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Medizin

COVID-19: Krebsmittel Sabizabulin halbiert Sterberate bei schweren Erkrankungen

Mittwoch, 13. April 2022

/Rawpixel.com, stock.adobe.com

Miami – Der Wirkstoff Sabizabulin, der für die Behandlung von Krebserkrankungen entwickelt wurde, hat in einer Phase-3-Studie bei Patienten mit schwerem COVID-19 die Sterberate offenbar deutlich gesenkt. Der Hersteller gab bekannt, dass die Studie nach einer Zwischenauswertung vorzeitig abgebrochen wur­de und eine rasche Notfallzulassung angestrebt werde. Eine externe Bestätigung fehlt noch.

Nach Angaben des Herstellers Veru aus Miami ist Sabizabulin ein oral bioverfügbares Bis-Indol, das an die „Colchicinbindungsstelle“ von Alpha- und Beta-Tubulin bindet und die Tubulinpolymerisation hemmt. Es wäre demnach mit dem klassischen Spindelgift vergleichbar, das eine zytostatische Wirkung auf Ent­zündungszellen hat und heute noch bei akuten Gichtanfällen und beim familiären Mittelmeerfieber eingesetzt wird.

Die zytostatische Wirkung kommt durch die Blockade des Spindelapparats zustande, der für die Zell­teilung benötigt wird. Dies verhindert die Bildung von neuen Leukozyten und wohl auch die Freisetzung verschiedener Zytokine und „Pyrogene“. Colchicin-ähnliche Wirkstoffe könnten daher bei der Behandlung des Zytokinsturms nützlich sein, zu dem es bei schweren Verläufen von COVID-19 kommt. Eine zusätz­liche antivirale Wirkung soll auf der Behinderung des intrazellulären Virustransports beruhen, der ent­lang der Mikrotubuli erfolgt.

Tatsächlich war Colchicin zeitweise als Mittel gegen COVID-19 im Gespräch. Die Ergebnisse der klini­schen Studien blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück, und nach Einschätzung der Cochrane-Collaboration ist Colchicin nicht zur Behandlung von COVID-19 geeignet. Es gehört auch nicht zu den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Medikamenten.

Sabizabulin scheint jetzt in einer Phase-3-Studie eine bessere Wirksamkeit erzielt zu haben. Der Herstel­ler hat den Wirkstoff seit Mai letzten Jahres an 60 Zentren in den USA sowie in Argentinien, Brasilien, Bulgarien, Kolumbien und Mexiko an hospitalisierten mittelschwer bis schwer an COVID-19 erkrankten Patienten (WHO-Schweregrad 4 oder höher) prüfen lassen. Die Patienten waren im Verhältnis 2:1 auf eine einmal tägliche orale Gabe von Sabizabulin oder Placebo randomisiert worden.

In beiden Gruppen konnten die Patienten außerdem die derzeitige Standardbehandlung erhalten, darun­ter Remdesivir, Dexamethason, die Anti-IL6-Rezeptor-Antikörper Tocilizumab oder Sarilumab oder den JAK-Inhibitor Baricitinib. Die in der Studie behandelten COVID-19-Infektionen wurden durch die Delta- und Omikron-Varianten ausgelöst.

Nach der Behandlung der ersten 150 Patienten war in der letzten Woche eine geplante Zwischenanalyse durchgeführt worden. Dabei wurde dann eine überraschend gute Wirksamkeit entdeckt. Nach Angaben des Herstellers waren in der Placebogruppe 45 % der Patienten innerhalb der ersten 60 Tage gestorben. Dieser primäre Endpunkt war in der Sabizabulingruppe nur bei 20 % der Patienten aufgetreten. Dies ent­spricht einer relativen Reduktion der Sterberate um 55 %, die mit einem p-Wert von 0,0029 hoch signi­fikant war. Die sekundären Wirksamkeitsendpunkte sind laut Hersteller noch nicht analysiert. Die Ver­träglichkeit von Sabizabulin war laut Angaben des Herstellers gut. Klinisch relevante Sicherheitssignale sollen nicht aufgetreten sein.

Die Studienleitung empfahl am letzten Freitag den vorzeitigen Abbruch der Studie. Der Hersteller gab vorgestern bekannt, dass ein Treffen mit der FDA geplant sei, um die nächsten Schritte zu besprechen einschließlich der Einreichung eines Antrags auf Notfallzulassung.

Der Hersteller hatte im Januar 2022 einen „Fast Track“-Status für Sabizabulin erhalten, der das Zulas­sungsverfahren beschleunigen soll. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben die Herstellungspro­zesse bereits ausgeweitet, um eine kommerzielle Arzneimittelversorgung sicherzustellen, falls es zu einer FDA-Zulassung komme.

Wenn sich die Ergebnisse bestätigen sollten, wäre Sabizabulin sicherlich eine willkommene Ergänzung der derzeitigen Behandlungsoptionen.

Die Behandlung von COVID-19 stützt sich bei mittelschweren und schweren Erkrankungen derzeit im Wesentlichen auf den Einsatz von Steroiden, die die Entzündungsreaktion blockieren. Zusätzlich kommen die IL-6-Antikörper Tocilizumab oder Sarilumab oder der JAK-Inhibitor Baricitinib zum Einsatz, die den Zytokinsturm aufhalten sollen. Die Virustatika Remdesivir, Paxlovid und Molnupiravir sind nur in der Früh­phase der Erkrankung wirksam. Monoklonale Antikörper können auch eine Infektion verhindern, wenn sie in der Lage sind die aktuellen Virusvarianten zu neutralisieren. Bei schweren Verläufen konnte bisher keine Wirkung von Virustatika oder monoklonalen Antikörpern nachgewiesen werden. © rme/aerzteblatt.de

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