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Medizin

WHO: Übergewicht und Adipositas haben in Europa epidemische Ausmaße erreicht

Dienstag, 3. Mai 2022

/Andrey Popov, stock.adobe.com

Kopenhagen – Die Zahl der Menschen, die übergewichtig oder adipös sind, ist in Europa in den letzten Jahren weiter gestiegen. Nach einem Report des WHO-Regionalbüros für Europa sind mittlerweile 59 % der Erwachsenen und fast ein Drittel aller Kinder zu dick.

Unter den WHO-Regionen ist die Prävalenz der Adipositas nur auf dem amerikanischen Kontinent höher. Ein Ende der Epidemie in Europa ist aus Sicht der WHO nicht in Sicht. Wegen der stark gestiegenen Zahl von adipösen Kindern könnte sich die Situation in den nächsten Jahren noch verschlechtern.

Die gesundheitlichen Risiken von Übergewicht und Adipositas werden nach Einschätzung der WHO noch immer unterschätzt. Epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass Übergewicht und Adipositas nach Bluthochdruck, Ernährungsrisiken und Tabakrauchen der vierthäufigste Risikofaktor für nichtübertragbare Krankheiten in der Region Europa sind.

Zu den Krankheiten, die durch eine Adipositas begünstigt werden, gehören neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und chronischen Atemwegserkrankungen mindestens 13 verschiedene Krebsarten.

Laut der WHO sind Übergewicht und Adipositas in der Region Europa (zu der auch Israel und die ehemaligen Staaten der Sowjetunion zählen) jährlich für mehr als 1,2 Millionen Todesfälle verantwortlich, was mehr als 13 % der Gesamtsterblichkeit in der Region entspricht.

Übergewicht und Adipositas sind laut dem Report jährlich für mindestens 200.000 neue Krebsfälle direkt verantwortlich. Übergewicht und Adipositas sind auch die Hauptrisikofaktoren für Behinderungen und verursachen 7 % der gesamten Lebensjahre mit Behinderungen in der Region.

Übergewichtige und adipöse Menschen sind auch überproportional von den Folgen der COVID-19-Pandemie betroffen. Hinzu kommt, dass die Pandemie zu ungünstigen Veränderungen beim Lebensmittelkonsum und bei den Bewegungsmustern geführt hat, die sich erst in den kommenden Jahren auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken werden.

Laut WHO werden erhebliche Anstrengungen erforderlich werden, um die Menschen wieder zu einer gesünderen Lebensweise und mehr körperlicher Aktivität zu bewegen.

Zu den adipogenen Umweltfaktoren gehört nach Ansicht der WHO auch die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft. Die Vermarktung von ungesunden Lebensmitteln über das Internet und die Verbreitung sitzender Onlinespiele könnten gerade bei Kindern zu einer Zunahme von Übergewicht und Adipositas beitragen (Die Digitalisierung biete jedoch auch die Chance, über Plattformen für einen gesunden Lebensstil zu werben).

Die Ursachen der Adipositas sind komplex, einfache Lösungen des Problems gibt es nach Einschätzung der Autoren deshalb nicht. Der Report schlägt eine Reihe von Maßnahmen vor. Dazu gehören fiskalische Interventionen, etwa die Besteuerung von zuckergesüßten Getränken oder Subventionen für gesunde Lebensmittel. Die Gesetzgeber könnten auch die Vermarktung ungesunder Lebensmittel an Kinder einschränken.

Im medizinischen Bereich sollte der Zugang zur Behandlung von Adipositas und Übergewicht verbessert werden. Diese sollte in der primären Gesundheitsversorgung angeboten werden.

Auf gesellschaftlicher Ebene bieten sich die Schwangerschaftsvorsorge, die Stillbetreuung und die Schulen an, um gezielt Programme zur Verbesserung der Ernährung und zur Steigerung der körperlichen Aktivität einzurichten.

Ein wichtiger Ansatz wäre auch, die Zugänglichkeit von gesunden Nahrungsmitteln zu verbessern und diese erschwinglicher zu machen. In Wohnortnähe könnten die Möglichkeiten für körperliche Aktivitäten verbessert werden. Diese Maßnahmen sind aus Sicht der WHO wichtig, um eines der 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung („Sustainable Development Goals“ SDG) zu erreichen.

Das SDG 3 fordert die Länder bis 2030 auf, „ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern“. Davon sind nach Einschätzung der Autoren derzeit alle Länder der WHO-Region Europa weiter entfernt denn je.

Laut dem Report ist die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas seit den 1970er Jahren stetig gestiegen. Der Anteil der Adipösen ist im letzten Jahrzehnt vor 2016 um 21 % und seit 1975 um 138 % gestiegen. Beim Übergewicht (einschließlich Adipositas) kam es zu einer Zunahme um 8 % im letzten Jahrzehnt vor 2016 und um 51 % seit 1975.

Besonders besorgniserregend ist die Zunahme bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 5 bis 19 Jahren. Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas hat sich bei Jungen/Männern zwischen 1975 und 2016 fast verdreifacht und bei Mädchen/Frauen mehr als verdoppelt. Bei der Fettleibigkeit kam es sogar zu einem Anstieg um den Faktor 5 seit 1975 (wobei dieser starke Anstieg teilweise auf die sehr niedrige Fettleibigkeit bei Kindern im Jahr 1975 zurückzuführen war).

Da Kinder und Jugendliche entgegen früheren Auffassungen nicht aus der Adipositas herauswachsen, ist dies ein ungünstiges Vorzeichen für die nächsten Jahrzehnte.

Die meisten übergewichtigen Menschen gibt es in den Mittelmeerländern und in den osteuropäischen Ländern. Von den westeuropäischen Ländern ist nur Großbritannien unter den 10 Ländern mit der höchsten Prävalenz (Türkei, Malta, Israel, Großbritannien, Andorra, Griechenland, Tschechien, Bulgarien, Spanien, Ungarn). Deutschland liegt im Mittelfeld. Die wenigsten übergewichtigen Menschen gibt es in den ehemaligen Sowjetrepubliken (Tadschikistan, Uzbekistan, Kirgisien, Moldau, Turkmenistan).

Für Deutschland fällt auf, dass der Anteil der übergewichtigen Kinder in den ersten 5 Lebensjahren gering ist (drittletzte Position in einer allerdings unvollständigen Liste). Bereits im Alter von 5 bis 9 Jahren belegt Deutschland dann in etwa dieselbe Mittelposition wie bei den Erwachsenen. © rme/aerzteblatt.de

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