NewsPolitikZehn Jahre ASV: Bürokratie bremst Ausbau
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Zehn Jahre ASV: Bürokratie bremst Ausbau

Montag, 4. April 2022

/BillionPhotos.com, stock.adobe.com

Berlin – Das Modell der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) hat sich zehn Jahre nach seiner Einführung etabliert. Das heißt jedoch längst nicht, dass alles reibungslos läuft: Vor allem die Bürokratie beim Anzeigeprozess behindert ein weiteres Wachstum. Die unterschiedliche Handhabung der Altberechtigungen der Krankenhäuser in den Bundesländern verstärkt zudem die regionale Schieflage in der ASV.

26.000 Ärztinnen und Ärzte sind mittlerweile Mitglied in ASV-Teams. Sie versorgen vor allem Patienten, die unter Krankheiten aus zwei großen Kategorien leiden: seltene Erkrankungen sowie Erkrankungen mit komplexem Verlauf und hohem Bedarf an interdisziplinärer Betreuung.

Fachleute aus verschiedenen Fachrichtungen und Sektoren kommen dazu in Teams zusammen und über­nehmen koordiniert die Abklärungsdiagnostik und Behandlung. So naheliegend die Vorgehensweise ist, so jung ist sie noch: Erst zum 1. Januar 2012 wurde sie mit der Neufassung von Paragrafen 116b durch das GKV-Versorgungsstrukturgesetz eingeführt.

Seitdem hat sich viel getan – allerdings noch nicht genug, wie der der Bundesverband ambulante spe­zial­fachärztliche Versorgung (BV ASV) heute anlässlich seines Symposiums zum zehnten Bestehen des Versorgungsmodells betonte. Die Entwicklung bleibe weiter hinter den Erwartungen zurück.

Zwar ist die Zahl der ASV-Teams allein von 2013 bis Mitte 2021 von 45 auf 622 gewachsen, doch das geschah eher trotz statt wegen der Rahmenbedingungen. „Es ist nicht besonders attraktiv, Teil eines ASV-Teams zu werden“, räumte denn auch Karin Maag ein, die Unparteiische im Gemeinsamen Bundesaus­schuss (G-BA), die von 2009 bis 2021 für die CDU im Bundesgesundheitsausschuss saß und die Entste­hung der ASV von Beginn an begleitet hat.

Anzeigeverfahren hemmt Team-Gründung

Grund für die mangelnde Attraktivität sei nicht zuletzt die Bürokratie. Kritiker hätten den Satz geprägt, das Anzeigeverfahren zur Bildung eines ASV-Teams sei mittlerweile zu einem Genehmigungsverfahren mutiert.

Diese Hürde können und wollen nicht alle Ärzte nehmen, was sich letztlich auch in der Zusammenset­zung der ASV-Teams spiegelt. Zwar sollen die idealerweise zu ungefähr gleichen Teilen aus Krankenhäu­sern, Praxen und Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) kommen, allerdings seien die meisten Teams sehr „krankenhauslastig“, so Maag.

Tatsächlich sind zwar 95 Prozent aller Teams intersektoral besetzt, im Durchschnitt sind aber nur 35 Pro­zent der Teammitglieder Vertragsärzte, wie BV-ASV-Geschäftsführerin Sonja Froschauer erklärte. Mit Blick auf die Teamleitungen ist das Verhältnis noch viel deutlicher: 86 Prozent kommen aus einer Klinik, neun aus einer Praxis, fünf aus einem MVZ.

Dieses Ungleichgewicht komme wahrscheinlich zustande, weil der bürokratische Aufwand des Teamauf­baus nun einmal eher von einem Krankenhaus oder MVZ gestemmt werden könne als von einer Praxis, vermutet Maag.

Die durchschnittliche Größe der ASV-Teams verstärkt das noch: 44 Ärzte sind es im Schnitt pro Team, wobei die Unterschiede je nach Indikation teils erheblich sind. Kommen bei der Behandlung von pulmo­naler Hypertonie im Schnitt 17 Ärzte zusammen, sind es bei Rheuma und urologischen Tumoren jeweils 73.

Insgesamt reicht die Spanne von 10 bis 322 Ärzten pro Team. Und auch hier gilt: „Bei 322 Ärzten in einem Team ist offensichtlich, dass allein schon die laufende Pflege der Ärztelisten einen Aufwand erzeugt, den nur größere Organisationen tragen können“, so Froschauer.

Auch die Patienten profitieren nicht überall gleichermaßen von der ASV – sie bleibt weiterhin ein städti­sches Phänomen. Zwei Drittel der Teams arbeiten in Großstädten oder strukturstarken Regionen, eben weil es dort auf relativ kleinem Raum jene unterschiedlichen Strukturen gibt, die in der ASV zu­sammen­arbeiten.

Das ist aber nicht das einzige räumliche Ungleichgewicht: Der Blick auf die Deutschlandkarte zeigt enor­me Unterschiede in der Zahl der ASV-Teams pro einer Million Einwohner je nach KV-Bezirk. 13,4 sind es in Schleswig-Holstein, 11,3 in Hessen oder aber 10,6 in Nordrhein.

Am anderen Ende der Skala steht Mecklenburg-Vorpommern, wo es kein einziges ASV-Team gibt. Auch Rheinland-Pfalz und das Saarland liegen mit 1,2 und 2 Teams pro einer Million Einwohner weit abge­schlagen. In Niedersachsen und Bayern sieht es mit einer Quote von 2,5 und 3,2 Teams nicht wesentlich besser aus.

Für diese regionale Schieflage ist aus Froschauers Sicht allerdings eher die Politik verantwortlich: Die stärkste Korrelation zeige sich nämlich zur Zahl der noch bestehenden Altberechtigungen der Kliniken – hier würden die Länderministerien unterschiedlich handeln, so Froschauer.

Noch genauere Einblicke soll das Versorgungsforschungsprojekt GOAL-ASV bieten, das der G-BA 2018 ausgeschrieben hatte und dessen Umsetzung er über den Innovationsfonds förderte. Unter Leitung von Robert Dengler wurden im Februar die letzten Auswertungen abgeschlossen, der Abschlussbericht wird derzeit zusammengestellt und soll nach der Übermittlung an den G-BA als Grundlage für eine Weiterent­wicklung der ASV dienen.

Denn Bedarf herrscht weiterhin und auch die Zahl der Indikationen wird weiter zunehmen. Maag kündig­te an, dass noch in diesem Jahr Multiple Sklerose sowie Knochen- und Weichteiltumore hinzukommen sollen. Die Zahl der ASV-Teams wird also trotz suboptimaler Bedingungen weiterhin wachsen, ist sich auch Froschauer sicher: „Wir haben das Plateau noch nicht erreicht.“ © lau/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER