NewsMedizinDepressionstherapie: Psychedelikum verstärkt funktionelle Konnektivität im Gehirn
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Depressionstherapie: Psychedelikum verstärkt funktionelle Konnektivität im Gehirn

Montag, 2. Mai 2022

/kichigin19, stock.adobe.com

London – Die natürlich in Pilzen vorkommende, in höheren Dosierungen psychedelisch wirkende Subs­tanz Psilocybin verstärkt bei Patienten mit behandlungsresistenten Depressionen offenbar die funktio­nelle Kon­nektivität von Netzwerken im Gehirn. Dieser Mechanismus könnte dem antidepressiven Effekt von Psilocybin zugrunde liegen, wie ein Team von britischen Psychologen und Neurowissenschaftlern in Nature Medicine berichtet (2022; DOI: 10.1038/s41591-022-01744-z).

Die therapeutische Wirkung von Psilocybin wurde bereits in einigen Studien zur Therapie von Depressio­nen, Zwangsstörungen, Suchterkrankungen und anderen psychiatrischen Erkrankungen untersucht. Diese weisen darauf hin, dass die Behandlung wirksam und sicher ist, wenn der Einsatz des – niedrig dosierten – Psychede­likums medizinisch und psychotherapeutisch begleitet wird.

„Diese Studie zeigt erstmals, dass Psilocybin in der funktionellen Bildgebung funktionelle Veränderungen im Gehirn von depressiven Patienten bewirkt, welche die spätere Therapieantwort vorhersagen“, kom­men­tiert Matthias Liechti, Professor für klinische Pharmakologie am Universitätsspital Basel, die Stu­dienergebnisse.

Anhaltende Veränderungen im Gehirn

Dass sich direkt nach der Einnahme von Psilocybin funktionelle Verbindungen vermehren und übliche Netz­werke auflösen, ist bereits gezeigt worden. Die Forschungsgruppe um Richard Daws vom Computa­tional, Cognitive and Clinical Neuroimaging Laboratory am Imperial College London liefert nun Hinweise darauf, dass diese Veränderungen im Gehirn anhalten.

In einer Open-Label-Studie erhielten Patienten mit therapieresistenter Depression Psilocybin in den Dosie­run­gen 10 mg und 25 mg im Abstand von 7 Tagen. Vor Studienbeginn und 1 Tag nach der 25-mg-Dosis Psilo­cybin wurde eine funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) des Gehirns durchgeführt.

Vergleich mit klassischem Antidepressivum

In einer doppelblinden, randomisiert-kontrollierten Phase-2-Studie wurde Psilocybin gegen das Antide­pressi­vum Escitalopram verglichen. Patienten mit majorer Depression erhielten entweder 2 Mal 25 mg Psilocybin im Abstand von 3 Wochen plus 6 Wochen täglich ein Placebo oder 2 Mal 1 mg Psilocybin im Abstand von 3 Wochen plus 6 Wochen täglich Escitalopram (10-20 mg). Vor Sudienbeginn und 3 Wochen nach der 2. Psilocy­bindosis wurden fMRT-Aufnahmen angefertigt.

In beiden Studien erwies sich das antidepressive Ansprechen auf Psilocybin als rasch und anhaltend. Daws und seine Kollegen berichten außerdem, dass das Ansprechen mit einem im fMRT sichtbaren Rück­gang der Netzwerkmodularität einhergegangen sei. „Dies deutet darauf hin, dass die antidepressive Wir­kung von Psilocybin von einer allgemeinen Zunahme der Netzwerkintegration abhängig ist“, schreiben sie.

Flexiblere Netzwerke

Kartografische Analysen ergaben, dass sich speziell übergeordnete Netzwerke mit vielen 5-HT2A-Rezep­toren nach der Gabe von Psilocybin stärker funktionell vernetzten und flexibler wurden. In der Escital­opramgruppe war das antidepressive Ansprechen milder ausgeprägt und es waren im fMRT keine Ver­änderungen der Netz­werkorganisation des Gehirns zu beobachten.

„Die erhöhte funktionelle Verbindung könnte einer beschriebenen subjektiven erhöhten Flexibilität und emo­tionalen Entspannung entsprechen“, sagt Liechti. Der Schweizer Pharmakologe merkt an, dass auch die akute subjektive angenehme Wirkung von Psilocybin sehr gut mit dem therapeutischen Effekt korre­liere. Statt eines fMRTs könnte man „ genauso gut die Patienten mittels Fragebogen befragen, wie das Erlebnis war, und das als Marker für die Therapieantwort verwenden“.

Für Psilocybin typischer Mechanismus

Dennoch zeige das fMRT durchaus Mechanismen auf, die für Psilocybin typisch sein könnten, ergänzte er. Dafür spricht, dass die verstärkten funktionellen Verbindungen nur nach der Behandlung mit Psilocybin und nicht nach der Behandlung mit dem klassischen Antidepressivum Escitalopram beobachtet wurden.

„Die Studie trägt dazu bei, eine wichtige Wissenslücke in der medizinischen Forschung um den thera­peuti­schen Einsatz von Psychedelika zu schließen“, sagte Katrin Preller, Leiterin der Arbeitsgruppe Phar­ma­co-Neu­ro­imaging and Cognitive-Emotional Processing am Institut für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Zürich.

Biomarker für Therapieansprechen erforderlich

Für den potenziellen therapeutischen Einsatz von Psilocybin bei Depressionen müssen allerdings noch eine ganze Reihe weiterer Fragen geklärt werden: „Die in dieser Studie gezeigten Veränderungen im Gehirn lassen sich vor der Behandlung nicht vorhersagen. Es wäre wichtig, einen Biomarker zu entwick­eln, der schon vor der Behandlung darauf schließen lässt, ob ein Patient von der Therapie profitieren kann oder nicht“, so Preller.

In der Studie sei zudem keine signifikante Interaktion zwischen der Psilocybin- und der Kontrollgruppe gezeigt worden. „Um die gezeigten Änderungen als Wirkmechanismus zu definieren, müssen weitere Studien durchge­führt werden, die aktive und passive Placebogruppen einschließen“, betont die Schweizer Forscherin. © nec/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS LNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER