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Ärzteschaft

Frust, Belastung, Fluktuation: Corona hat Praxen schwer zugesetzt

Donnerstag, 7. April 2022

Allgemeinmediziner Hanns Iblher (2. v.l.), Bettina Gaber (3.v.l.) und Burkhard Ruppert (2.v.r.) aus dem Vorstand der KV Berlin, und Thomas Götz, Berliner Staatssekretär für Gesundheit und Pflege.

Berlin – Die vergangenen beiden Jahre haben die Arztpraxen spürbar in Mitleidenschaft gezogen. Zu diesem Schluss kommt eine Mitarbeiterbefragung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KVB) zu den Auswirkungen der Coronapandemie, an der fast 1.600 Niedergelassene in der Hauptstadt teilgenommen haben.

Demnach herrscht nicht nur Frust angesichts der gestiegenen Herausforderungen, sondern viele Praxen haben pandemiebedingt auch mit dem Verlust von Mitarbeitern zu kämpfen.

„Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas, sie legt die Bruchstellen im System offen“, erklärte Thomas Götz, Staatssekretär für Gesundheit und Pflege in der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, heute Vormittag in der Familienpraxis Karlshorst des Allgemeinmediziners Hanns Iblher. Dorthin hatte die KVB geladen, um die Ergebnisse der Mitgliederbefragung vorzustellen.

Die fielen eindeutig aus: 89 Prozent gaben an, dass ihre Arbeitsbelastung in den zurückliegenden beiden Jahren gestiegen sei, bei 63 Prozent sogar deutlich. Vor allem zusätzliche Aufgaben wie Coronaimpfun­gen oder -tests steigerten demnach das Belastungsniveau, aber auch das veränderte Patientenverhalten und erratisches Vorgehen der Politik.

Betroffen waren laut KVB insbesondere grundversorgende Fachgruppen wie Hausärzte und Gynäkologen, aber auch Psychotherapeuten. Sie sind auch überrepräsentiert unter den 49 Prozent der Befragten, die den Umgang mit Coronapatienten oder -verdachtsfällen als besonders belastend empfanden. „Der rich­tige Umgang mit Verdachtsfällen war am Anfang noch völlig unklar“, erklärte der KVB-Vorstandsvorsit­zende Burkhard Ruppert.

Aggressive Patienten, unrealistische Erwartungen

Hinzu gekommen sei ein enormer Anstieg der Anfragen von Patienten in den Praxen, die 63 Prozent als Belastung empfanden und deren teilweise nicht erfüllbare Erwartungshaltungen, die 53 Prozent als Be­lastung wahrnahmen. Mit 34 Prozent gaben zudem über ein Drittel der Befragten an, dass sie unter ag­gressivem Verhalten von Patienten gelitten haben.

„Da steckt sehr viel Frustration dahinter und trotzdem haben sie ihre Arbeit gemacht“, so Ruppert. „Neben all dem die ambulante Versorgung aufrechterhalten zu haben, ist das große Verdienst der Kolleginnen und Kollegen.“ Denn die Probleme erschöpften sich nicht im Umgang mit den Patienten, auch die mate­ri­ellen Bedingungen waren insbesondere zu Beginn der Pandemie oftmals schwierig.

41 Prozent gaben in der Umfrage an, das Beschaffen von Schutzausrüstung als Belastung empfunden zu haben, wobei vor allem die Fachgruppen Orthopädie, Augenheilkunde und Gynäkologie hervorstachen. Die Beschaffung sei selbst für die KV schwierig gewesen, erklärte Ruppert. Sie habe Verbindungen nach China aktivieren und 20 Millionen Euro in die Hand nehmen müssen.

Auch das sei bereits eine Erkenntnis, die die Politik nicht vergessen dürfe: „Früher nannten wir das Se­nats­reserve, so etwas brauchen wir heute wieder“, forderte Ruppert. Es müsse nicht nur Material vorge­hal­ten werden, sondern auch Kompetenzen und Strukturen in Krisenstäben dauerhaft konzentriert werden.

„Es wird nicht wieder 100 Jahre dauern bis zur nächsten Pandemie“, prophezeite er. „Da sollten wir keine Kosten scheuen, denn sonst wird es am Ende noch viel teurer.“ Das Beispiel minderwertiger Schutzaus­rüs­tung, die die Bundesregierung 2020 zu viel zu hohen Preisen beschafft hatte, zeige das.

Die Politik tat ihr Übriges hinzu: „Die Anerkennung der Leistungen des ambulanten Bereichs, aber auch das Verständnis für die Sorgen und Probleme in den Praxen standen nie oben auf der Prioritätenliste der politischen Akteure. Der Blick ging zu häufig nur in die Kliniken und zu selten bis überhaupt nicht in die Praxen“, erklärte KVB-Vorstandsmitglied Bettina Gaber.

Mit dieser permanenten Nichtbeachtung und der fehlenden öffentlichen Würdigung der Praxen müsse endlich Schluss sein – wozu auch gehöre, den medizinischen Fachangestellten in den Praxen analog zur Pflege eine Coronaprämie zu zahlen.

„Wertschätzung drückt man nicht nur durch Klatschen und Worte aus, sondern auch durch finanzielle Kompensation“, betonte Praxisinhaber Hanns Iblher. Staatssekretär Götz konnte ihnen da jedoch wenig Hoffnung machen. Ein weiterer Coronabonus „wird schwierig“, räumte er ein.

Ruppert: Politik versteht Praxen nicht

Die Pandemie habe aber noch grundlegendere Probleme im Verhältnis von Politik und Praxen deutlich gemacht. „Der entscheidende Punkt ist die Kommunikation“, so Iblher.

Auch in der KVB-Befragung hatten 70 Prozent angegeben, dass ständige Änderungen aufgrund von Ver­ordnungen und Gesetzen sie im Praxisalltag belastet hätten. Das sei insbesondere der Fall, weil die Nie­dergelassenen zu spät oder zu unzureichend informiert worden seien, beklagte Iblher.

Nicht selten hätten Patienten aus den Medien noch vor dem Praxispersonal über neue Maßnahmen Be­scheid gewusst. Künftig dürfe nicht mehr „Presse vor Praxis“ gelten, forderte er. Da müsse er immerhin die KV Berlin loben, die die Praxen stets so gut es ging mit Informationen versorgt habe.

Ruppert ging noch weiter: „Was die Politik in weiten Teilen nicht verstanden hat, ist, dass die ambulante Versorgung ein subsidiäres System ist“, beklagte er. Die KV könne den Praxen nicht vorschreiben, was sie zu tun haben. Das müssten die politisch Verantwortlichen verstehen und danach handeln.

Besorgniserregend ist aus Sicht der KV insbesondere die Tatsache, dass etwa ein Drittel der Befragten angegeben hat, in den vergangenen zwei Jahren Personal verloren zu haben. Viele Mitarbeitende hätten die Praxen aufgrund der Pandemie verlassen.

Hinzu kommen bei einem Drittel Belastungen aufgrund wirtschaftlicher Sorgen durch das Fernbleiben. Das Instrument des Rettungsschirms hingegen halten rund 80 Prozent für nicht relevant – für die wirtschaftliche Absicherung der Praxis spiele es keine Rolle. © lau/aerzteblatt.de

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