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Medizin

New Yorker Patientin durch Stammzellen aus Nabelschnurblut von HIV geheilt

Mittwoch, 16. Februar 2022

/Ezume Images, stock.adobe.com

Los Angeles – Mediziner haben an einer Klinik in New York eine Frau mit Stammzellen aus Nabelschnur­blut von einer HIV-Infektion kuriert. Die Behandlung wurde mit einer konventionellen Knochenmark­trans­plantation kombiniert, um die Zeit bis zur Bildung eines neuen Immunsystems zu beschleunigen.

Die New Yorker Patientin hat die Behandlung nach den auf der „Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections“ CROI 2022 vorgestellten Ergebnissen besser vertragen als der „Berlin Patient“ und der „London Patient“, weil die „haplo-identische“ Transplantation offenbar eine GVHD-Reaktion („graft-versus-host disease“) vermied.

Die Heilung des Berliner und später des Londoner Patienten hatten gezeigt, dass eine Stammzelltrans­plantation eine HIV-Infektion stoppen kann, wenn in den übertragenen Zellen im Gen CCR5 die Mutation Delta 32 vorliegt. Die Mutation führt zur Bildung eines verkürzten C-C-Motiv-Chemokinrezeptors 5 (CCR5), was ein Eindringen der Viren in die CD4-Zellen verhindert.

Bei beiden Patienten war eine hämatopoetische Knochenmarktransplantation durchgeführt worden, die riskant und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden ist. Beide Patienten entwickelten eine schwere GVHD, bei der die Stammzellen die körpereigenen Zellen angreifen.

Einige Experten waren damals der Ansicht, dass die GVHD wesentlichen Anteil an der Heilung der HIV-Infektion hatte: Die Abwehrzellen aus der Knochenmarkspende könnten, so die Vermutung, die Zerstö­rung der wenigen CD4-Zellen des alten Immunsystems veranlassen, die möglicherweise die Konditi­onierung überstanden haben. Die Konditionierung wird vor der Stammzelltherapie durchgeführt. Dabei wird mit Zytostatika das alte Knochenmark beseitigt, um die Ansiedlung der neuen Stammzellen zu erleichtern.

Eine GVHD ist lebensgefährlich und führt nicht selten zu bleibenden Schäden. Für HIV-Patienten, die heute dank der antiretroviralen Medikamente auf eine normale Lebenserwartung hoffen dürfen, ist eine Stammzelltransplantation deshalb keine Option. Bei den beiden Patienten war die Behandlung nur vertretbar, weil sie an Leukämien litten, die sie ohne Stammzellbehandlung nicht überlebt hätten.

Die „International Maternal Pediatric Adolescent AIDS Clinical Trials Group“ (IMPAACT) untersucht derzeit, ob eine besser verträgliche Stammzelltherapie eine HIV-Infektion ebenfalls kurieren kann. Das Team um Yvonne Bryson von der David Geffen School of Medicine in Los Angeles verwendet Stamm­zellen aus Nabelschnurblut.

Diese Zellen können heute über diverse Nabelschnurblutbanken bezogen werden. Ihre Verwendung wird durch die immunologische „Unreife“ der Stammzellen im Nabelschnur­blut erleichtert. Die Kriterien für die Übereinstimmung der HLA-Eigenschaften sind weniger streng wie bei den adulten Knochenmark­stamm­zellen.

Ein Nachteil ist, dass Nabelschnurblut weniger Stammzellen enthält als das Knochenmark und dass es länger dauert, bis sie nach der Infusion beim Empfänger ein neues blutbildendes Gewebe aufgebaut haben. In der Leukämiebehandlung werden deshalb oft Zellen von mehreren Spendern verwendet.

Dies war bei der Patientin offenbar nicht möglich, da die verwendeten Stammzellen auf beiden CCR5-Genen die Delta 32-Mutation aufweisen mussten. Die Mediziner entschieden sich deshalb für eine gemischte „haplo-identische“ Stammzellbehandlung. Neben den Stammzellen aus dem Nabelschnurblut wurden auch „konventionelle“ Stammzellen eines Verwandten 1. Grades verwendet.

Diese Zellen sollten die Etablierung des neuen Knochenmarks beschleunigen, später aber von den Stammzellen aus der Nabelschnur verdrängt werden. Dies macht die Behandlung weniger riskant, da die Zeit verkürzt wird, in der die Patienten ohne funktionierendes Immunsystem und damit Krankheitser­regern schutzlos ausgeliefert sind. Da die adulten Stammzellen in den HLA-Eigenschaften vom Empfän­ger abweichen, kann es aber zu einer GVHD kommen. Diese würde allerdings ausheilen, nachdem sich die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut durchgesetzt haben.

Das Konzept ging offenbar auf. Bei der auf der Konferenz vorgestellten Patientin war 2013 eine HIV-Infektion diagnostiziert worden. Im Jahr 2017 erkrankte sie an einer akuten myeloischen Leukämie, die mit einer Stammzelltherapie behandelt werden sollte. Die Forscher fanden eine geeignete Nabelschnur­blutspende, die homozygot auf die Delta-32-Mutation war.

Die Behandlung an einer Klinik von Weill Cornell Medicine in New York verlief erfolgreich. Innerhalb von 100 Tagen hatten sich die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut durchgesetzt und ein neues blutbil­dendes Knochenmark gebildet. Die Patientin blieb laut Bryson von einer GVHD verschont. Sie befindet sich mittlerweile in einem guten gesundheitlichen Zustand. Die Patientin habe die antiretroviralen Medikamente 37 Monate nach der Stammzellbehandlung abgesetzt und sei danach über mittlerweile 14 Monate ohne HI-Virämie geblieben. Offenbar ist es gelungen, die infizierten Zellen des alten Immun­systems auch ohne eine GVHD zu beseitigen.

Eine Besonderheit der Patientin war, dass sie eine gemischte ethnische Herkunft hatte („mixed race“). Die Nabelschnurblutspende stammte von Spendern europäischer Herkunft. Die Mutation Delta 32 ist vor allem in Nordeuropa verbreitet. In den USA haben Spender und Empfänger normalerweise die gleiche ethnische Herkunft. Dies scheint bei der Verwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut nicht not­wendig zu sein.

Die Forscher wollen im Rahmen der Studie IMPAACT P1107 weitere Patienten behandeln. Die Einschluss­kriterien sehen allerdings vor, dass eine Erkrankung vorliegt, die eine Stammzellbehandlung notwendig macht. Ob es einmal zu einer Stammzelltherapie kommt, die einzig den Zweck hat, eine HIV-Infektion zu beseitigen, ist ungewiss. Die Risiken und Nebenwirkungen einer Stammzelltherapie dürften auch bei der Verwendung von Nabelschnurblut derzeit noch zu hoch sein./rme © rme/aerzteblatt.de

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