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Politik

Fachkräftemangel wird stationären Strukturwandel beschleunigen

Freitag, 29. April 2022

/picture alliance, Christian Charisius

Berlin – Der Fachkräftemangel und die Fallzahlreduktion werden den Strukturwandel in der Kranken­haus­landschaft in den kommenden Jahren weiter beschleunigen. Krankenhäuser, die nicht auf diese Veränderun­gen reagieren, werden es schwer haben, am Markt zu bleiben. Darin waren sich Experten gestern auf der Fachtagung „Zknft der Gesundheitsversorgung“ des Beratungsunternehmens WMC Healthcare in Berlin einig.

„Wir müssen uns darauf einstellen, dass der Fachkräftemangel infolge des demografischen Wandels nicht wieder verschwinden wird. Er wird in den nächsten Jahren sogar weiter zunehmen, weil noch mehr Babyboomer in Rente gehen und deutlich weniger junge Menschen nachkommen werden“, sagte der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Halle (UKH), Thomas Moesta. „Dieses Problem lässt sich nur durch mehr Effizienz und mehr Kooperationen lösen.“

Moesta berichtete von den Kooperationen, die die Krankenhäuser in Sachsen-Anhalt während der Corona­pandemie eingegangen sind. „Wir haben zum Beispiel Helfer- und Materialportale gebildet“, sagte er. „So konnten die Krankenhäuser untereinander Material tauschen, das ihnen fehlte. Das hat gut funktioniert.“ Auch in der Intensivmedizin sei eine gute Vernetzung entstanden. „Die Experten der Uniklinik können auf die Patientendaten in sechs umliegenden Krankenhäusern schauen“, erklärte Moesta. „So kann die Expertise des Maximalversorgers auch in den kleineren Häusern genutzt werden.“

Das Gegenteil von Effizienz

Wichtig sei bei Kooperationen, dass alle Krankenhäuser – vom Uniklinikum bis zum Grundversorger – von der Zusammenarbeit profitierten. „Wir haben den Grundversorgern zum Beispiel hochkomplexe ECMO-Patienten abgenommen, während die Grundversorger uns in der Versorgung weniger komplexer Falle unterstützen“, so Moesta. „Wir haben aber auch gelernt, dass die Kooperationsbereitschaft im System mit der COVID-19-Inzidenz korreliert. Wenn wir die Kooperationsbereitschaft aufrechterhalten wollen, müssen wir auch nach der Pandemie sicherstellen, dass alle Partner keine Nachteile von einer gestuften Versorgung entsprechend der Versorgungsstufen haben werden.“

Die Krankenhausplanung der Bundesländer müsse noch mehr auf Effizienz im System ausgerichtet werden. Und hier seien Effizienz und Qualität kein Widerspruch, sondern bedingten sich gegenseitig. „Die Krankenhausplanung ist heute die Fortschreibung einer Adressliste“, sagte der Ärztliche Direktor des UKH. „Weil das Leistungsrecht das Planungsrecht schlägt, haben die Bundesländer nicht die Möglichkeit, Krankenhäuser zu schließen, die nicht geschlossen werden wollen.“

Und die Krankenhäuser seien gezwungen, auskömmlich zu wirtschaften, was nur durch ein gewisses DRG-Leistungsportfolio möglich ist. „Das Ergebnis ist, dass sich die Kliniken in einer Region nicht abstimmen, wer welche Leistung erbringt“, sagte Moesta. „Allein in Halle gibt es fünf Krankenhäuser, wodurch Leistungsangebote in fast allen Bereichen doppelt und dreifach vorgehalten werden. Das ist das Gegenteil von Effizienz. Bei zunehmendem Fachkräftemangel werden wir uns das künftig nicht mehr leisten können.“

„Das ist ein Drama für die Krankenhäuser“

Auch der Geschäftsführer von WMC Healthcare, Reinhard Wichels, betonte, dass die Krankenhäuser nicht so weitermachen könnten wie bisher. „Seit 2017 gehen die Ergebnisse der Häuser dramatisch zurück“, sagte Wichels. „Und die Coronapandemie hat diese Entwicklung noch deutlich beschleunigt.“ Die Fallzahlen seien um 14 Prozent im Vergleich zu 2019 eingebrochen, während die Fixkosten der Häuser weitgehend konstant geblieben seien. Und die Patienten würden nicht wieder zurückkehren. „Für die Krankenhäuser ist das ein Drama“, betonte Wichels. „Und jedes Haus muss sich nun klarmachen: Mit Wachstum kann man nicht mehr überleben.“

Die Situation beinhalte jedoch auch eine große Chance. Denn in diesen Zeiten würden die Träger eher akzeptieren, wenn strukturelle Veränderungen vorgenommen würden. „Krankenhäuser müssen jetzt ihren stabilen Kern definieren“, meinte Wichels. Das sei der Teil der stationären Leistung, der für die Versorgung der Patienten wirklich benötigt werde, den man sicher personell besetzen könne und der auch ökonomisch auskömmlich sei. „Dadurch wird Infrastruktur frei, die die Krankenhäuser nutzen sollten, um selbst komplexe ambulante Leistungen anzubieten oder mit Vertragsärzten zu kooperieren, die in diesen Räumen ambulante Leistungen anbieten“, so Wichels.

Krankenhäuser werden den Weg in die teilstationäre beziehungsweise in die ambulante Versorgung gehen. Davon zeigte sich Christian Wallwiener, ebenfalls Geschäftsführer von WMC, überzeugt. Vor allem im ländlichen Raum werde diese Versorgungsverantwortung mehr und mehr auf die Krankenhäuser übergehen. Das sei nicht nur im Sinne des Patienten, sondern biete auch neue Perspektiven für die Ärzte. „Die Politik sollte dafür Anreize setzen und zum Beispiel durch Hybrid-DRGs für eine attraktive Vergütung für komplexe ambulante Versorgung sorgen“, so Wallwiener.

Parallelstrukturen zurückfahren

„Angesichts des demografischen Wandels ist die Effizienz das entscheidende Thema der nächsten Jahre“, betonte auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß.

„Die Frage ist: Wie kann es uns in den vorhandenen Strukturen gelingen, so zusammenzuarbeiten, dass jeder ein Stückweit zum Versorgungsbedarf beitragen kann?“ Parallelstrukturen müssten dabei in jedem Fall zurückgefahren werden. Stattdessen müssten regionale Versorgungsnetze genutzt werden. „Dafür brauchen wir die Digitalisierung“, sagte Gaß.

„Jetzt ist die Zeit, in der wir uns Veränderungen vornehmen müssen“, betonte Thomas Moesta vom UKH. „Wenn wir es nicht tun, wird es in den kommenden Jahren weiterhin einen kalten Strukturwandel geben.“ Die Krankenhäuser selbst müssten den Veränderungsprozess aus einer gemeinsamen Verantwortung für das System und für die Patienten heraus initiieren.

Budget für regionale Netzwerke

Damit Anreize für mehr Kooperationen gesetzt werden, müsse der Gesetzgeber das Vergütungssystem verändern. „Das DRG-System hat zu einem inhaltslosen und ineffizienten Wettbewerb zwischen den Krankenhäusern geführt“, kritisierte Moesta. Sinnvoller sei es, zum Beispiel über sogenannte Capitation-Modelle ein regionales Budget für die Versorgung der Bevölkerung vorzusehen, das für alle Versorger in der Region vorgesehen ist.

Die regionalen Netzwerke beständen dann zum Beispiel aus einer Universitätsklinik im Mittelpunkt sowie eng angebundenen Grund- und Schwerpunktversorgern in der Peripherie. Aus Moestas Sicht sind dabei gestufte Modelle zu entwickeln: „Wir brauchen Grundversorger, die auch eine qualifizierte Notfallversorgung vornehmen können, und Krankenhäuser, die groß genug sind, um eine qualitativ gute Versorgung in den Fachdisziplinen durchzuführen.“

Moesta betonte: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Die nächsten zehn Jahren brauchen wir disruptive Veränderungen – und zwar nicht nur im Bereich der Digitalisierung, sondern in der gesamten Versorgungslandschaft. Wenn wir jetzt nicht reagieren, werden wir auch zahlreiche Krankenhäuser verlieren, die wir für die Versorgung der Menschen brauchen.“ © fos/aerzteblatt.de

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