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Politik

Katastrophale Zustände: Qualität von Pflegeheimen in der Kritik

Montag, 21. Februar 2022

/MATTHIAS BUEHNER, stock.adobe.com

Bonn – Nach der Schließung eines Pflegeheimes in Augsburg hat Bayerns Gesundheitsminister Klaus Ho­letschek (CSU) gestern eine Offensive zum besseren Schutz der Bewohner solcher Einrichtungen ange­kündigt.

„Die Menschen in Bayern müssen darauf vertrauen können, dass die Pflege und Betreuung in allen baye­rischen Pflegeheimen gut und angemessen gewährleistet wird“, betonte er in München. Die Augsburger Einrichtung hatte schon seit rund einem Jahr wegen immer wieder aufgetretener Pflege­mängel unter Kontrolle der Heimaufsicht gestanden.

Holetschek schlägt unter anderem eine „Pflege-SOS-Anlaufstelle“ bei Missständen vor – also eine bay­ern­weit gültige Telefonnummer und Kontaktstelle, bei der Pflegebedürftige und -kräfte sowie Angehörige Beschwerden anonym vortragen können. Der Minister will außerdem ein Gutachten in Auftrag geben, um die landesrechtlichen Kontrollen zu verbessern.

Einer, der schon seit Jahrzehnten solche Missstände zur Sprache bringt, ist Claus Fussek. Der 69-Jährige nimmt auch kurz nach Eintritt in den Ruhestand kein Blatt vor den Mund: „In Sachen Missstände in Pfle­ge­heimen hat sich leider vielerorts nicht viel geändert“, sagte er der Neuen Osnabrücker Zei­tung.

Fussek sieht systemische Gründe: Bei den Pflegekräften herrsche vielfach eine Mischung aus Angst und Schweigen. „Sie haben angeblich Angst um den Arbeitsplatz, Angst vor Mobbing, wenn sie Missstände öffentlich anprangern.“

Auch die alten Menschen in den Pflegeheimen könnten sich kaum wehren. Sie hätten Angst vor Nach­tei­len, sprächen nur selten mit einer Stimme. „Das ist paradox und der Gau in der Pflege“, sagte Fussek, der seit der Aufdeckung des „Münchner Pflegeskandals“ 1997 ein gefragter Experte ist. Leider bestehe nach wie vor ein „perverses System, in dem man mit schlechter Pflege legitim Milliarden verdienen darf“.

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sieht „ein System der organisierten Ver­antwortungslosigkeit“, in dem niemand richtig durchgreifen könne. Die Heimaufsichten seien viel zu schwach besetzt, sagte er.

Auch die Pflegekassen, die nur einen Teil der Pflegekosten zahlten, sähen sich nicht in der Rolle, die Qua­lität der Heime zu überwachen. Wegen des Mangels an Pflegeheimplätzen stelle sich zudem immer die Frage, wo die Bewohner unterkommen könnten, falls eine Einrichtung geschlossen werde. „Angesichts fehlender Alternativen schließt mancher lieber die Augen und lässt so ein Heim weiter arbeiten“, so der Patientenschützer.

Eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung hatte Mitte Januar auch Versäumnisse vieler Bundesländer beklagt. In lediglich sechs von 16 Ländern erhielten Verbraucher Informationen über den Personalschlüs­sel oder schwerwiegende Mängel in Einrichtungen, hieß es. Und das, obwohl manche Länder dazu ge­setz­lich verpflichtet seien.

Allgemein zugänglich sind die Informationen laut Stiftung lediglich in Berlin, Hamburg, Nordrhein-West­falen und Mecklenburg-Vorpommern. Als positives Beispiel nennt die Stiftung Hamburg: Die Stadt stelle im Internet detaillierte Angaben über den Personaleinsatz in Pflegeheimen und vorübergehende Aufnah­mestopps bereit. Um die Situation zu verbessern, rät die Stiftung allen Bundesländern, relevante Daten zur Pflegequalität zentral im Internet zu veröffentlichen.

Zwar gibt es bundesweit auch den Pflege-TÜV: Heime sind danach verpflichtet, wichtige Daten im Inter­net zu veröffentlichen. Doch während der Coronakrise war dieses Instrument zeitweise ausgesetzt. Und Fussek warnt: Die Dokumente der Häuser seien oftmals geschönt.

Sein Tipp bei der Heimsuche: „Man muss das Gefühl haben, es ist dort ein angstfreies Arbeitsklima, das Personal ist freundlich.“ Auch die fachärztliche Versorgung sei ein wichtiger Gesichtspunkt: „Kommt ein Zahnarzt, kommt ein Geriater, und ist dort gelebte Hospizkultur, kann man sicher sein, wenn man am Ende des Lebens ist, dass da eine würdevolle palliative Versorgung garantiert ist?“ © kna/aerzteblatt.de

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