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Medizin

Pandemiemaßnahmen schützten Kinder auch vor anderen schweren Infektionen

Donnerstag, 13. Januar 2022

/volurol, stock.adobe.com

Oxford – Die Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 haben im 1. Pandemiejahr bei Kindern zu einem deutlichen Rückgang der Klinikbehandlung auch wegen anderer schwerer Infektionen geführt. Nach einer Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ, 2022; DOI: 10.1136/bmj-2021-067519) ist inzwischen ein „Rebound“ erkennbar.

Es war erwartet worden, dass die zahlreichen Einschränkungen der Sozialkontakte und andere Maßnahmen in der Pandemie neben SARS-CoV-2 auch andere Krankheitserreger zurückdrängen würden. Beschrieben wurde bereits der komplette Ausfall der Grippeepidemie im letzten Winter.

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Er zeigte sich auch in einer Analyse der „Hospital Episode Statistics“ des National Health Service, deren Ergebnisse Seilesh Kadambari und Mitarbeiter vom Nuffield Department of Population Health in Oxford jetzt vorstellen: Waren zuvor im Durchschnitt pro Jahr 5.379 Kinder im Alter unter 15 Jahren wegen einer Influenza im Krankenhaus behandelt worden, waren es im 1. Jahr der Pandemie nur 304 Kinder. Dies ergibt einen Rückgang um 94 %.

Bei der Bronchiolitis sanken die Einweisungen um 82 % von 51.655 auf 9.423 im Zeitraum 2020-21, ebenso beim Pseudokrupp (minus 78 %), bei der Pneumonie (minus 60 %), bei viralen Atemwegsinfek­tionen („viral wheeze“, minus 56 %) und bei Infektionen der oberen Atemwege (minus 66 %). Auch bei Masern (minus 90 %) und Mumps (minus 53 %) kam es zu einem Rückgang.

Es gab 50 % weniger Krankenhauseinweisungen aufgrund einer Meningitis, deren wichtigster Erreger, Neisseria meningitidis, bekanntlich über die Rachenschleimhaut in den Körper eindringt. Infektionen mit Haemophilus influenzae (minus 54 %) und Streptococcus pneumoniae (minus 60 %) wurden ebenfalls seltener nachgewiesen. Auch der Rückgang der Mandelentzündungen um 66 % oder der Mittelohrent­zündungen um 74 % lässt sich auf weniger oral aufgenommene Erreger zurückführen.

Im 1. Pandemiejahr sind auch weniger Kinder mit einer Osteomyelitis (minus 26 %) oder einer septi­schen Arthritis (minus 35 %) im Krankenhaus behandelt worden. Häufige Erreger sind hier Kingella kingae, Staphylococcus aureus und Streptococcus pyogenes, die ebenfalls über die Schleimhäute in den Körper eindringen können. Auch die Zahl der Sepsisbehandlungen ist um 33 % gesunken.

Die Zahl der Todesfälle ist ebenfalls zurückgegangen. Besonders deutlich war dies bei der Bronchiolitis, einer im Kindesalter lebensgefährlichen Erkrankung (die in England vor der Pandemie für 12 % aller Behandlungen auf pädiatrischen Intensivstationen verantwortlich war). Vor der Pandemie starben im Durchschnitt pro Jahr 55 bis 69 Kinder in den ersten 60 Tagen nach der Diagnose einer Bronchiolitis. Im 1. Jahr der Pandemie waren es nur 16. Trotzdem ist die Case-Fatality-Rate tendenziell von 15 auf 17/10.000 Fälle gestiegen. Die Odds Ratio von 1,18 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,71 bis 1,98 jedoch nicht signifikant.

Ein tendenzieller Anstieg der Case-Fatality-Rate war auch bei viralen Atemwegsinfektionen (Odds Ratio 1,51; 0,73-3,1), bei Infektionen der oberen Atemwege (Odds Ratio 1,19; 0,69-2,94) und bei der Meningitis (Odds Ratio 1,07; 0,66-1,73) zu beobachten. Bei der Pneumonie war der Anstieg der Case-Fatality-Rate um 62 % (Odds Ratio 1,62; 1,35 bis 1,95) sogar signifikant – obwohl die absolute Zahl der Todesfälle zurückgegangen ist: von einem Durchschnitt von 193 in den Jahren 2017-20 auf 156 im 1. Pandemie­jahr).

Den Grund vermutet Kadambari in der Verlagerung von leichteren Erkrankungen in den ambulanten Sektor: Ärzte und Eltern vermieden aus Angst vor einer Ansteckung eine Behandlung in der Klinik. Wenn nur schwere Fälle die Klinik erreichen, steigt bei gleichem medizinischem Standard die Case-Fatality-Rate.

Inzwischen ist es zu einem „Rebound“ gekommen. Im Mai 2021 lagen die Hospitalisierungen wegen Pseudokrupp fast 3 Mal höher als im langjährigen Durchschnitt (Odds Ratio 2,8; 2,6 bis 2,9). Im Juni 2021 kam es ebenfalls zu einer deutlichen Zunahme (Odds Ratio 2,3; 1,4-3,8). Bei den Infektionen der oberen Atemwege gab es ebenfalls einen Anstieg der Hospitalisierungen (Odds Ratio 1,4; 1,2-1,6).

Ein Grund könnte die durch die Pandemiepause nachlassende Immunität gegen die Erreger sein und das „Nachwachsen“ von neuen Kindern, deren Immunsystem noch keinen Kontakt zu den Erregern hatte. Eine ähnliche Beobachtung wurde in Deutschland gemacht, als es im Sommer außerhalb der üblichen Saison zu einer deutlichen Zunahme von Infektionen mit dem RS-Virus kam. Sorgen bereitet den Behörden auch der Rückgang der Impfungen. Laut der WHO haben in der Region Europa im Frühjahr 2020 22 % der Kinder nicht die vorgesehenen Impfungen erhalten. © rme/aerzteblatt.de

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