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Medizin

COVID-19: Ivermectin bleibt in randomisierter Studie erneut ohne Wirkung

Donnerstag, 31. März 2022

/HJBC, stock.adobe.com

Belo Horizonte/Brasilien – Das Antiparasitikum Ivermectin, das vor allem in Südamerika als „Wunder­mittel“ gegen COVID-19 gilt, hat in der bisher größten randomisierten Studie in Brasilien keine Wirkung erzielt, wie die jetzt im New England Journal of Medicine (2022; DOI: 10.1056/NEJMoa2115869) publizierten Ergebnisse zeigen.

Ivermectin hat seit seiner Einführung in den 1980er Jahren die Behandlung eines Parasitenbefalls vor allem in der Tiermedizin deutlich erleichtert. In der Humanmedizin hat es sich bei der Behandlung der Flussblindheit und der Elephantiasis bewährt, die in tropischen Regionen verbreitet sind. Das Mittel ist zudem kostengünstig.

Die Ergebnisse von australischen Forschern, nach denen Ivermectin in Zellkulturen die Vermehrung von SARS-CoV-2 nach einer einmaligen Gabe um den Faktor 5.000 verminderte (Antiviral Research, 2020; DOI: 10.1016/j.antiviral.2020.104787), hat deshalb vor allem in Ressourcen-ärmeren Ländern das Inter­es­se an dem Wirkstoff geweckt. Auch in den USA, wo die Begeisterung für das Malariamittel Hydroxy­chloroquin inzwischen nachgelassen hat, wurde die Behandlung populär.

Die Ergebnisse der zumeist kleineren klinischen Studien waren dagegen nicht überzeugend. Der Virologe Andrews Hill von der Universität Liverpool kam im letzten Sommer in einer Metaanalyse auf der Basis von 23 Studien mit 3.349 Patienten zu dem Ergebnis, dass ein Rückgang der Sterberate durch Ivermectin nicht belegt ist. Allein eine Verkürzung der Behandlungszeit im Krankenhaus um 1,14 Tage war nach der Publikation in Open Forum Infectious Diseases (2021; DOI: 10.1093/ofid/ofab394) grenzwertig signi­fikant.

Es stellte sich jedoch heraus, dass eine von Hill verwendete Studie, die eine auffällig deutliche Reduktion der Sterblichkeit um 92 % gefunden hatte, vermutlich gefälscht war. Ohne Berücksichtigung dieser und anderer zweifelhafter Studien war keine Wirksamkeit von Ivermectin mehr erkennbar, wie Hill kürzlich in Open Forum Infectious Diseases (2022; DOI: 10.1093/ofid/ofab645) klarstellte.

Der Fall zeigt, wie problematisch Metaanalysen sein können, wenn die Autoren die Qualität der Studien nur aufgrund der Publikationen beurteilen und keinen Zugang zu den Patientendaten haben.

Auch die bisher größte randomisierte Studie, deren Ergebnisse Hill noch nicht berücksichtigen konnte, hat jetzt keine Wirksamkeit von Ivermectin nachweisen können.

In 12 Städten in Brasilien waren zwischen März und August 2021 insgesamt 3.515 Patienten auf eine dreitägige Behandlung mit Iver­mectin (Tagesdosis 400 µg pro kg Körpergewicht) oder Placebo randomi­siert worden. Die Teilnehmer durften nicht länger als 7 Tage unter COVID-19-verdächtigen Symptomen gelitten haben, und es musste mindestens 1 Risikofaktor für einen schweren Verlauf vorliegen. Bei den Teilnehmern im mittleren Alter von 49 Jahren waren dies häufig eine Adipositas, ein Typ-2-Diabetes, eine unkontrollierte Hypertonie oder andere chronische Erkrankungen.

Tatsächlich wurde in der Placebogruppe bei 111 Patienten (16,3 %) eine Hospitalisierung oder ein Be­such in der Notfallambulanz erforderlich. In der Ivermectingruppe trat dieser primäre Endpunkt bei 100 Patienten (14,7 %) auf. Der leichte Vorteil für Ivermectin war jedoch trotz der großen Teilnehmerzahl der Studie nicht signifikant. Das von Gilmar Reis vom Forschungsinstitut Cardresearch in Belo Horizonte/Brasilien und Mitarbeitern ermittelte relative Risiko von 0,90 war mit einem 95-%-Konfidenz­intervall von 0,70 bis 1,16 nicht signifikant.

In einer „Per protocol“-Analyse, die nur Patienten berücksichtigt, die die Behandlung auch erhalten haben, war der Vorteil mit einem relativen Risiko von 0,94 (0,67-1,35) noch geringer und ebenfalls nicht signifi­kant. Auch in den sekundären Analysen zur Dauer der Infektion, der Dauer der Hospitalisierung, der Not­wendigkeit einer maschinellen Beatmung und der Sterberate waren keine sicheren Vorteile für Iver­mectin erkennbar.

In einer Subgruppenanalyse konnten keine Personen ermittelt werden, in denen die Behandlung mit Ivermectin vorteilhaft sein könnte. Die Studie stützt demnach die Empfehlungen der WHO, die sich in ihrer „living guideline“ bisher gegen den Einsatz von Ivermectin ausgesprochen hat. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahlen dürften auch künftige Metaanalysen keine Hinweise auf eine Wirksamkeit finden. © rme/aerzteblatt.de

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