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Medizin

Baricitinib in Phase-3-Studie bei Alopecia areata gut wirksam

Donnerstag, 21. April 2022

/Nadya Kolobova, stock.adobe.com

New Haven/Connecticut – Die tägliche Einnahme des JAK-Inhibitors Baricitinib hat in 2 Phase-3-Studien das Haarwachstum von Patienten mit Alopecia areata deutlich verbessert. Die auf der Jahrestagung der American Academy of Dermatology vorgestellten und im New England Journal of Medicine (2022; DOI: 10.1056/NEJMoa2110343) publizierten Ergebnisse könnten zur Zulassung einer seit längeren von Dermatologen „off label“ durchgeführten Therapie führen.

Inhibitoren der Januskinase (JAK) verhindern, dass die Signale von bestimmten Zytokinen in den Lympho­zyten weitergeleitet werden. Die Abwehrzellen werden nicht aktiviert und eine Entzündungs­reak­tion bleibt aus. JAK-Inhibitoren werden bei verschiedenen chronisch-entzündlichen Erkrankungen erfolgreich eingesetzt.

Bei Baricitinib werden vor allem die Zytokine Interferon gamma und Interleukin 15 „ausgebremst“, die häufig an Autoimmunreaktionen beteiligt sind. Zu diesen Erkrankungen gehört auch die Alopecia areata. Sie ist gekennzeichnet durch (einen oft kreisförmig umschriebenen) Haarausfall, der sich allerdings mit jedem Schub verschlechtern kann. Im Extremfall kommt es zum völligen Verlust der Kopfbehaarung (Alopecia totalis) oder sogar der gesamten Körperbehaarung (Alopecia universalis) einschließlich von Augenbrauen und Wimpern.

Eine Heilung gibt es wie bei anderen Autoimmunerkrankungen nicht. Die Behandlung besteht derzeit in der topischen Anwendung von Steroiden oder Immunsuppressiva, die häufig nur eine begrenzte Wirkung erzielen: 8 von 10 Patienten sind mit den derzeitigen Behandlungsoptionen unzufrieden.

Dermatologen haben schon vor einigen Jahren entdeckt, dass die Einnahme von JAK-Inhibitoren die Erkrankung günstig beeinflussen kann. Die Behandlung muss derzeit „off label“ durchgeführt werden, da kein Präparat offiziell zugelassen ist. Dies bedeutet auch, dass keine verlässlichen Daten zur Sicherheit vorliegen (obwohl die möglichen Nebenwirkungen aus anderen Anwendungsgebieten bekannt sind).

Der Hersteller strebt in den USA (und wohl auch in Europa) eine Zulassung an und hat zu diesem Zweck 2 Phase-3-Studien durchführen lassen. An der Studie BRAVE-AA1 nahmen vor allem in den USA 654 Patienten und an der Studie BRAVE-AA2 international (ohne deutsche Beteiligung) 546 Patienten teil, die im Mittel seit 3,6 Jahren beziehungsweise 4,3 Jahren an einer Alopecia areata litten.

Das Ausmaß wurde mit dem SALT-Score („Severity of Alopecia Tool“) bewertet, der sich aus dem Haar­verlust an Scheitelblick (40 %), rechtes Profil (18 %), linkes Profil (18 %) und hintere Ansicht (24 %) zu­sam­mensetzt und von 0 bis 100 reicht. Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer hatten einen Score von 95 bis 100. Mehr als 1/3 hatte eine Alopecia universalis. Etwa 90 % hatten mindestens 1 früheren Thera­pieversuch unternommen.

Die Patienten wurden in den beiden Studien auf eine Behandlung mit 2 mg Baricitinib, 4 mg Baricitinib oder Placebo randomisiert. Primärer Endpunkt der Studie war ein SALT-Score von weniger als 20, der in etwa einer 80 %-igen Haarbedeckung der Kopfhaut entspricht.

Wie Brett King von der Yale School of Medicine in New Haven/Connecticut und Mitarbeiter berichten, hatten am Ende der 36-wöchigen Behandlung bereits mit der niedrigeren Dosierung von 2 mg Baricitinib 22,8 % (BRAVE-AA1) beziehungsweise 19,4 % (BRAVE-AA2) das Therapieziel erreicht. Unter der 4 mg-Dosierung stieg der Anteil auf 38,8 % (BRAVE-AA1) beziehungsweise 35,9 % (BRAVE-AA2). Der Abstand zur Placebogruppe, wo der SALT-Score bei 6,2 % (BRAVE-AA1) und 3,3 % (BRAVE-AA2) auf unter 20 fiel, war in beiden Gruppen für beide Dosierungen signifikant.

In den sekundären Endpunkten waren die Ergebnisse in BRAVE-AA1 ebenfalls für beide Dosierungen signifikant, in der BRAVE-AA2 wurde dies teilweise nur in der höheren Dosierung erreicht. In jedem Fall gab es eine Dosis-Wirkungskurve, die es in der Praxis erlauben könnte, die Dosis an die Erfordernisse anzupassen.

Zu den positiven Wirkungen gehörte sicherlich auch ein erneutes Wachstum von Augenbrauen bei 38,9 % und der Wimpern bei 36,8 % der Patienten (in BRAVE-AA2 unter der höheren Dosierung).

Beim Einsatz von Baricitinib müssen die bekannten Nebenwirkungen des JAK-Inhibitors berücksichtigt werden. Dazu gehören Akne, Infektionen der oberen Atemwege, Kopfschmerzen, Harnwegsinfektionen und ein erhöhter Kreatinkinase-Spiegel. Schwere Infektionen waren selten. Nur 1 Patient musste des­weg­en die Behandlung abbrechen.

Zu bedenken ist ferner, dass es bei etwa 1/4 der Patienten zu einem Anstieg des LDL-Cholesterins kam. Dem stand bei 40 % der Patienten ein Anstieg des HDL-Cholesterins gegenüber, der sich im Prinzip günstig auf das langfristige Herz-Kreislauf-Risiko auswirken sollte.

Da es keine ernsthaften akuten Sicherheitsprobleme gab, dürften sich die Arzneimittelbehörden dem Wunsch vieler Patienten nicht widersetzen. Die Alopecia areata ist übrigens nicht die einzige Dermatose, bei der Baricitinib wirksam ist.

Das Team um King hat in den letzten Jahren auch über eine erfolgreiche Anwendung von JAK-Inhibitoren bei Ekzemen, Vitiligo, Granuloma anulare, Sarkoidose und der erosiven Lichen planus berichtet. © rme/aerzteblatt.de

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