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Medizin

Impfkampagnen sind oft wirkungslos

Dienstag, 3. Mai 2022

/Imillian, stock.adobe.com

München – Die Botschaften von Impfkampagnen verfehlen häufig ihr Ziel – sie bleiben wirkungslos oder sind sogar kontraproduktiv. Über das Ausmaß des Misstrauens und die Gründe dafür berichtet eine Arbeitsgruppe der Hochschule für Politik an der Technischen Universität München (TUM), der Universität Trient und der Lon­don School of Economics and Political Science. Ihre Studie aus acht europäischen Ländern ist im Fachma­gazin Science Advances erschienen (DOI: 10.1126/sciadv.abm9825).

Die Wissenschaftler haben mehr als 10.000 ungeimpften Erwachsenen aus Bulgarien, Deutschland, Frank­reich, Großbritannien, Italien, Polen, Schweden und Spanien einbezogen. Sie erhielten im Frühling bezieh­ungs­weise Sommer 2021 zunächst allgemeine Informationen über die vorhandenen Impfstoffe. Dann be­kamen sie eine von drei Botschaften mit Text und Bildern oder wurden einer Kontrollgruppe zugeordnet.

Botschaft eins verdeutlichte, wie stark die vorhandenen Impfstoffe das Risiko reduzieren, schwer an COVID-19 zu erkranken und zu sterben. Botschaft zwei betonte die Vorteile, die Geimpfte mit einem Zertifikat im Ver­gleich zu Ungeimpften haben, vor allem beim Reisen. Botschaft drei veranschaulichte die Aussicht auf den Wegfall aller Beschränkungen in der Freizeit, etwa beim Besuch von Restaurants, Kinos, Fitnessstudios und Konzerten.

Anschließend wurden alle Teilnehmenden gefragt, ob sie sich in der folgenden Woche gegen COVID-19 im­pfen lassen würden, falls Sie die Möglichkeit dazu bekämen. Die Auswertung zeigt jetzt, dass die Botschaften lediglich in Deutschland und in geringerem Ausmaß in Großbritannien die Impfquote steigern konnten. In Deutschland war die Impfbereitschaft in den drei Gruppen signifikant höher als in der Kontrollgruppe.

In Großbritannien war dies bei der Gruppe der Fall, in der die Vorteile eines Impfzertifikats betont wurden. In allen anderen Ländern erzielten die Botschaften keinen Effekt – oder das Gegenteil der beabsichtigten Wir­kung: Die Menschen in Spanien und Italien, die über die Reduzierung des Krankheitsrisikos durch die Impfung informiert wurden, wollten sich sogar seltener impfen lassen als die jeweilige Kontrollgruppe.

Die Arbeitsgruppe hat daraufhin nach Zusammenhängen zwischen der Wirksamkeit der Botschaften und so­ziodemografischen Merkmalen gesucht. Für alle Botschaften galt, dass sie ihr Ziel weniger wahrscheinlich erreichen, wenn die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gering ist.

„Dieses Ergebnis hat uns überrascht“, sagte Matteo Galizzi, Professor für Behavioural Science an der London School of Economics and Political Science. Die Forscher hatten eher angenommen, dass verständliche und visualisierte Informationen über COVID-19 bei Menschen mit wenig Vorwissen zu mehr Verständnis für die Krankheit und damit auch zu einer größeren Impfbereitschaft führten – was aber nicht der Fall war.

Waren Verschwörungstheorien weit verbreitet, erzielten die Botschaften der gesundheitlichen Vorteile und der Aussicht auf künftige Freizeitmöglichkeiten keine signifikanten Erfolge. „Die Auswertung zeigt, dass diese starke Desinformation auch die negative Wirkung der gesundheitlichen Aufklärung in Spanien und Italien erklären kann“, sagte Giuseppe Veltri von der Universität Trient.

Es zeigte sich außerdem, dass ältere Menschen für alle Botschaften tendenziell weniger empfänglich waren als jüngere. „Während der Pandemie wurde oft in andere Länder geschaut, was dort besser oder schlechter läuft. Unsere Studie zeigt, dass solche Vergleiche nur bedingt hilfreich sind“, zieht Tim Büthe vom Lehrstuhl für International Relations der TUM ein Fazit der Untersuchung.

Erfolgversprechender sei vielmehr, in jedem Land die gegebenen Voraussetzungen zu untersuchen und dann politische Maßnahmen und Kommunikation gezielt darauf abzustimmen. „Die Botschaften, die zur Impfung motivieren, sollten differenzierter für einzelne Zielgruppen zugeschnitten und verbreitet werden“, empfiehlt Studienleiterin Janina Steinert, Professorin für Global Health an der TUM.

Sollten jedoch die Erfolgsaussichten für eine Kommunikationskampagne aufgrund mehrerer bekannter Hem­m­nisse schlecht sein, empfiehlt das Forschungsteam, den Schwerpunkt grundsätzlich auf andere Maßnahmen zu legen. Möglich seien zum Beispiel konkrete Belohnungen oder ein individuell zugewiesener Impftermin.

„Langfristig sollten alle Länder die Gesundheitskompetenz ihrer Bürgerinnen und Bürger stärken, um die Effektivität künftiger Impfkampagnen zu erhöhen“, so Steinert. Die Studie ist Teil des Projekts „Periscope – Pan-europäische Antwort auf die Auswirkungen von COVID-19 sowie zukünftige Epidemien und Pandemien“, welches die Europäische Union mit rund zehn Millionen Euro fördert. © hil/aerzteblatt.de

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