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Medizin

Studie: Luftverschmutzung erhöht Anfälligkeit für COVID-19

Mittwoch, 12. Januar 2022

/saurav005, stock.adobe.com

Varese/Lombardei – Einwohner der oberitalienischen Stadt Varese, die in Straßen mit erhöhten Luft­schadstoffen wohnen, sind in den ersten beiden Epidemiewellen häufiger an COVID-19 erkrankt als Bewohner mit einer besseren Außenluftqualität.

Die in Occupational and Environmental Medicine (2022; DOI: 10.1136/oemed-2021-107833) veröf­fentlichten Ergebnisse bestätigen frühere Befunden aus anderen Orten und mit anderen Krankheits­erregern.

Feinstaub und Stickoxide gehören zu den häufig unterschätzten Risikofaktoren für Krankheiten, da sie weder sichtbar noch unmittelbar spürbar sind. Die Europäische Umweltagentur schätzt jedoch, dass 2018 in Europa 417.000 vorzeitige Todesfälle auf Feinstaub (PM2,5), 55.000 Todesfälle auf Stickstoffdioxid (NO2) und 20.600 Todesfälle auf Ozon (O3) zurückzuführen waren. Die Luftschadstoffe erhöhen zum einen die Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen. Zum anderen steigt das Risiko von Infektionen, weil Feinstaub ein Transportvehikel für Viren ist.

Der Zusammenhang ist in der Vergangenheit unter anderem für die Masern beobachtet worden. In Lanzhou, einer Industriestadt im Norden Chinas mit einer starken Luftverschmutzung, steigen die Erkrankungszahlen schneller, wenn die Belastung durch SO2, NO2, PM10 erhöht ist (Environmental Science and Pollution Research, 2020; DOI: 10.1007/s11356-020-07903-4).

Dass Coronaviren hier keine Ausnahme machen, zeigte sich bei der Epidemie von SARS-CoV-1. Die Case-Fatality-Rate war 2002/3 in den Städten mit einer hohen Luftverschmutzung wie Peking oder Tianjin höher als in der südostchinesischen Provinz Guangdong (Environmental Health, 2003; DOI: 10.1186/1476-069X-2-15).

Auch für COVID-19 wurde eine Assoziation beschrieben. So stieg das Erkrankungsrisiko für Teilnehmer der UK Biobank-Studie in England mit jeder Zunahme des PM2,5-Werts um 1 µg/m3 um 12 % an (Environmental Pollution, 2021; DOI: 10.1016/j.envpol.2020.115859).

Ein Team um Marco Ferrario von der Universität Insubrien in Varese hat jetzt die Situation in der nordita­lienischen Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern untersucht. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz liegt am Fuß der Alpen im nördlichen Bereich der Po-Ebene, der Region mit der schlechtesten Luftquali­tät Europas.

Die Luft in Varese ist nicht ganz so schlecht wie in den Niederungen der Po-Ebene. Ein Einfluss auf das Erkrankungsrisiko war jedoch nachweisbar. Die Forscher konnten für 97,4 % der Einwohner die Luft­schad­werte aus dem Jahr 2018 ermitteln. Der Vergleich der 4.408 Einwohner, die bis März 2021 in den ersten beiden Wellen an COVID-19 erkrankt waren, mit den übrigen 58.440 Einwohnern ergab eine Korrelation: Jeder Anstieg der langfristigen PM2,5-Exposition um 1 µg/m3 war mit einem Anstieg der Zahl der Neuinfektionen von COVID-19 um 5,1 % verbunden (95-%-Konfidenzintervall 2,7 bis 7,5 %).

Ähnliche Assoziationen wurden für den (etwas gröberen) Feinstaub PM10, NO2 und Stickstoffmonoxid (NO) beobachtet. Eine Zunahme der Ozonwerte (O3) war dagegen mit einer Abnahme der Erkrankungen verbunden. Eine Erklärung könnte die reduzierte Umwandlung von NO in O3 bei starkem Straßenverkehr sein.

Interessant ist der direkte Vergleich mit anderen Risikofaktoren, die die Forscher in ihrer Studie ebenfalls untersucht haben. So erkrankten Patienten, die wegen Diabetes, Bluthochdruck oder einer COPD Medika­mente einnahmen oder zuvor einen Schlaganfall erlitten hatten zu 17 %, 12 %, 17 % und 29 % häufiger an COVID-19.

Die Luftverschmutzung ist demnach nicht der wichtigste Risikofaktor, er könnte jedoch einen relevanten Anteil haben: Ferrario schätzt aufgrund der Zahlen, dass es in Varese aufgrund der schlechten Luft auf 100.000 Einwohner und pro Jahr zu 294 zusätzlichen COVID-19-Erkrankungen gekommen ist. In den Niederungen der Po-Ebene mit seiner deutlich schlechteren Luft könnten es erheblich mehr gewesen sein. © rme/aerzteblatt.de

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