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Medizin

Studie: Hohe Flüssigkeitszufuhr könnte vor Herzinsuffizienz im Alter schützen

Donnerstag, 14. April 2022

/Halfpoint, stock.adobe.com

Bethesda/Maryland – Eine hohe Natriumkonzentration im Serum, die ein Zeichen für eine Dehydratation, also eine mangelnde Flüssigkeitszufuhr ist, war in einer prospektiven Beobachtungsstudie mit einem erhöhten Risiko auf eine linksventrikuläre Hypertrophie und eine chronische Herzinsuffizienz im spä­teren Lebensalter assoziiert.

Die im European Heart Journal (2022; DOI: 10.1093/eurheartj/ehac138) publizierten Ergebnisse bestä­tigen tierexperimentelle Befunde, in denen eine mangelnde Flüssigkeitszufuhr zu Herzschäden geführt hatte.

Die meisten Erwachsenen trinken zu wenig. Die „European Food Safety Agency“ (EFSA) rät zu einer Gesamtwasseraufnahme von 2,5 Litern für Männer und 2 Litern für Frauen, wobei 20 % mit der festen Nahrung aufgenommen werden. Der Rest muss getrunken werden. In Deutschland nahmen in einer Studie aus dem Jahr 2011 Männer im Durchschnitt nur 1,526 Liter und Frauen 1,214 Liter Flüssigkeit auf.

Welche Folgen ein Wassermangel haben kann, hat ein Team um Natalia Dmitrieva vom US-National Heart, Lung, and Blood Institute in Bethesda/Maryland in einer früheren Studie an Mäusen untersucht. Die Tiere wurden mit einer wässrigen Nahrung gefüttert, bekamen aber nichts zu trinken. Die Folge war eine Dehydratation, die zu einem chronischen Anstieg des Serumnatriums führte.

Die Tiere blieben zunächst klinisch gesund. Es kam jedoch zu einem vermehrten Energieverbrauch und zu chronischen Entzündungsreaktionen. Die Tiere starben 6 Monate früher, was einer Verkürzung der Lebenserwartung um 18 % entspricht. Die postmortale Untersuchung ergab, dass der Wassermangel neben einer Schädigung der Nieren auch zu einer Herzfibrose geführt hatte (JCI Insight, 2019; DOI: 10.1172/jci.insight.130949). Beides könnte die Verkürzung der Lebenszeit erklären.

In der aktuellen Studie hat die Forscherin die Auswirkungen von zu geringen Trinkmengen auf den Menschen untersucht. Dies ist natürlich nicht in einem klinischen Experiment möglich, da es nicht praktikabel und sicherlich ethisch nicht zu rechtfertigen wäre, Menschen über längere Zeit Flüssigkeit vorzuenthalten.

Die Forscherin hat deshalb die Daten der ARIC-Kohorte („Atherosclerosis Risk in Communities“) ausge­wer­tet. An der prospektiven Beobachtungsstudie nimmt seit 1987/88 eine Gruppe von über 15.000 Männern und Frauen teil. An 2 Zeitpunkten war auch das Blut untersucht worden.

Nicht wenige Teil­nehmer hatten im Alter von 45 bis 66 Jahren einen Natriumwert von über 143 mmol/l, der ein Wasser­defizit von etwa 1 % im Körper anzeigt. Diese Personen erkrankten im Verlauf der nächs­ten 25 Jahre häufiger an einer linksventrikulären Hypertrophie oder an einer Herzinsuffizienz. Die links­ventrikuläre Hypertrophie ist gekennzeichnet durch eine Vergrößerung des linken Herzmuskels, der auf eine chronische Überlastung hinweist, die später zu einer Fibrose führen kann.

Von den 11.814 Erwachsenen, deren Daten Dmitrieva und Mitarbeiter auswerten konnten, sind mittler­weile 1.369 an einer chronischen Herzinsuffizienz erkrankt. Die Personen mit einem Natriumspiegel im Serum von über 143 mmol/l waren zu 39 % häufiger erkrankt als Teilnehmer mit normalen Werten. Die Hazard Ratio von 1,39 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,14 bis 1,70 signifikant. Die Wirkung war dosisabhängig: Jeder Anstieg des Serumnatriums um 1 mmol/l ging mit einem um 5 % erhöhten Risiko auf eine chronische Herzinsuffizienz einher.

In einer retrospektiven Fall-Kontrollstudie, die 4.961 Personen umfasste, war ein Anstieg des Serum­natriums auf 142,5 bis 143 mmol/l im mittleren Lebensalter auch mit einer um 62 % erhöhten Wahr­scheinlichkeit auf die Diagnose einer linksventrikulären Hypertrophie verbunden: Die Odds Ratio von 1,62 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,03 bis 2,55 signifikant. Bei einem Serumnatrium von über 143 mmol/l stieg die Odds Ratio auf eine linksventrikuläre Hypertrophie auf 2,07 (1,30–3,28), und auch für die chronische Herzinsuffizienz wurde eine signifikante Assoziation gefunden (Odds Ratio 1,54; 1,06-2,23).

Die Forscherin schließt daraus, dass ein Natriumspiegel von 142 mmol/l oder höher auf die Dauer das Herz schädigen kann. Ein möglicher Pathomechanismus ist der vermehrte Anstieg des antidiuretischen Hormons (ADH) aus dem Hypophysenhinterlappen. Das Hormon vermindert die Wasserabgabe über die Niere (indem es die Wasserrückresorption in den Sammelrohren und Verbindungstubuli der Niere fördert). Dadurch erhöht sich das Blutvolumen, was einen Anstieg des Blutdrucks zur Folge hat.

Gleichzeitig kommt es zu einer Aktivierung des Renin-Angiotensin-Systems, das die blutdrucksteigernde Wirkung noch unterstützt. Zu dieser Vermutung passt, dass die linksventrikuläre Hypertrophie eine bekannte Langzeitfolge einer Hypertonie ist. Tatsächlich war der Anteil der Hypertoniker unter den Teilnehmern mit erhöhten Natriumwerten doppelt so hoch wie bei den Teilnehmern mit normalen Werten (10 % versus 5 %).

Die Ergebnisse der epidemiologischen Studie bestätigen damit die tierexperimentellen Befunde. Bewei­sen können sie den Zusammenhang zwischen einer zu geringen Flüssigkeitszufuhr und einer späteren Herzschwäche allerdings nicht. Hierzu wäre eine randomisierte klinische Studie notwendig, die Personen mit erhöhten Natriumwerten über Jahre auf eine unterschiedliche Trinkmenge randomisieren müsste. Eine solche Studie ist aus den angegebenen Gründen nur schwer vorstellbar. © rme/aerzteblatt.de

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