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Medizin

Zweiter COVID-19-Lockdown: Zahl der Suizidversuche bei Jugendlichen in Deutschland nahm zu

Donnerstag, 31. März 2022

/Pormezz, stock.adobe.com

Essen – In Deutschland ist es während des zweiten COVID-19-bedingten Lockdowns zu einer fast 3-fachen Zunahme der Sui­zidversuche bei Jugendlichen im Alter von im Alter von 12 bis 17 Jahren gekommen im Vergleich zu den Jahren 2017 bis 2019. Zu diesem Schluss kamen Forschende des Universitätsklinikums Essen anhand der Daten von einem Fünftel der deutschen Kinderintensivstationen. Über die Ergebnisse, die demnächst in Pediatrics erscheinen sollen, sprach der Kinderintensivmediziner Christian Dohna-Schwake mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Bereits am 5. Januar hatte er über die noch nicht publizierten Daten auf You Tube berichtet. Die Analyse ergab auch, dass es im ersten Lockdown von März bis Mai 2020 bei Mädchen zu einer leichten Abnahme der Zahl der Suizidversuche kam. Bei Jungen sei eine ten­den­zielle Zunahme zu beobachten gewesen, die allerdings nicht signifikant war, berichtete Dohna-Schwake. Die Ergebnisse des 1. Lockdowns hat das Autorenteam inzwischen in dem Open-Access-Journal MDPI Children veröffentlicht (DOI: 10.3390/children9030363).

Kinderintensivstationen zeigen Veränderungen auf

Die retrospektive Kohortenstudie zu Suizidversuchen im ersten Lockdown umfasst Daten von 1.444 Aufnah­men auf 37 deutschen Kinderintensivstationen, das entspricht 21,5 % der deutschen Kinderintensiv­kapazitäten.

„Kinderintensivstationen sind von Veränderungen in diesem Bereich betroffen, da sie häufig an der Stabilisierung der Vitalfunktionen von Patienten und der Überwachung nach Selbstverletzungen und Suizidversuchen beteiligt sind“, erklären Dohna-Schwake und seine Kollegen.

Im Vergleich zu den entsprechenden Zeiträumen in den Jahren 2017 bis 2019 war die Rate der Suizid­versuche (standard morbidity ratio, SMR) bei Jugendlichen im 1. Lockdown um 32 % reduziert (SMR 0,68 [0,46–0,98]; p=0,04).

Eine Stratifizierung nach Geschlecht ergab eine Zunahme bei adoleszenten Jungen, die allerdings statistisch nicht signifikant war (SMR 1,38 [95-%-KI 0,51–3,02] p=0,54). Die Abnahme bei den Mädchen hingegen blieb signifikant (SMR 0,56 [95-%-KI 0,32–0,79]; p=0,00).

Niedrige Suizidversuchszahlen erschweren Schlussfolgerungen

Diesen Rücklauf bei Mädchen zu beurteilen, fällt auch Dohna-Schwake schwer: „Im ersten Lockdown gab es noch eine positive Aussicht, ein Ende schien in Sicht zu sein.“ Hingegen hätte sich der zweite Lockdown in die Länge gezogen, der positive Ausgang war daher nicht mehr sicher. „Zudem nahmen Ängste zu, sich oder Familienangehörige anzustecken. Ebenso die zunhemende Angst vor sozialen Nöten könnte eine Rolle gespielt haben, spekuliert der Letzautor Dohna-Schwake. Als mögliche Vorteil der Mädchen nennen die Autoren der Studie auch Schutzmechanismen wie ein erhöhtes Zugehörig­keitsgefühl und soziale Verbundenheit, die bei Jungen weniger zum Tragen gekommen sein könnten.

Die Suizidversuchszahlen waren 2020 mit 16 Fällen bei Mädchen und 6 bei Jungen allerdings niedrig. In den Jahren 2017 bis 2019 waren es 25 bis 37 Suizidversuche pro Jahr, darunter 2 bis 5 Fälle bei Jungen.

Verdreifachung der Suizidversuche erst im 2. Lockdown

Deutlich höhere Zahlen dokumentierte das Team um den Kinderintensivmediziner aus Essen im zweiten Lockdown. Dem teilte Dohna-Schwake die Ergebnisse mit: Bei Jungen und Mädchen hat sich die Rate der Suizidversuche (n = 93) im zweiten Lockdown demnach im Vergleich zu 2017 bis 2019 fast verdreifacht (SMR 2,84 [95-%-KI 2,29-3,49]). Meist habe es sich um Medikamentenintoxikationen gehandelt, 2 der 93 Jugendlichen seinen später gestorben. (Nachtrag 10.5.2022: Pediatrics doi: 10.1542/peds.2021-055973)

Bei adoleszenten Jungen war der Anstieg stärker ausgeprägt – aufgrund der kleinen Fallzahl (n=13) allerdings wie auch schon im ersten Lockdown mit einem breiten Konfidenzintervall (SMR 3,25 [95-%-KI 1,73-5,56]). Bei den Mädchen (n = 80) kam es zu einem Anstieg der Suizidversuche um das 2,79-Fache (95-%-KI 2,20-3,48).

Kein Abwägen zwischen mentaler und physischer Gesundheit

Dohna-Schwanke sieht den Anstieg der Suizidversuche während des zweiten Lockdowns als belegt an. Auch die amerikanischen pädiatrischen Fachgesellschaften hätten das Thema zu einem Notfall erklärt.

Allerdings wisse man nicht, wie es nach dem zweiten Lockdown weitergegangen sei, räumt der leitende Ober­arzt der Pädiatrischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen ein. Die Erhebung wurde abgeschlossen. „Aus meiner persönlichen Erfahrung war das der Peak an Suizidversuchen im zweiten Lockdown“, sagte er dem . In der Zeit danach seien die Suizidversuche wieder deutlich zurückgegangen, so seine persönliche Beurteilung.

Es sei absolut unzweifelhaft, dass die mentale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen gelitten habe, ergänzte Dohna-Schwake. Studien belegen, dass auch Angsstörungen, Depressionen oder etwa Essstörungen um das 2- bis 2,5-fache zugenommen haben. Er wolle aber nicht den Schaden durch die akute Infektion und deren Folgen, wie etwa einem pädiatrischen inflammatorischen Multiorgansyndrom (pediatric inflammatory multi­system syndrome, PIMS) oder Long COVID, mit dem Schaden der mentalen Gesundheit gegeneinander aufwiegen.

Zunahme psychischer Störungen während der COVID-19-Pandemie – die Rolle beruflicher und finanzieller Belastungen

Die COVID-19-Pandemie ist eine globale Krise, die sich auf die Lebens- und Arbeitssituation vieler Menschen auswirkt. Es wurde daher früh vermutet, dass die Häufigkeit psychischer Störungen und Erkrankungen ansteigen könnte (1–3). Vorliegende Studien aus verschiedenen Ländern mit Messungen vor und während der Pandemie deuten darauf hin, dass sich die psychische Gesundheit der Bevölkerung

Den Aussagen einer Stellungnahme der Initiative Familie, die auch Vertreter verschiedener Kinderfach­gesellschaften unterzeichnet haben, möchte Dohna-Schwake daher so nicht zustimmen. Hier heißt es unter anderem: „Niemals zuvor stand die Angst vor einer Atemwegsinfektion in einem so eklatanten Wider­spruch zur damit verbundenen Krankheitslast. Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass die Kollateralschäden (u.a. Fehlernährung, Bewegungs­mangel, Anstieg der Suizidversuchsrate, Suchterkrankungen sowie Gewalttaten gegen Kinder) durch die während der Pandemie verhängten Maßnahmen die Risiken einer Coronainfektion bei Kindern und Ju­gendlichen um ein Mehrfaches übersteigen.“

Schwierige Interpretation

Dass Daten zu Suizidraten immer nach einer vorsichtigen Interpretation verlangen, zeigen auch Studien aus dem Ausland. Für England waren im November 2021 Daten veröffentlicht worden, nach denen sich die Todesrate durch Suizide bei Kindern in der COVID-19-Pandemie insgesamt nicht verändert hat. Gleichzeitig gab es Hinweise darauf, dass es zu einer vorübergehenden Zunahme der suizidbedingten Todeszahlen während des ersten Lockdowns im Vereinigten Königreich gekommen war.

Bei Twitter betonte der Kinder- und Jugendpsychologe Julian Schmitz von der Universität Leipzig: „Diese neuen Daten aus England zu Suizidalität bei Kindern zeigen gut, wie schwierig eine Interpretation von Suizidraten hinsichtlich der Effekte von Lockdowns und Schulschließungen sind.“ Hilfreicher seien seiner Meinung nach Studien, die Kinder direkt nach ihrer Belastung im Lockdown befragen würden und nach dem Einfluss der Lockdownmaßnahmen, schreibt Schmitz und verweist auf eine niederländische Studie. Die Risikofaktoren für Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen seien sehr vielfältig.

Suizidversuche müssen kein Prädiktor für tatsächliche Suizide sein. Eine Studie im zeigte zumindest für Rheinland-Pfalz und Emilia-Romagna (Italien), dass die Suizidraten im Jahr 2020 konsistent waren mit jenen der Vorjahre von 2011 bis 2019. Sobald die Suizidraten für das 2021 veröffentlicht werden, können auch Aussagen über den 2. Lockdown gemacht werden. © nec/gie/aerzteblatt.de

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