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Politik

„Die Personalsituation ist das Nadelöhr für Gegenwart und Zukunft der Krankenhausv­ersorgung“

Mittwoch, 20. April 2022

Berlin – Ab dem 1. Juni wird Henriette Neumeyer den Geschäfts­bereich „Krankenhauspersonal und Politik“ der Deutschen Kranken­hausgesellschaft (DKG) leiten sowie das Amt der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der DKG bekleiden.

Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt die 36-jährige IT-Expertin, welche Ziele sie sich für ihre neue Tätigkeit gesetzt hat, ob das Leistungsversprechen der gesetzlichen Krankenversicherung auch in Zeiten des voranschreitenden demografischen Wandels aufrechterhalten werden kann und wie sie dazu steht, dass die Führungspositionen in den Krankenhäusern nach wie vor fast ausschließlich mit Männern besetzt sind.

Fünf Fragen an Henriette Neumeyer, designierte stellvertretende Vorstandsvorsitzende der DKG

DÄ: Warum haben Sie sich dazu entschlossen, künftig als stellvertretende Vorstandsvorsitzende und Leiterin des Geschäftsbereichs „Krankenhauspersonal und Politik“ der Deutschen Krankenhaus­gesellschaft tätig zu sein?
Henriette Neumeyer: Die vergangenen zwei Jahre haben uns allen den hohen Wert eines funktionierenden Gesund­heitssystems deutlich vor Augen geführt.

Insbesondere die Bedeutung der Krankenhäuser und das hohe Engagement ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden dabei sichtbar. Und zugleich war klar erkennbar, dass die Personalsituation das Nadelöhr für Gegenwart und Zukunft der Krankenhausversorgung ist. Fachpersonal aller medizinischen Disziplinen, vor allen Dingen jedoch im pflegerischen Bereich, zu gewinnen, ist die zentrale Aufgabe.

Wir müssen uns aber auch damit befassen, wie wir anderes Fach­personal, zum Beispiel für die Umsetzung komplexer projekt­bezogener Aufgaben wie dem Krankenhauszukunftsgesetz, gewinnen können. Da wird es einen immer größeren Bedarf geben, weil wir die Digitalisierung endlich vorantreiben müssen.

An diesen Aufgaben beteiligt zu sein, diesen zentralen Bereich der Daseinsvorsorge mitzugestalten und darüber hinaus intersektorale Brücken zu bauen, sind Herausforderungen, denen ich mich gerne stellen will.

DÄ: Womit haben Sie sich bislang thematisch beschäftigt und inwiefern hat Sie dies auf Ihre neue Arbeit vorbereitet?
Neumeyer: Schwerpunkte waren die Digitalisierung und die integrier­te Versorgung. Auf den ersten Blick sind das zwei verschiedene Themen, für mich sind es aber zwei Seiten einer Medaille. Denn nur durch Digitalisierung und Vernetzung der Versorgung im Patienten­sinne werden wir die Herausforderungen der Zukunft meistern können.

Hier sind wir schon bei meiner neuen Aufgabe: Neben der Frage, wie wir mehr Menschen für einen Beruf im Krankenhaus gewinnen können, wird es auch um die Entlastung der Beschäftigten in den Kliniken gehen und wie wir ihre wertvolle Arbeitskraft besser für ihre genuinen Aufgaben nutzen können. Digitalisierung muss wirksam bei den administrativen Aufgaben entlasten und sollte durch zeitgemäße, einfache Benutzbarkeit die Attraktivität der Arbeitsplätze im Gesundheitswesen steigern.

Ambulantisierung und die Überwindung starrer Sektorengrenzen sind aber ebenso bedeutend. Wenn es uns gelingt, ambulante Potenziale der Kliniken zu nutzen, können wir patientenorientierte Prozesse mit digitaler Unterstützung beim Übergang in die Häuslichkeit schaffen und damit stationäre Strukturen und deren Personal entlasten.

DÄ: Welche konkreten Ziele möchten Sie in Ihrem neuen Amt erreichen?
Neumeyer: Es ist schwer, zum jetzigen Zeitpunkt bereits konkrete Ziele zu benennen. Klar ist: Wenn wir weiterhin eine hochwertige und flächendeckende Gesundheitsversorgung für jedermann gewährleis­ten wollen, müssen wir politische Rahmenbedingungen schaffen, die vor allem praktikabel in der Umsetzung sind und sich stringent am Patientennutzen orientieren.

Dazu muss es Vertrauen in die Innovationsfähigkeit der Menschen „im System“ geben. Wir müssen es den zum Teil jetzt schon überlas­teten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern möglichst einfach machen, gute Versorgung zu leisten. Auch muss sich die Unternehmenskultur entlang der Bedürfnisse einer weiblicheren und diverseren Personal­struktur entwickeln und Karrierekonzepte neu gedacht werden.

Die Konkurrenz mit anderen Branchen um gut qualifizierte, engagierte und empathische Fachkräfte ist groß. Die genannten Veränderungen müssen daher schnellstmöglich spürbar werden.

DÄ: Wird es infolge des weiter voranschreitenden demografischen Wandels aus Ihrer Sicht möglich sein, das Leistungsversprechen der gesetzlichen Krankenversicherung auch künftig aufrechtzuerhalten?
Neumeyer: Ja, aber nur, wenn wir es auch schaffen, dem demogra­fischen Wandel mit mehr Integration von Versorgung und Berufs­gruppen entgegenzutreten.

Eine Schlüsselrolle kommt der Digitalisierung zu. Vermögen wir dies nicht und stärken wir nicht zusätzlich den Bereich der Prävention nachhaltig, wird es in Zukunft spürbare Leistungsgrenzen geben.

DÄ: Etwa zwei Drittel der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Die Führungspositionen in den Krankenhäusern sind jedoch zu einem sehr großen Teil mit Männern besetzt. Inwiefern ist diese Diskrepanz aus Ihrer Sicht problematisch? Und wie kann man sie reduzieren?
Neumeyer: Eine meiner Studentinnen bereitet hierzu gerade eine Abschlussarbeit vor. Das zeigt, wie sehr dieses Thema gerade den jungen Menschen unter den Nägeln brennt. Wie leicht wäre es zu sagen, dass sich diese Frage über die Zeit schon von alleine regeln wird. Aber daran habe ich Zweifel.

Medizin wird immer weiblicher, Pflege ist weiblich, aber Führung in vielen Kliniken ist es eben nicht. Und selbstverständlich ist diese Diskrepanz auch problematisch, da wir nicht aus der ganzen Fülle der Talente und Erfahrungshorizonte schöpfen. Ich merke aber auch, dass ein Umdenken einsetzt. Schließlich ist an dieser Forschungsarbeit als Ideengeber auch ein großes Universitätsklinikum beteiligt, das erkannt hat, dass wir uns den Erhalt des Status quo schlicht nicht mehr werden leisten können.

Wir brauchen dazu gute Arbeitsmodelle. Hier glaube ich übrigens, dass sich nicht wenige Männer nach einer Abkehr von alten Riten der Karriereentwicklung und nach mehr Flexibilität sehnen.

Signalwirkung können hierbei auch etablierte Führungskräfte entfal­ten, die neue Wege ermöglichen und auch in die Vorbildfunktion gehen. © fos/aerzteblatt.de

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