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Sexueller Kindesmissbrauch: Schwere Vorwürfe gegen katholische Kirche

Freitag, 21. Januar 2022

Martin Pusch (l-r) und Marion Westpfahl von der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl übergeben das Gutachten zu Fällen von sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising an Stephanie Herrmann, Amtschefin der Erzdiözese München und Freising, und Generalvikar Christoph Klingan, Generalvikar der Erzdiözese München und Freising. /picture alliance, Sven Hoppe

München – Ein Gutachten im Auftrag des Erzbistums München und Freising lastet dem emeritierten Papst Benedikt XVI. in vier Fällen Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch während seiner Zeit als Erzbischof des Bistums München und Freising (1977 – 1982) an.

Das sagte der Jurist Martin Pusch von der mit dem Gutachten beauftragten Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl gestern bei einer Pressekonferenz in München. In allen Fällen habe Benedikt, damals Kardinal Joseph Ratzinger, ein Fehlverhalten strikt zurückgewiesen.

In ihrem Gutachten hat die Anwaltskanzlei im Zeitraum von 1945 bis 2019 insgesamt 363 Tatvorwürfe untersucht. „Bei 211 Sachverhalten sehen wir den Tatvorwurf als erwiesen oder zumindest plausibel an“, sagte Pusch.

Auch dem früheren Erzbischof von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter, wirft das Gutachten in 21 Fällen Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch vor. Wetter habe die Fälle zwar nicht bestritten, so Pusch, ein Fehlverhalten seinerseits aber schon.

Weiter wird dem Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx Fehlverhalten im Umgang mit zwei Ver­dachtsfällen von sexuellem Missbrauch vorgeworfen. Es gehe dabei um Meldungen an die Glaubenskon­gregation in Rom.

Darüber hinaus gibt es laut dem Gutachten mindestens 235 weitere mutmaßliche Täter der Erzdiözese, darunter 173 Priester und neun Diakone. Viele Geistliche seien auch nach Bekanntwerden von Miss­brauchsvorwürfen weiter eingesetzt worden.

Betroffen waren überwiegend Jungen zwischen 8 und 14 Jahren

Die Gutachter gehen von mindestens 497 Betroffenen sexuellen Missbrauchs aus, davon 247 Jungen und 182 Mädchen; in 68 Fällen war eine eindeutige Zuordnung nicht möglich. Deutlich überrepräsentiert war dabei die Altersgruppe der 8- bis 14-Jährigen (59 Prozent der Jungen, 32 Prozent der Mädchen).

Die Reaktionen gegenüber Klerikern, die des sexuellen Missbrauchs verdächtigt wurden, blieben vor 2010 nach Auffassung der Gutachter hintern dem nach kirchlichem Recht Gebotenen weit zurück.

Nachdem in den 1950er-Jahren noch vereinzelt disziplinarische Maßnahmen erfolgten, war „der Umgang mit den Klerikern anschließend von Milde und Nachsicht und der Motivation geprägt, keine größere öffentliche Wahrnehmung der Missbrauchsthematik zu erzeugen“, heißt es in dem Gutachten.

Sogar strafrechtlich verurteilte Priester wurden weiter in der Seelsorge belassen, teilweise sogar ohne jede Beschränkung in der regulären Gemeindearbeit. Im Vergleich dazu konnten die Gutachter fest­stell­en, dass gegenüber des Missbrauchs verdächtigten Laienmitarbeitern durchgängig angemessene dienst- und arbeitsrechtliche Maßnahmen ergriffen wurden.

Der Umgang mit den Betroffenen habe sich seit 2010 – dem Jahr des spektakulären Bekanntwerdens der Missbrauchsfälle am von Jesuiten geführten Berliner Canisius-Kolleg – zwar verändert. Eine „seelsorgeri­sche Zuwendung zu den Betroffenen und ihren Nöten und Belangen fand jedoch nicht statt“, schreiben die Gutachter. Und das, obwohl die negativen Folgen eines sexuellen Missbrauchs bereits weit vor 2010 auch kirchlicherseits bekannt gewesen seien.

Systemisch bedingte Angst und Hilflosigkeit im Umgang mit Skandalen

Den verfehlten Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs haben nach Auffassung der Gutachter ver­schie­dene systemische Defizite begünstigt, oder erst sogar ermöglicht. Sie benennen dabei den Klerika­lismus, eng verbunden mit einer „systemisch bedingten Angst und Hilflosigkeit im Umgang mit Skanda­len“. Dies habe zu einem „paranoiden Verhalten“ im Hinblick auf die eigentlich gebotene Transparenz ge­führt.

Hinzu kommen laut dem Gutachten grundlegende Mängel des kirchlichen Strafrechts, die damit verbun­dene unzureichende innerkirchliche Rechtskultur sowie Defizite hinsichtlich der Sachkompetenz bei der Besetzung diözesaner Führungsebenen.

Die Gutachter sehen zwar seit 2010 eine verbesserte Präventionsarbeit der Erzdiözese. Kirchliche Lei­tungsverantwortliche hätten aber nicht zuletzt auch in ihrer Funktion als Seelsorger mit Betroffenen in Kontakt treten müssen, wenn diese das wollten. Sie halten es des Weiteren für erforderlich, dass eine unabhängige Ombudsstelle für die Betroffenen eingerichtet wird, die diese bei der Wahrnehmung ihrer Anliegen unterstützt.

Die derzeit bestehenden Strukturen, insbesondere die Missbrauchsbeauftragten, würden oftmals nicht als unabhängig wahrgenommen werden. Damit einher gehe auch die Stärkung des Betroffenenbeirats, dem die für ein effektives Handeln notwendigen Mittel und Strukturen zur Verfügung gestellt werden müssen, fordern die Gutachter. © PB/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #113003
Claus-F-Dieterle
am Dienstag, 25. Januar 2022, 16:26

Voraussetzungen für das Leitungsamt in der Gemeinde

1 Es heißt – und das ist ein wahres Wort –: »Wenn sich jemand um ein leitendes Amt in der Gemeinde bemüht, strebt er nach einer großen und ehrenvollen Aufgabe.« 2 Darum kommt als Gemeindeleiter nur jemand in Frage, der ein untadeliges Leben führt. Er muss seiner Frau treu sein und sich durch Besonnenheit und Verantwortungsbewusstsein auszeichnen. Sein Verhalten darf keinen Anstoß erregen...
1.Timotheus 3,1-5

Da können auch die teuren Talare der Amtsträger nicht helfen, wenn der Charakter fehlt!!!
LNS
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