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Politik

Omikron-Welle stellt Konzept der Corona-Warn-App auf den Prüfstand

Mittwoch, 19. Januar 2022

/dpa, Jens Kalaene

Berlin – Mit mehr als 40 Millionen Downloads gehört die offizielle Corona-Warn-App des Bundes zu den erfolgreichsten digitalen Tools weltweit, um die Coronapandemie einzudämmen. Knapp 1,3 Millionen Infizierte in Deutschland haben über die App vor risikoreichen Begegnungen gewarnt. Etwa mit recht­zeitigem Testen für Betroffene wird darauf abgezielt, eine weitere Virusausbreitung zu unterbinden.

Doch trotz dieser Erfolgsgeschichte reißt die Kritik am Konzept und an der konkreten Umsetzung nicht ab. Im Sommer 2020 zur Einführung ging es noch um die Frage, warum die App so spät kommt und warum die Konzerne SAP und Deutsche Telekom Millionen für die Entwicklung und Betrieb kassieren dürfen. Inzwischen geht es aber vor allem um die Frage, ob die App ihren eigentlichen Zweck erfüllen kann, nämlich einen nennenswerten Beitrag zur Eindämmung der Pandemie zu leisten.

Bereits vor gut einem Jahr rührten sich Zweifel an der Warnfunktion. Die Macher hatten im Dezember 2020 den Algorithmus der Kontaktberechnungen verändert, um präziser zu ermitteln, welche Begeg­nun­gen gezählt werden sollen. Als Folge der Änderung verschwand die Anzeige von vielen Begegnun­gen mit niedrigem Risiko, weil diese für die Eindämmung der Infektionsketten keine Rolle spielten. Etliche An­wen­der zogen daraus aber den Schluss, dass die App ihre Wächterfunktion eingestellt hat, und deinstallier­ten die scheinbar nutzlose Anwendung wieder.

Die aktuelle Omikron-Welle löst nun den gegenteiligen Effekt aus. Viele Anwender bekommen nun stän­dig die rote Kachel mit dem Warnhinweis „Erhöhtes Risiko“ angezeigt, weil sich Tag für Tag Zehntausende neu mit dem Virus infizieren und das positive Testergebnis auch in die App eintragen. Auf dem Twitter­kanal der App wurden Nutzer kürzlich bereits dazu aufgerufen, die Risikoer­mittlung im Testcenter kurz auszuschalten: Das verhindere viele unnötige Warnungen an dem Tag, hieß es.

Folgt man den Empfehlungen der Bundesregierung, müssten Nutzer mit einer roten Warnmeldung sich beim Hausarzt beziehungsweise dem örtlichen Gesundheitsamt melden. „Diese entscheiden anhand möglicher Krankheitssymptome, wie verfahren wird.“ Bei einer Warnung über ein erhöhtes Risiko bestehe Anspruch auf einen kostenfreien Test (PCR-Test oder Antigentest). Das gelte auch für vollständig Ge­impfte.

Aber auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ahnt, wie schwierig es in diesen Tagen und Wochen sein wird, diese offizielle Empfehlung komplett umzusetzen, weil zumindest die Gesundheits­äm­ter und PCR-Testzentren hoffnungslos überlastet sind.

Er gibt sich immerhin mit einfacheren Maßnahmen zufrieden: „Wenn hier ein Test veranlasst wird, ein Antigentest, oder man macht ihn zumindest selbst, dann kann man damit das Pandemiegeschehen we­sentlich entschleunigen“, sagte er gestern. „Gerade wenn es sehr viele Warnungen gibt, die dann zu Tes­tungen führen, dann ist das ein ganz wichtiger Baustein zur Entschleunigung der galoppierenden Pande­mie.“

Der Minister stellt deshalb auch die App nicht infrage: „Die Corona-Warn-App tut jetzt ihren Dienst“, sagte er. Dies gelte auch, wenn sie wegen Omikron oft anschlage. „Die App funktioniert und wirkt – vor allem in dieser Phase der Pandemie. Das sehen wir auch an den Downloadzahlen, die kontinuierlich steigen“, teilte ein Sprecher der Corona-Warn-App auf Anfrage mit. Die App leiste einen wichtigen Beitrag beim Unterbrechen von Infektionsketten, ohne Gesundheitsämter zu belasten.

Lobende Worte kommen auch von Nicolai Savaskan, dem Amtsarzt des Berliner Bezirks Neukölln, wo die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit mit über 1.500 bundesweit am höchsten ist. „Im Vergleich zum Beginn der Pandemie gehen die Leute viel kompetenter mit den Warnungen um“, findet er. Man erlebe trotz der ho­hen Anwenderquote keinen Ansturm wegen der App-Warnungen. Geht es um das Veranlassen eines Tests, seien die Umstände des Risikokontakts ausschlaggebend.

Das Testen nach App-Warnung ist für Savaskan jedoch eher ein Randaspekt: einfacheres Nachverfolgen von Kontakten, Chancen für die Gesundheitskommunikation auch nach der Pandemie – in diese Rich­tung denkt der Amtsarzt. Für Bürger sieht er in der Pandemie auch einen Nutzen auf psycholo­gischer Ebene: Sie könnten selbst etwas bewirken.

Es sei vor allem das „Rätselraten“ nach einer Warnung, das die App kompliziert mache, findet die Infektio­login Jana Schroeder (Stiftung Mathias-Spital, Rheine): Wann genau mag ein Risikokontakt wohl stattge­fun­den haben? Trug man währenddessen eine Maske? Könnte die Warnung womöglich auch vom Nach­barn hinter der Zimmerwand kommen?

Wenn die Warnungen zwar technisch richtig, aber inhaltlich störanfällig seien – etwa weil die sicher ge­tragene Maske nicht berücksichtigt wird – dann nützten sie auch weniger, meint Schroeder. Grund­­sätz­lich funktionierten auch andere Konzepte gegen Corona, wie das Pooltesten an Schulen, nur gut bei niedriger Inzidenz.

Nach einer kürzlich aufgeploppten Warnung hat Schroeder für sich den Schluss gezogen, in öffentliche Situationen immer eine dicht sitzende FFP2-Maske zu tragen, wie sie berichtet. Künftige Warnungen seien dann noch für sie von Interesse, „aber es hat ansonsten keine Auswirkungen“, weil sie sich mit der Maske gut geschützt sieht.

Diese Entscheidung zeigt auch: Gerade das Rätselraten könnte dazu führen, dass das eigene Schutzver­halten eher überdacht wird. Auch das gefühlte Risiko verändert sich womöglich. Vom Sprecher der App hieß es, dass Auswertungen von 2021 nahelegten, dass eine Begegnung mit einem nachweislich Infizierten zu einer Verhaltensänderung führe.

Der Frankfurter Epidemiologe Timo Ulrichs findet die App zwar momentan noch sinnvoll. „Wenn wir mehr und mehr in die Hochphase der Omikron-Welle gehen, stößt diese App an Grenzen“, so der Forscher in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk. Die Ausbreitung werde dann so dicht sein, dass wenige Möglichkeiten blieben, Übertragungswege zu unterbrechen.

Der Corona-Warn-App kommt mittlerweile zugute, dass sie nicht allein wegen ihrer Kernfunktion – dem Ermitteln risikoreicher Begegnungen – einen fest Platz auf unzähligen Smartphones gefunden hat. Sie hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren zu einem digitalen Schweizer Taschenmesser in der Pan­demiebekämpfung entwickelt. Populär ist vor allem die Funktion, die Impfzertifikate, Genesenen­nach­weise oder Testergebnisse in der App zu speichern und bei Bedarf schnell vorzeigen zu können.

Die jüngste Version der App kann jetzt auch dabei helfen, gültige Impf- oder Genesenenzertifikate sowie einen digitalen Testnachweis in einem Rutsch anzuzeigen. Das soll es erleichtern, einen 2G-plus-Nach­weis zu erbringen. Bei der Boosterimpfung hat die neue Funktion allerdings noch Probleme. Die Pro­grammierer der SAP arbeiten allerdings schon daran, auch dieses Problem aus dem Weg zu räumen. © dpa/aerzteblatt.de

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