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AWMF fordert Nationale Strategie für leitlinien­orientierte Versorgung

Dienstag, 26. April 2022

/thodonal, stock.adobe.com

Berlin – Leitlinienwissen muss nach Ansicht der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) den Patientinnen und Patienten künftig schneller zugutekommen.

Dazu sei eine nationale Strategie zur Digitalisierung der Leitlinien und deren Integration in sämtliche digitale Gesundheitsanwendungen notwendig, betonte die AWMF im Vorfeld ihres morgen stattfindenden Berliner Forums. Routinedaten aus der Patientenversorgung sollten auch für Forschungszwecke genutzt sowie attraktive Karrierewege für wissenschaftlich arbeitende Medizinerinnen und Mediziner geschaf­fen werden, forderte der Zusammenschluss von 180 medizinischen Fachgesellschaften.

Digitale Gesundheitsanwendungen können nach Ansicht der AWMF helfen, die medizinische Versorgung zu verbessern. „Entscheidend dafür ist jedoch, dass die Daten, die den Anwendungen zu Grunde liegen, evidenzbasiert sind“, betonte Rolf-Detlef Treede, Präsident der AWMF, heute in Berlin. Zwar habe die Politik bereits begonnen, die Erstellung qualitätsgesicherter Leitlinien finanziell und operational zu unterstützen. „Dieser Weg muss aber in Zukunft intensiviert und ver­ste­tigt werden“, forderte Treede.

Unabhängige Finanzierung wichtig

Neben der Förderung der Leitlinienentstehung sei es wichtig, die Digitalisierung der Leitlinien voran­zutreiben, damit Wissen für unter­schiedliche Akteure im Gesundheitswesen jederzeit und ortsunab­hängig unmittelbar in der Krankenversorgung verfügbar gemacht wird. Dies könne durch eine nationale Strategie geschehen, die evidenz­basiertes Wissen in digitalen Gesundheitsanwendungen, Patienteninformationen oder Arztinformationssystemen integriere. Wichtig sei dabei eine unabhängige Finanzierung.

Für diese setzt sich auch Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), ein. Diese unabhängige Finanzierung wolle der Innovationsfonds gewährleisten. „Diese Finanzierung nimmt natürlich keinen Einfluss auf die fachlichen Inhalte der Leitlinien“, betonte Hecken heute in Berlin. Daher sei der Zweck einer Förderung über den Innovationsfonds klar zu umreißen: Es gelte, Vertrauens­würdigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit von Leitlinien auszubauen und in Therapiegebiete vorzustoßen, in denen es heute keine oder nur Leitlinien mit niedriger methodischer Legitimation gibt, so der G-BA-Vorsitzende.

Leitlinien wesentliches Element für die Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen,

„Leitlinien enthalten Empfehlungen zur Verbesserung der Versor­gungs­qualität und basieren auf einer systematischen Sichtung der Evidenz und der Abwägung von Nutzen und Schaden alternativer Vorgehensweisen“, sagte Hecken. Sie seien deshalb ein wesentliches Element für die Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen, müssten aber auch explizite Qualitätsanforderungen erfüllen, nachvollziehbar und vertrauenswürdig sein.

Um die Fachgesellschaften bei der Erarbeitung dieser hochwertigen Leitlinien zu unterstützen, bewilligt der G-BA jährlich etwa fünf Millio­nen Euro aus dem Innovationsfonds. Bislang wurden in zwei Auswahl­runden 41 von insgesamt 62 beantragten Projekten ausgewählt und mit 12,7 Millionen Euro gefördert.

Die Schwerpunkte waren neben seltenen Erkrankungen (15 Projekte) die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen bei komplexen Behandlungsbedarfen (acht Projekte), die Versorgung von Zielgruppen mit besonderen Bedürfnissen (fünf Projekte), der Bereich der Infektionskrankheiten und die Stärkung sachgerechter Antibiotika­therapie (vier Projekte), operative Eingriffe am Skelettsystem bezie­hungsweise Bewegungsapparat (ein Projekt) sowie ein großer Block beginnend mit Behandlung von Risikofaktoren für nicht übertragbare Krankheiten über Multimorbidität bis hin zu Arzneimitteltherapie­sicherheit (acht Projekte).

Die Basis für die Leitlinien und damit für eine hochwertige und evid­enzbasierte medizinische Versorgung bilden jedoch die medizinische Forschung und deren Erkenntnisse. Um diese zu fördern, erhofft sich die AWMF Verbesserungen: „Die Gesetzgebung hat in den vergange­nen Jahren zunehmend Hürden für die klinische Forschung aufgebaut, was am Beispiel der Digitalisierung besonders deutlich wird“, bedauerte Henning Schliephake, stellvertretender Präsident der AWMF.

So seien die bürokratischen Hürden für eine Nutzung und Auswertung der Daten durch die medizinische Wissenschaft im Bereich der Versor­gungsforschung oder anderer medizinischer Disziplinen derzeit so hoch, dass die Gefahr bestehe, dass riesige Datenfriedhöfe entstünden. „Ein großes Potenzial für die Gesundheitsforschung bleibt dann unge­nutzt“, mahnte er heute in Berlin.

Nach Ansicht der AWMF sollten gesetzliche Vorgaben geschaffen werden, die unter Wahrung der datenschutzrechtlichen Bestimmun­gen den Zugang zu diesen wertvollen Informationen erleichtern. Beispielsweise in den Registern der Krankenkassen entstünden große Mengen an medizinischen Informationen. Sie könnten dazu beitragen, Kenntnisse über die medizinische Versorgungsrealität zu gewinnen. Derzeit stünden diese Daten aber meist nicht für die Forschung zur Verfügung.

Die AWMF fordert die Politik deshalb auf, die Nutzung von Gesund­heits­daten für die Forschung klar zu regeln und den Zugang zu diesen Daten zu erleichtern. „Sensible Gesundheitsdaten genießen zurecht einen besonderen Schutz. Diese berechtigten Schutzinteressen muss der Gesetzgeber mit dem ebenfalls berechtigten Forschungsinteresse in Einklang bringen – zum Wohle der Patientinnen und Patienten“, so Schliephake.

Zudem ist es aus Sicht der AWMF-Experten unerlässlich, den medizini­schen Nachwuchs mehr zu fördern. Hierzu brauche es beispielsweise Angebote für Karriere-Coachings für wissenschaftlich tätige Ärztinnen und Ärzte sowie medizinische Wissenschaftlerinnen und Wissen­schaft­ler und eine entsprechende Finanzierung solcher Angebote, beispielsweise aus einem Fonds der nationalen Gesundheits­wirtschaft. © ER/aerzteblatt.de

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