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Medizin

Virulente HIV-Variante aus den Niederlanden führt (unbehandelt) schneller zu Aids

Freitag, 4. Februar 2022

/Ezume Images, stock.adobe.com

Oxford – Britische Forscher haben eine Variante des HI-Virus entdeckt, die sich schneller im Körper ver­mehrt und das Immunsystem unbehandelt bereits nach 9 Monaten irreversibel schädigen kann. Die ge­ne­tischen Analysen in Science (2022; DOI: 10.1126/science.abk1688) ergaben, dass die Variante ver­mutlich bereits in den 1990er Jahren in den Niederlanden entstanden ist.

COVID-19 hat gezeigt, dass Mutationen den Verlauf einer Epidemie verändern können. Das HI-Virus mu­tiert jedoch wesentlich seltener als SARS-CoV-2 und die Auswirkungen machen sich wegen des lang­samen Verlaufs der Erkrankung erst mit einer größeren zeitlichen Verzögerung bemerkbar. Außerdem gibt es eine Behandlung, die einen vorzeitigen Tod verhindert – wenn sie rechtzeitig begonnen wird.

Die Variante, die ein Team um Christophe Fraser von „Big Data Institute“ der Universität Oxford vorstellt, wurde im Rahmen des „BEEHIVE“-Projekts („Bridging the Epidemiology and Evolution of HIV in Europe“) entdeckt. Ein Forscherteam aus Europa und Uganda untersucht dort, welchen Einfluss Mutationen im HIV-Genom auf die Virulenz haben. Es war nämlich schon in der Frühphase der HIV-Epidemie aufgefallen, das einige Patienten bereits wenige Jahre nach einer Infektion an Aids erkranken, während bei anderen das Immunsystem über Jahrzehnte den Angriff auf die CD4-Zellen parieren kann.

Bei ihren Analysen stießen die Forscher auf 17 Patienten, bei denen die Viruslast 6 bis 24 Monate nach der Infektion ungewöhnlich stark angestiegen war. Alle waren mit einer offenbar hochvirulenten Variante des Subtyp B von HIV infiziert, die die Forscher als „VB-Variante“ bezeichnen.

Da 15 Patienten aus den Niederlanden kamen, wurde in einer 2. Kohorte (ATHENA) gezielt nach weiteren Infektionen gesucht. Tatsächlich wurden 92 weitere Fälle aus den Niederlanden gefunden, die genetisch eng mit der „VB-Variante“ verwandt waren und die sich bei den Infizierten ebenso rasch vermehrten.

Laut Fraser hatten die mit der „VB-Variante“ infizierten Patienten bei der Diagnose eine 3,5- bis 5,5-fach höhere Viruslast als andere Patienten, was mit einem doppelt so schnellen Rückgang der CD4-Zellen verbunden war.

Die Forscher schätzen, dass eine Infektion mit der „VB-Variante“ unbehandelt innerhalb von 2 bis 3 Jahren zur Immunschwäche Aids führt. Zu einem Abfall der CD4-Zellen auf unter 350/mm3 könnte es bereits nach 9 Monaten kommen, wobei das 95-%-Konfidenzintervall von 2 bis 17 Monaten die Möglichkeit eines sehr raschen Zusammenbruchs des Immunsystems einschließt.

Die WHO spricht ab einem CD4-Wert von unter 350/mm3 von einer fortgeschrittenen HIV-Erkrankung. Das Risiko auf ein Aids-definierendes Ereignis steigt nach früheren Untersuchungen um den Faktor 3,6 an. Das Risiko auf eine schwere Komplikation einschließlich eines Todes ist um den Faktor 2,4 erhöht.

Eine antiretrovirale Therapie kann auch bei einer Infektion mit der „VB-Variante“ die Virusreplikation stoppen und den Abfall der CD4-Zellen verhindern. Es gebe deshalb keinen Anlass zu übertriebener Sorge, schreiben die Forscher.

Die zahlreichen Mutationen, die fast 300 Aminosäuren umfassen, haben laut der Studie nicht zu einer Resistenz auf die derzeitigen Medikamente geführt (nur 1 Mutation im pol-Gen könnte die Wirksamkeit von Zidovudin herabsetzen). Eine Infektion mit der „VB-Variante“ sei deshalb immer kontrollierbar, wenn sie rechtzeitig diagnostiziert werde.

Die Entdeckung der neuen HIV-Variante sollte deshalb ein Anlass für Risikopersonen sein, sich regel­mäßig testen zu lassen. Von einer Krise zu sprechen, sei keinesfalls gerechtfertigt, meint auch Joel Wert­heim von der Universität von Kalifornien in La Jolla im Editorial.

Die „VB-Variante“ ist nicht neu. Das 1. Virus-Isolat stammt aus dem Jahr 1992. Das Virus ist demnach in der Zeit vor der Entwicklung der antiretroviralen Therapie entstanden. Auf welche Weise die Variante die Replikation steigert, konnten die Forscher nicht ermitteln. Die zahlreichen Mutationen liefern keinen An­haltspunkt, weil sie über weite Teile des Genoms verstreut sind.

Die „VB-Variante“ ist nicht die 1. Variante von HIV. In verschiedenen Ländern kursieren Virusstämme, die sich genetisch unterscheiden und auch unterschiedlich rasch ausbreiten. Virologen fällt es schwer, die Entwicklungen zu deuten. Im Prinzip sollten sich Stämme wie die „VB-Variante“ rasch ausbreiten, weil sie die Infektiosität erhöhen. Das ist aber nicht immer der Fall.

So hätte vor Jahren in Uganda, wo die heterosexuelle HIV-Übertragung die Epidemie vorantreibt, der Subtyp D, der mit einer höheren Viruslast und einem schnelleren Fortschreiten zu Aids in Verbindung gebracht wurde, auf einen fruchtbaren Boden fallen sollen. Stattdessen hat sich jedoch der vergleichs­weise weniger virulente Subtyp A durchgesetzt. Er wird laut Wertheim derzeit sogar von einer noch weniger virulenten Variante verdrängt.

Auch die „VB-Variante“ scheint sich nicht durchzusetzen. Nach einer phylodynamischen Analyse ist ihr Anteil bis zum Jahr 2008 gestiegen. Danach war er zunächst stabil. Seit 2013 ist nach der Analyse der Oxford-Forscher ein Rückgang erkennbar, wobei sich die „Big Data“-Analysten erst auf eine geringe Zahl von Virusgenomen stützen können, was noch keine sicheren Aussagen erlaubt. © rme/aerzteblatt.de

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