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Politik

Fachkräftemangel könnte zur Reduzierung von Sprechstundenzeiten führen

Dienstag, 15. März 2022

/Monika Wisniewska, stock.adobe.com

München – Der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK), Gerald Quitterer, hat eine Erhöh­ung der Studienplätze im Fach Humanmedizin gefordert, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken.

„Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten heute schon länger, als sie müssten, weil die Nachfolge nicht gesichert ist, die Patientenversorgung aber ja durch uns gewährleistet werden muss“, sagte Quitterer gestern bei einer Sitzung des Bayerischen Landesgesundheitsrates in München.

Der erhöhte Bedarf könne nur durch eine höhere Zahl von Medizinstudierenden gedeckt werden. Dabei müsse man jedoch berücksichtigen, dass viele junge Ärzte in Teilzeit arbeiteten. In Bayern seien mittler­weile 28 Prozent der niedergelassenen Ärzte in Teilzeit tätig, so Quitterer.

Hinzu kämen etwa sechs bis elf Prozent Studienabbrecher. Und zehn Prozent der Ärzte seien am Ende nicht in der kurativen Versorgung aktiv. „Aus meiner Sicht ist es deshalb realistisch, dass wir 200 Studien­anfänger benötigen, um etwa 100 Ärztinnen und Ärzte für die Versorgung zu bekommen“, sagte Quitterer.

Frust bei Medizinischen Fachangestellten

Auch bei den Medizinischen Fachangestellten (MFA) gebe es einen Fachkräftemangel, betonte die Präsi­dentin des Verbandes medizinischer Fachberufe (VmF), Hannelore König. Zwar seien die Ausbildungs­zah­len gut. So lag der Beruf der MFA im Jahr 2021 auf Platz 1 bei den neu abgeschlossenen Ausbildungs­ver­hältnissen. Viele junge Menschen könnten in der Folge jedoch nicht im Beruf gehalten werden, so König.

Die MFA seien infolge der Coronapandemie extrem belastet. Sie bekämen als erste den Frust der Patien­ten zu spüren. Viele seien auch deshalb gesundheitlich am Ende. Wie eine Umfrage vom Jahresbeginn ge­zeigt habe, dächten deshalb 46 Prozent der MFA einige Male im Monat und häufiger über einen Aus­stieg aus ihrem Beruf nach.

„Das sind doppelt so viele wie im Jahr 2017“, betonte König. Einer der Gründe sei, dass sie trotz ihrer har­ten Arbeit und hohen Belastung das Gefühl hätten, keine Wert­schätzung zu erhalten. Während Pflegende zum Beispiel jetzt einen weiteren Coronabonus erhalten sollen, würden die MFA erneut leer ausgehen.

Reduzierung der Sprechstundenzeiten

Hinzu komme eine vergleichsweise geringe Bezahlung. Dem Entgeltatlas der Agentur für Arbeit aus dem Jahr 2020 zufolge, bekämen MFA einen um knapp zehn Euro niedrigeren Bruttostundenlohn als Sozial­versicherungsfachangestellte – die während der Pandemie im Homeoffice arbeiten könnten. „Das erklärt so manchen Frust bei einer MFA“, betonte König.

Seit 2019 würden MFA bei der Agentur für Arbeit als Engpassberuf geführt, sagte die VmF-Präsidentin. Sie wies darauf hin, dass ab dem 1. September 2022 die Vergütung in der Pflege durch die Anhebung des Pflegemindestlohns auf 14,60 Euro steigen werde. Schon heute würden MFA in die Pflege wechseln, weil sie dort mehr verdienen.

„Ich weiß nicht, wie es dann im Herbst weitergehen wird“, sagte König, „in einer Zeit, in der mit einer weiteren Coronawelle zu rechnen ist.“ Als mögliche Folgen nannte sie eine Reduzierung der Sprechstun­den­zeiten oder das zwangsweise Schließen von Praxen.

Studie: 1,3 Millionen Vollkräfte fehlen bis 2030

Ingo Kolodziej vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung fasste die Ergebnisse des Gutachtens „Fachkräftebedarf im Gesundheits- und Sozialwesen 2030“ aus dem Jahr 2018 zusammen, in dem die Au­toren in einem Worst-Case-Szenario davon ausgehen, dass im Jahr 2030 die Nachfrage nach Fachkräf­ten im Gesundheits‐ und Sozialwesen mit 4,9 Millionen Vollkräften um 1,3 Millionen Vollkräfte höher liegen werde als das verfügbare Angebot.

Verhalten optimistisch, dass sich diese Lücke vollständig schließen lasse, könne man sein, wenn ver­schie­dene Aspekte angegangen würden. Dazu gehöre es, den Bestand an Fachkräften im Gesundheits‐ und Sozialwesen künftig in erheblich stärkerem Ausmaß zu aktivieren und durch Produktivitätsfortschritt im Rest der Wirtschaft den Ar­beits­kräftebedarf zu senken und damit das für das Gesundheits‐ und Sozial­wesen zur Verfügung stehen­de Reservoir an potenziellen Arbeitskräften zu erhöhen.

Darüber hinaus müssten künftige Schulabgänger deutlich stärker als heute für das Gesundheits‐ und Sozialwesen begeistert werden. Zudem seien ausländische Fachkräfte für Deutschland zu gewinnen, insbesondere aus großen Ländern mit einer günstigen Bevölkerungsstruktur. Am Ende sollten auch arbeitssparende Innovationen, zum Beispiel im Bereich Digitalisierung, Robotik und Sensorik, verstärkt zum Einsatz kommen.

Die Autoren rechnen damit, dass bis 2030 etwa 1,1 Millionen Vollkräfte innerhalb Deutschlands gewon­nen werden könnten und darüber hinaus für das Gesundheits‐ und Sozialwesen ein Zuwanderungsbedarf von rund 177.000 Vollkräften im Zeitraum vom 2020 bis 2030 besteht. © fos/aerzteblatt.de

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