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Medizin

Studie: Weltweit jährlich 1,2 Millionen Todesfälle durch Antibiotikaresis­tenzen

Donnerstag, 20. Januar 2022

/Artur, stock.adobe.com

Seattle – Antibiotikaresistenzen gehören mittlerweile weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Die Autoren der „Global Burden of Disease Study“ schätzen im Lancet (2022; DOI: 10.1016/ S0140-6736(21)02724), dass im Jahr 2019 etwa 1,2 Millionen Menschen an Infektionskrankheiten gestorben sind, weil die Antibiotika nicht mehr gewirkt haben. Bei insgesamt 4,95 Millionen Menschen könnten Antibiotikaresistenzen am Tod beteiligt gewesen sein.

Die Berechnungen, die ein Team um Mohsen Naghavi vom Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in Seattle vorstellt, sind komplex. Sie beruhen auf der „Global Burden of Diseases, Injuries, and Risk Factors Study“ (GBD), die die Krankheitslast zu verschiedenen Erkrankungen ermittelt hat, darunter auch von Infektionskrankheiten.

Unter der Verwendung verschiedener Quellen – darunter Literaturrecherchen, die Analyse von Kranken­hausdiagnosen und Überwachungssystemen zu Antibiotika – kommen die Forscher in insgesamt 10 Rechnungsschritten zu den Zahlen, die eine Schätzung sind und keine gesicherten Zahlen, die es nicht geben kann, weil Antibiotikaresistenzen in den wenigsten Ländern überhaupt erfasst werden.

Die 1,27 Millionen Todesfälle sind eine hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass an HIV/Aids jährlich 680.000 Menschen und an einer Malaria 627.000 Menschen sterben.

Den höchsten Anteil an den Todesfällen durch Antibiotikaresistenzen hatten 3 Erkrankungen: Dies waren Infektionen der unteren Atemwege, Sepsis und intraabdominelle Infektionen. Allein auf Pneumonien ent­fielen 400.000 direkt zuzuordnende Todesfälle und 1,5 Millionen assoziierte Todesfälle. An einer antibio­tikaresistenten Sepsis starben 370.000 Menschen und in fast 1,5 Millionen Fällen könnten sie zum Tod beigetragen haben. Intraabdominelle Infektionen mit resistenten Erregern waren direkt für 210.000 Todesfälle verantwortlich und an insgesamt 800.000 beteiligt.

Anders als man vermuten könnte, entfielen die meisten Todesfälle nicht auf die reicheren Länder, die über die finanziellen Ressourcen zum Einsatz von Antibiotika verfügen. Die Inzidenz der durch Antibio­tikaresistenzen verursachten Todesfälle war in Subsahara-Afrika und Südasien mit 24 beziehungsweise 22 Todesfällen pro 100.000 Einwohner am höchsten.

Bei den assoziierten Todesfällen betrug die Häufigkeit 99 Todesfälle beziehungsweise 77 Todesfälle auf 100.000 Einwohner. In Ländern mit hohem Einkommen führten Antibiotikaresistenzen direkt nur zu 13 Todesfällen auf 100.000 Einwohner und indirekt waren sie mit 56 Todesfällen auf 100.000 Einwohner verbunden.

Dies liegt laut Naghavi daran, dass in ärmeren Ländern insgesamt deutlich mehr Menschen an Infek­tions­krankheiten sterben. Außerdem gibt es dort keine Labors zur Erregerdiagnostik, die einen gezielten Einsatz von Antibiotika ermöglichen könnten.

In den Ländern südlich der Sahara werden die meisten Todesfälle durch resistente S. pneumonia und K. pneumonia verursacht. Naghavi schätzt den Anteil auf 16 % beziehungsweise 20 %. In den reicheren Ländern mit hohem Einkommen sind dagegen S. aureus (26 %) oder E. coli (23 %) zusammen für die Hälfte der resistenzbedingten Todesfälle verantwortlich.

Obwohl Antibiotikaresistenzen eine Bedrohung für Menschen jeden Alters darstellen, sind Kleinkinder am meisten gefährdet. Nach den Schätzungen entfällt jeder 5. Todesfall infolge einer Antibiotika­resistenz auf Kinder unter 5 Jahren.

Unter den 23 untersuchten Pathogenen waren 6 jährlich für mehr als 250.000 Todesfälle verantwortlich. Diese Erreger waren E. coli, S. aureus, K. pneumoniae, S. pneumoniae, A. baumannii und P. aeruginosa. 6 weitere Krankheitserreger waren jeweils für 100.000 bis 250.000 Todesfälle verantwortlich. Dies waren M. tuberculosis, Enterococcus faecium, Enterobacter spp, Streptococcus agalactiae (Streptococcus der Gruppe B), S. Typhi und Enterococcus faecalis.

Die häufigste Erreger-Wirkstoffkombination waren Methicillin-resistente S. aureus (MRSA). Sie haben nach den Schätzungen der IHME 2019 direkt mehr als 100.000 Todesfälle verursacht. 6 weitere Erreger-Wirkstoffkombinationen erklärten jeweils zwischen 50.000 und 100.000 Todesfälle.

Die meisten Antibiotikaresistenzen betrafen Fluorchinolone und Beta-Laktamantibiotika. Ihre resistenz­bedingte Wirkungslosigkeit erklärte schätzungsweise 70 % der Todesfälle.

Die gesundheitlichen Auswirkungen von einzelnen Krankheitserregern waren je nach Standort sehr unter­schiedlich. In Subsahara-Afrika waren Todesfälle infolge Antibiotikaresistenzen am häufigsten auf S. pneumoniae (16 % der Todesfälle) oder K. pneumoniae (20 %) zurückzuführen. In Ländern mit höhe­rem Einkommen sind resistente S. aureus (26 %) oder E. coli (23 %) die häufigsten Verursacher tödlicher Infektionen.

Die Autoren gestehen ein, dass ihre Schätzungen in vielen Bereichen ungenau bleiben müssen. So stan­den aus vielen Ländern mit geringem Einkommen, wo es nach der Studie die meisten Todesfälle gibt, nur sehr begrenzt Daten zur Verfügung.

Auch die Kombination von Daten aus einer Vielzahl von Quellen könnten schnell zu Verzerrungen führen, schreiben Naghavi und Mitarbeiter. Andererseits gab es bisher keine globalen Schätzungen zum Ausmaß der Antibiotikaresistenzen, so dass die Publikation der GBD-Autoren einen Standards setzen dürfte. © rme/aerzteblatt.de

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