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Medizin

Hohe Impfquoten gehen mit niedrigerer Übersterblichkeit einher

Freitag, 14. Januar 2022

/picture alliance, Friso Gentsch

Jena – Die vom Bundesamt für Statistik gemessene Übersterblichkeit im Jahr 2021 schwankt deutlich zwischen den Bundesländern. Ursache dafür könnte die Coronaimpfquote sein. Das zeigt eine Korrela­tions­analyse von Forschenden der Ernst-Abbe-Hochschule (EAH) Jena. Eine Publikation der Daten sei in Arbeit, teilte Thomas Wöhner vom Fachbereich Betriebswirtschaft dem Deutschen Ärzteblatt mit.

Das Team aus zwei Professoren für allgemeine Betriebswirtschaft und einem Professor für Volkswirt­schafts­lehre fand einen Zusammenhang zwischen hohen Impfquoten und einer vergleichsweise niedri­gen Übersterblichkeit. Ihre Analyse ergab eine hochsignifikante negative Korrelation von -0,88 (gewich­tete Betrachtung der Bundesländer nach Einwohnerzahl) beziehungsweise -0,89 (ungewichtete Betrach­tung der Bundesländer).

Das Bundesland Bremen hatte mit der höchsten Impfquote von 80,9 % die geringste Übersterb­lichkeit von 1,44 %, während in Sachsen mit der niedrigsten Impfquote von 58,7% die Übersterb­lichkeit bei 14,67 % lag. Noch höher lag die Übersterblichkeit in Thüringen mit 16,46 % (Impfquote: 63,4 %) und Brandenburg mit 14,79 % (Impfquote: 62,8 %) (siehe Tabelle).

Die Untersuchung legt nahe, dass die Übersterb­lichkeit zumindest teilweise durch COVID-19 Fälle zu er­klären sei und dass durch Impfungen Infektionen verhindert oder ein milderer Verlauf bewirkt wurde, erklären die Forschenden um den Wirtschaftsinformatiker Wöhner in einer Pressemitteilung.

Die Analyse bezog sich auf Daten vor dem domi­nanten Auftreten der Omikron-Variante. Aussa­gen über die zukünftige Entwicklung lasse die Analyse daher nicht zu.

Als Datengrundlage nutzte das Team aus Jena die Sonderauswertung des statistischen Bundesamtes zu den Sterbefällen von 2016 bis 2021. Für das Jahr 2021 liegen demnach aktuell die Sterbefälle bis zur Kalenderwoche 48 vor. Dementsprechend wurde die Anzahl an Sterbefällen der Jahre 2016 bis 2019 und die im Jahr 2021 jeweils in den Kalenderwochen 1 bis 48 verglichen.

Aufgrund strenger Kontaktbeschränkungen und ähnlicher Maßnahmen wurde das Jahr 2020 als nicht repräsentativ erachtet und aus der Untersuchung ausgeklammert. Als Indikator für den Impffortschritt wurde die Impfquote (vollständige Impfung) nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom 8. De­zember 2021 (KW 49) genutzt. Der Verlauf der Impfkampagne und gegebenenfalls Boosterimpfungen fanden in der Untersuchung demnach keine Berücksichtigung.

Übersterblichkeit erreicht 2021 Höchstwerte in Deutschland

Im Jahr 2021 sind mit 1.016.899 Fällen erstmals seit 1946 mehr als eine Million Menschen pro Jahr in Deutschland gestorben. Das teilte das Bundesamt für Statistik diese Woche mit. Über eine Million Sterbe­fälle hatte es auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik in der Nachkriegszeit nur 1946 gegeben (rund 1.001.600).

Während damals schwierige Lebensverhältnisse die hohen Sterbefallzahlen erklärten, liegen die Zahlen heutzutage hauptsächlich aufgrund der größeren Bevölkerung und des höheren Anteils älterer Men­schen in dieser Größenordnung.

Im Vergleich zum ersten Coronajahr 2020 sind die Sterbefallzahlen 2021 um 3 % oder 31.327 Fälle gestiegen. Die Alterung der Bevölkerung erklärt diesen weiteren Anstieg nur zum Teil: Aufgrund des zunehmenden Anteils älterer Menschen an der Bevölkerung wird seit etwa 20 Jahren mit einer jährlich steigenden Zahl der Sterbefälle in Deutschland gerechnet.

Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung vor Beginn der Coronapandemie jedoch tendenziell an. Der Effekt der steigenden Lebenserwartung schwächte damit den Alterungseffekt ab. Bei gleichzeitigem Wirken beider Effekte stiegen die Sterbefallzahlen vor Beginn der Pandemie jährlich um durchschnittlich 1 bis 2 %.

Sterbefallzahl steigt 2021 deutlich mehr als erwartbar

Mit dem Einsetzen der Pandemie änderte sich dies: Bereits 2020 war der Anstieg im Vergleich zum letz­ten Vorpandemiejahr 2019 stärker ausgeprägt (+5 %). Ausgehend von 2019 wäre für 2021 eine Sterbe­fallzahl von 960.000 bis 980.000 erwartbar gewesen, also ein Anstieg um 2 bis 4 %, teilt das Bundesamt für Statistik mit. Tatsächlich ist sie von 2019 auf 2021 um 8 % gestiegen.

Ein Vergleich der gesamten Sterbefälle mit der Zahl der beim RKI gemeldeten COVID-19-Todesfälle ist derzeit bis November 2021 möglich. Im November lagen die Sterbefallzahlen um 15.723 Fälle oder 21 % über dem mittleren Wert der Vorjahre.

Beim RKI wurden bislang 7.591 COVID-19-Todesfälle mit einem Sterbedatum in diesem Monat gemeldet. Auch im September und Oktober erklärten die gemeldeten COVID-19-Todesfälle die erhöhten Sterbefall­zahlen nur zum Teil.

Für den zusätzlichen Anstieg der Sterbefallzahlen zieht das Bundesamt für Statistik mehrere Ursachen in Erwägung: Unerkannte COVID-19-Todesfälle (Dunkelziffer) oder die zeitliche Verschiebung von Sterbe­fällen innerhalb eines Jahres infolge der zum Jahresbeginn ausgefallenen Grippewelle könnten eine Rolle spielen (sogenanntes „mortality displacement“).

Möglicherweise zeigen sich auch die Folgen verschobener Operationen und Vorsorgeuntersuchungen. Der Beitrag einzelner Effekte lasse sich allerdings derzeit nicht beziffern. © gie/EB/aerzteblatt.de

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