit Antikörperreaktion nach der 2. Impfung) 3 Impfungen nicht ausreichen, erklärte Michelle Willicombe vom Imperial College Healthcare NHS Trust in London im BMJ (2022; DOI: 10.1136/bmj.o30).

„Einige immunsupprimierte Patienten zeigen im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen nach 3 Dosen keine oder nur eine unzureichende Reaktion“, sagte die Fachärztin für Transplantationsnephrologie, die im Rahmen der Octave-Studie die Kohorte der Nierenpatienten leitete. Diese Patienten, deren Immun­system supprimiert sei, würden eine 4. Dosis benötigen, um überhaupt eine nachweisbare Immunreakt­ion zu erhalten. Im Gegensatz dazu würde eine vierte Dosis in der Allgemeinbevölkerung die Immunant­wort nur verstärken, erklärte Willicombe dem BMJ.

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Die meisten Länder, die eine 4. Impfung anbieten, priorisieren Menschen mit geschwächtem Immunsys­tem – so handhaben es etwa das Vereinigte Königreich und die USA. Basis dieser Entscheidung gaben unter anderem bereits publizierte Preprint-Ergebnisse der Octave-Studie (Observational Cohort Trial T Cells Antibodies and Vaccine Efficacy in SARS-CoV-2; The Lancet 2021; DOI: 10.2139//ssrn.3910058). Hier wurde festgestellt, dass 4 von 10 klinisch gefährdeten Personen nach 2 Dosen eines COVID-19-Impfstoffs niedrigere Antikörper­konzentrationen aufwiesen als gesunde Menschen.

Über eine 4. Impfung sprach auch die Virologin Sandra Ciesek kurz vor Weihnachten im NDR-Info-Podcast (106). Es ginge jetzt erst mal darum, einen 2. Booster bei den gefährdeten Gruppe zu unter­suchen. Dazu zählten laut Ciesek zum Beispiel jene, die einen schweren Verlauf zu erwarten haben und die, die mit diesen Personen in Kontakt stünden sowie Personen, die im Krankenhaus oder in der Pflege arbeiteten. Die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt betonte aber auch: „Viel hilft nicht immer viel.“

Schwache Wirkung gegen Omikron 4 Monate nach dem Booster (In-Vitro)

In einer Preprint-Studie (MedRxiv, 2021; DOI: 10.1101/2021.12.07.21267432) hatte Ciesek und ihr Team Seren von geimpften Personen auf Antikörper untersucht und geprüft, wie gut diese eine Omikron-Infektion im Vergleich zu einer Delta-Infektion neutralisieren können.

Am interessantesten fand Ciesek dabei die Auswertung der Menschen, die bereits im Sommer ihre 3. Imfpung mit BioNTech erhalten hatten und somit schon 3 bis 4 Monate seit dem Booster verstrichen waren. Dabei handelte es sich ausschließlich um Krankenhausmitarbeiten­de, die damals im Januar 2021 als Frontline-Worker als Erste geimpft worden waren.

Der Schutz vor einer Infektion mit Delta war mit 85 % weiterhin auch 3 bis 4 Monate nach dem Booster „sehr robust“, so Ciesek. „Bei Omikron waren neutralisierende Antikörper aber nur noch bei 25 % der Personen nachweisbar, bei denen die 3. Impfung 3 bis 4 Monate her war.“ Ein Großteil hätte zu diesem Zeitpunkt keine neutralisierenden Antikörper mehr, berichtete die Virologin aus Frankfurt. Ein oder 2 Monate nach dem Booster sei hingegen noch ein deutlicher Anstieg der Antikörper zu verzeichnen gewesen.

Die Entscheidung für oder gegen eine 4. Impfung findet Ciesek dennoch schwierig. Systematische Unter­suchungen aus anderen Ländern würden fehlen und zudem würde für das Frühjahr 2022 ein Update des Impfstoffs erwartet. „Im Moment hat man das Gefühl, dass vor allen Dingen Krisenmanagement betrie­ben wird und man überlegt, wie man Omikron abflacht.“ Unbekannt sei zudem, wie sich eine 3. Impfung bei Jugendlichen auswirken würde. Sie plädiert daher dafür, zunächst mehr Daten zusammenzutragen.

Erste Daten aus Israel zur 4. Impfdosis

Israels Ministerpräsident Naftali Bennett gab am 3. Januar vorläufige Ergebnisse einer kleinen, noch nicht publizierten israelischen Studie mit 154 Krankenhausmitarbeitern bekannt. In dieser Kohorte stieg die Antikörperkonzentration eine Woche nach der 4. Dosis Biontech um das 5-fache. Das schütze „höchst­wahr­scheinlich“ deutlich besser vor Infektionen, Krankenhauseinweisungen und schweren Symptomen.

Willicombe überraschen diese Ergebnisse nicht. Die Notwendigkeit eines solchen Boosters würde damit ihrer Meinung nicht beantwortet. Entscheidend seien die klinische Wirksamkeit, die Zahl der Kranken­haus­einweisungen und Todesfälle, erläutert sie ihre Skepsis.

Im Vereinigten Königreich liegen noch keine Daten über die Reaktion auf die 4. Dosis vor. Willicombe und ein Team am Imperial College London leiten die kürzlich gestartete Melody-Studie (Mass Evaluation of Lateral Flow Immunoassays in Detecting Antibodies to SARS-CoV-2). Sie wollen untersuchen, wie hoch der Anteil der immunsupprimierten Patienten ist, die nach 3 und 4 Impfstoffdosen nachweisbare Antikör­per haben. Zudem will das Team prüfen, ob das Ausbleiben einer Antikörperreaktion mit dem späteren Risiko einer SARS-CoV-2-Infektion und dem Schweregrad der Erkrankung korreliert.

Peter Openshaw, ein Immunologe und Professor für experimentelle Medizin am Imperial College London verweist auf Imfpungen gegen Keuchhusten und Polio, bei denen ebenfalls 4 Dosen notwendig sind. Zusätzliche Auffrischungsimpfungen im Fall des Coronavirus will er daher nicht ausschließen.

Israel startet als bisher einziges Land mit 4. Impfdosis

Israel ist das erste Land, das einer breiten Bevölkerungsgruppe eine 4. Dosis anbietet. Am 3. Januar haben sie begonnen, allen Erwachsenen über 60 Jahren, medizinischem Personal und Bewohnern von Pflege­hei­men die 4. Dosis zu verabreichen. Auch Deutschland hätte angekündigt, dass es in den kom­men­den Monaten einem größeren Teil seiner Bevölkerung eine 4. Dosis verabreichen wolle, um die Omikron-Variante zu bekämpfen, heißt es im BMJ.

Ob und wann eine 4. Impfung notwendig werde, steht nach den Worten des Gesundheitsministers Karl Lauterbachs (SPD) bei einer Pressekonferenz Mitte Dezember aber noch nicht fest. Auch bei der 1. regulären Konferenz gestern in diesem Jahr haben die Gesundheitsminister über eine mögliche 4. Coronaschutzimpfung beraten. Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) ließ offen, inwiefern man dem Beispiel aus Israel folgen will. Nötig seien zunächst weitere wissenschaftliche Untersuchungen, sagte sie.

Auch Großbritannien und die USA zögern noch. Das Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) des Vereinigten Königreichs hat erklärt, dass es weitere Daten über die nachlassende Immunität und die Hospitalisierungsrate abwarten wolle, bevor es über das Angebot einer 4. Impfung für eine breitere Gruppe von Menschen entscheidet.

Auch die US-amerikanischen Zentren für Seuchenkontrolle und -prävention haben noch keine 4. Impfung für die breite Öffentlichkeit empfohlen. „Wir werden einen Schritt nach dem anderen machen, die Daten der 3. Impfung sammeln und dann Entscheidungen auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten treffen“, sagte der leitende medizinische Berater des Weißen Hauses, Anthony Fauci, am 29. Dezember. © gie/aerzteblatt.de

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