NewsÄrzteschaft„Dreh- und Angelpunkt ist der frühzeitige Einsatz von monoklonalen Antikörpern“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

„Dreh- und Angelpunkt ist der frühzeitige Einsatz von monoklonalen Antikörpern“

Dienstag, 18. Januar 2022

Berlin/Reutlingen – Seit einiger Zeit stehen neutralisierende, monoklonale Antikörper (nt-mAK) bei SARS-CoV-2 Infektionen als Therapieoption zur Verfügung. Die Präparate Regdanvimab und die Kombina­tion aus Casirivimab und Imdevimab erhielten im November 2021 von der Europäischen Arzneimittel­agen­tur (EMA) die Zulassung.

In randomisiert kontrollierten Studien hatten sie bei ambulanten Patienten mit Risikofaktoren für einen schweren COVID-19 Verlauf bei frühzeitigem Einsatz günstige Effekte auf den Krankheitsverlauf sowie eine geringere Mortalität gezeigt.

Über die dennoch nur schleppende Anwendung der Infusionstherapie in der Hausarztpraxis sprach das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) mit dem Hausarzt Markus Böbel. Er weist unter anderem darauf hin, dass bereits seit einem Jahr, seit dem 1. Januar 2021, die „Monoklonale-Antikörper-Verordnung“ (MAKV) gilt, die die Bereit­stellung, den Anspruch und die Vergütung der Anwendung der Arzneimittel mit monoklonalen Antikörpern regelt.

5 Fragen an Markus Böbel, Facharzt für Allgemeinmedizin in Reutlingen

DÄ: Herr Dr. Böbel, halten Sie als Hausarzt den Einsatz von Infusio­nen mit nt-mAK bei COVID-19 im ambulanten Setting für erfolg­ver­sprechend und auch für praktikabel?
Markus Böbel: Ja, unbedingt. Die Behandlung von an COVID-19 erkrankten Patienten gehört derzeit in vielen Hausarztpraxen zum täglichen Geschäft. Die meisten Praxen haben auch bereits eine räumliche und/oder zeitliche Trennung von Infektpatienten und normalen Sprechstundenpatienten eingeführt.

DÄ: Dem Vernehmen nach erfolgt jedoch trotz der mittlerweile sehr guten Studienlage für den Einsatz von nt-mAK bei Risiko­patienten mit COVID-19 dieser in Deutschland ambulant sehr selten. Was sollten Hausärztinnen und Hausärzte beachten?
Böbel: Der Dreh- und Angelpunkt ist der frühzeitige Einsatz von nt-mAK bei COVID-19 erkrankten Patienten. Ein zeitgerechter Ein­satz der Therapie kann bei COVID-19 Patienten helfen, schwere Verläufe und damit auch Hospitalisie­rungen und eine Aufnahme auf die Inten­siv­stationen zu vermeiden.

Es sollte ein Einsatz in der frühen Phase der SARS-CoV-2-Infektion vor der Sero­konversion (< 3 Tage nach positivem PCR-Test, < 7 Tage nach Symptombeginn) erfolgen. So ist auch in den Empfehlungen der Fachgruppe COVRIIN des Robert-Koch-Institutes (RKI) die Gabe von monoklonalen Antikörpern limi­tiert auf den Zeitraum von sieben Tagen nach Symptombeginn bei nachgewiesener SARS-CoV-2 Infektion und vorhandenen Risikofaktoren für einen schweren Verlauf.

In diesem Zeitraum befinden sich die meisten Patienten in der ambulanten Betreuung. Die Therapie mit neutralisierenden monoklonalen Antikörpern kann in Hausarztpraxen, Coronaschwerpunktpraxen oder in spezialisierten Klinikambulanzen erfolgen. Denn der Einsatz dieser Medikamente im stationären Setting kommt meistens zu spät.

DÄ: Wie lassen sich die Therapieempfehlungen durch eine hausärztliche Praxis umsetzen? Können Sie dies an einem Beispiel erläutern?
Böbel: Da in den meisten hausärztlichen Praxen sowieso Infusionstherapien durchgeführt werden, können die infrastrukturellen Voraussetzungen und Skills des Praxisteams für die Therapie mit mono­klonalen Antikörpern als gegeben angesehen werden.

Berichten kann ich beispielsweise konkret über eine 33-jährige Schwangere in der 35. SSW mit Hals­schmerzen, Myalgien und Husten, die sich bei mir in der Infektsprechstunde der Praxis während der vierten Pandemiewelle (Anfang Dezember 2021) vorstellte. Die Symptome bestanden seit dem Vortag. Vorerkrankungen wurden verneint. Der bisherige Schwangerschaftsverlauf gestaltete sich komplikations­los.

Im Januar und Februar 2021 wurde die Patientin zweimal mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech (Comir­naty) geimpft. Der Lebenspartner der Patientin wurde zehn Tage zuvor positiv auf das SARS-CoV-2-Virus getestet und befand sich seither in häuslicher Isolation im gemeinsamen Haushalt.

Bei der körperlichen Untersuchung der Schwangeren zeigte sich ein unauffälliger inspektorischer Befund des Rachens, keine regionalen Lymphknotenvergrößerungen, Temperatur 36,7 ° C. Herz und Lunge waren auskultatorisch unauffällig. Sauerstoffsättigung betrug unter Raumluft 98 Prozent. Ein gleichzeitig durch­geführter SARS-CoV-2-Antigenschnelltest zeigte jedoch ein positives Ergebnis.

Es erfolgte deshalb ein PCR-Abstrich auf SARS-CoV-2 sowie eine Blutabnahme zur Bestimmung des SARS-CoV-2-Antikörperstatus. Am Folgetag standen die Laborergebnisse zur Verfügung: Es zeigte sich ein positiver PCR-Befund für SARS-CoV-2 mit einem CT-Wert von 22,3. SARS-CoV-2-AK NT (EIA) konnten nicht nachgewiesen werden.

Aufgrund dieser Information, dass trotz zweifach erfolgter Impfung keine ausreichenden Antikörper gegen SARS-CoV-2 gefunden werden konnten, berichtete die Patientin, dass sie bei ihren betriebsärzt­lichen Untersuchungen immer auffällig würde, da sie trotz regelmäßiger Auffrischungsimpfungen keinen ausreichenden Antikörpertiter durch die Hepatitis B Impfung aufbauen würde.

Zwischenzeitlich wurde die Patientin auch gynäkologisch gesehen und berichtete, der Fötus sei im CTG mit hohen Herzfrequenzen aufgefallen. Die Symptome der Patientin hatten insgesamt seit dem Vortag zugenommen. So beklagte die Patientin dann auch Fieber mit 38,5°C. Bedingt durch diese Entwick­lun­gen wurde der Einsatz von neutralisierenden monoklonalen Antikörpern erwogen.

Da Schwangerschaft nicht als eigenständiger Risikofaktor in den Empfehlungen des Robert-Koch-Insti­tutes zur Gabe von monoklonalen Antikörpern gelistet ist, erfolgte die telefonische Kontaktauf­nahme zum regionalen Beratungszentrum des Ständigen Arbeitskreises der Kompetenz- und Behandlungszent­ren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger (STAKOB) am RKI. In einem kollegialen Austausch wurde hierbei der Fall diskutiert.

Vonseiten des Beratungszentrums wurde hierbei darauf hingewiesen, dass Schwangerschaft auch als eigenständiger Risikofaktor angesehen werden sollte, und dass sich die Deutsche Gesellschaft für Gynä­kologie und Geburtshilfe (DGGG) ebenfalls für eine Gabe von monoklonalen Antikörpern ausspricht.

In einem längeren Telefonat mit der Patientin und dem Ehemann wurden die Therapiemöglichkeit vorge­stellt, Risiken und Nebenwirkungen erörtert. Schließlich wurde mit der Patientin ein Termin am selben Tag für die Antikörperinfusion außerhalb der regulären Sprechzeiten vereinbart.

Durch die Praxis erfolgte die Bestellung der monoklonalen Antikörper in der zuständigen Apotheke. Dies gestaltete sich völlig problemlos und die Medikamente konnten bereits 30 Minuten später abgeholt werden. Es erfolgte die problemlose Infusionsgabe von Casirivimab 600 mg/ Imdevimab 600 mg i.v. über 55 Minuten.

Während der Infusion und in einer 60-minütigen Nachbeobachtungszeit wurde ein kontinuierliches Monitoring von Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung bei der Patientin durchgeführt. Hierbei zeigten sich keine Auffälligkeiten. Ebenso gab es keine Hinweise auf eine allergische Reaktion.

Im Anschluss an die Nachbeobachtungszeit wurde die Patientin nach Hause entlassen. Dabei wurde ihr eine Telefonnummer für Notfälle zur Verfügung gestellt, unter der die Praxis auch außerhalb der Sprech­zeiten erreichbar ist.

Am folgenden Morgen war die Patientin fieberfrei und hatte keine Symptome mehr. Am selben Tag erfolgte eine erneute gynäkologische Kontrolle mit dem Ergebnis eines unauffälligen CTG Befundes.

In den folgenden drei Tagen wurde die Patientin täglich telefonisch überwacht. Sie berichtete, dass alle bisherigen Symptome nicht mehr vorhanden seien und auch nicht erneut auftraten. Anfang Januar brachte die wurde die Patientin von einem gesunden Säugling termingerecht entbunden.

DÄ: Eine Erfolgsgeschichte – bei diesem Fallbeispiel gab es offensichtlich keine Komplikationen. Doch welche Risiken gibt es generell beim Einsatz der Infusionstherapie?
Böbel: Wie bei vielen anderen Maßnahmen auch, besteht bei der intravenösen Gabe von nt-mAK das Risiko einer anaphylaktischen Reaktion. Auf diesen Zwischenfall sollte das Praxisteam vorbereitet sein. In der Literatur werden Zwischenfälle bei der Gabe von nt-mAK Infusionen bei COVID-19-Patienten jedoch nur mit einer sehr niedrigen Häufigkeit angegeben.

DÄ: Wie bewerten Sie angesichts der zunehmenden Verdrängung der Delta-Variante durch Omikron den Einsatz der Therapie momentan?
Böbel: Durch die Verdrängung der Delta-Variante durch Omikron steht derzeit keine Therapie mit mono­klonalen Antikörpern bei COVID-19 Patienten zur Verfügung. Die Kombination aus Casirivimab und Imdevimab hat sich bei der Omikron-Variante als wirkungslos erwiesen. Für den monoklonalen Antikörper Sotrovimab konnte jedoch eine Wirksamkeit bei Omikron gezeigt werden.

Sotrovimab ist in der Europäischen Union für die Behandlung von COVID-19-Patienten mit Risikofak­toren für einen schweren Verlauf bereits zugelassen, jedoch in Deutschland voraussichtlich erst ab dem 20. Januar verfügbar.

Wenn die prognostizierte Entwicklung der „Omikron-Wand“ in den nächsten Wochen eintritt, sollte über­legt werden, noch mehr ambulante Strukturen zu schaffen, um eine breite Therapie mit neutralisie­renden monoklonalen Antikörper bei COVID-19-Patienten mit Risikofaktoren zu erreichen. © ER/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER