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Medizin

Blutdruckselbst­kontrollen in der Schwangerschafts­vorsorge ohne Zusatznutzen

Freitag, 13. Mai 2022

/BurntRedHen, stock.adobe.com

Oxford und London – Regelmäßige Selbstkontrollen des Blutdrucks, die mittler­weile ein fester Bestandteil in der Betreuung von Hochdruckpatienten sind, haben in 2 größeren randomisierten Studien im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA, 2022; DOI: 10.1001/jama.2022.4712 [BUMP 1] und DOI: 10.1001/jama.2022.4726 [BUMP 2]) die Frühdiagnose und Kontrolle einer Schwanger­schafts­hypertonie nicht verbessert.

Jede 10. Frau entwickelt während der Schwangerschaft eine Hypertonie, deren rechtzeitige Kontrolle unter Umständen die Entwicklung einer Präeklampsie verhindern kann.

Die Diagnose wird derzeit bei den regelmäßigen Vorsorgeunter­suchungen gestellt, die in England bei einem unkomplizierten Schwangerschafts­verlauf mindestens 7 Mal erfolgen. Zwischen den Terminen können schon einmal 2 Wochen liegen, in denen der Blutdruck ansteigen kann.

Die Idee der beiden BUMP-Studien („Blood Pressure Monitoring in High Risk Pregnancy to Improve the Detection and Monitoring of Hypertension“) war, die Diagnose mittels regelmäßiger Selbstmessungen früher zu stellen (BUMP 1) und bei einer Schwangerschaftshypertonie die Kontrolle zu verbessern (BUMP 2).

An 15 Zentren in England wurden die Schwangeren mit einem Blutdruckmessgerät ausgestattet. In BUMP 1 wurden sie gebeten, den Blutdruck 3 Mal pro Woche zu kontrollieren. In BUMP 2 sollte der bereits erhöhte und medikamentös eingestellte Blutdruck täglich kontrolliert werden.

Die Schwangeren führten jeweils 2 Messungen durch und trugen den 2. Wert manuell in eine App ihres Smartphones ein. Die App bewertete das Ergebnis und forderte die Schwangere bei einem zu hohen Wert auf, sich umgehend telefonisch um einen Termin zu kümmern.

An BUMP 1 nahmen 2.441 Schwangere teil, die mindestens 2 Risikofaktoren hatten wie Alter ab 40 Jahre, Nullipara oder Intervall von mehr als 10 Jahren seit der letzten Schwangerschaft, positive Eigen- oder Familienanamnese einer Schwanger­schaftshypertonie/Präeklampsie, BMI 30 plus, Nierenerkrankung, Zwillingsschwan­gerschaft, Diabetes oder Autoimmunerkrankung.

Alle Frauen nahmen an der üblichen Schwangerschaftsvorsorge teil. Die Hälfte wurde gebeten, zusätzlich Selbstmessungen durchzuführen.

Wie Katherine Tucker vom Nuffield Department of Primary Care Health Sciences der Universität Oxford und Mitarbeiter berichten, wurde in beiden Gruppen bei etwa 15 % eine Schwan­gerschaftshypertonie diagnostiziert.

Die Hoffnung, dass die Selbstmessungen den Zeitpunkt bis zur Diagnose verkürzen, der primäre Endpunkt der Studie, erfüllte sich jedoch nicht. Mit Selbstmessungen vergingen im Durchschnitt 104,3 Tage und ohne 106,2 Tage. Die Differenz von 1,6 Tagen war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von -4,9 bis 8,1 Tagen nicht signifikant.

Damit hatte die Studie ihr Ziel, die Diagnose durch Selbstmessungen zu beschleu­nigen, nicht erreicht. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Von den 179 Frauen mit einer Hypertonie hatten immerhin 109 vorher bei der Selbstmessung einen erhöh­ten Blutdruck festgestellt, und dieser 1. Wert lag im Durchschnitt 29 Tage vor der klinischen Diagnose.

Es könnte deshalb sein, dass die Schwangeren den Alarm nicht ernst genug genommen haben und sich nicht wie vorgesehen dringend einen Besuch besorgt haben. Denkbar ist, dass eine echte telemetrische Kontrolle, bei der der Wert über die App sofort an den Arzt weitergeleitet worden wäre, ein besseres Ergebnis erzielt hätte.

An BUMP 2 nahmen 850 Schwangere teil, bei denen der Blutdruck bereits erhöht war (bei 454 bereits vor der Schwangerschaft, bei 396 im Verlauf der Schwanger­schaft). Der primäre Endpunkt war hier der systolische Blutdruckwert im Verlauf der Schwangerschaft. Wie Lucy Chappell vom St. Thomas’ Hospital in London und Mitarbeiter berichten, erzielte die Selbstkontrolle keine Vorteile.

Bei den Schwangeren mit chronischer Hypertonie lag der Blutdruck bei den ärztlichen Kontrollen in der Gruppe mit Selbstkontrolle im Mittel bei 133,8/84,0 mm Hg und in der Gruppe ohne Selbstkontrolle im Mittel bei 133,6/84,3 mm Hg.

Bei den Schwangeren mit Gestationshypertonie lag der Blutdruck bei den ärztlichen Kontrollen in der Gruppe mit Selbstkontrolle im Mittel bei 137,6/86,1 mm Hg und in der Gruppe ohne Selbstkontrolle im Mittel bei 137,2/86,3 mm Hg. Die Unterschiede waren in beiden Gruppen selbstredlich nicht signifikant.

Ein möglicher Grund für die ausgebliebene Verbesserung der Blutdruckkontrolle könnte sein, dass schon zu Studienbeginn 68,3 % der Teilnehmerinnen mit chronischer Hypertonie und 44,7 % der Teilnehmerinnen mit Schwangerschafts­hyper­tonie ihren Blutdruck selbst überwacht hatten.

Außerdem konnten nicht alle Teilnehmerinnen im Verlauf der Studie dazu motiviert werden, die Selbstmessungen auch durchzuführen. Von den Schwangeren mit chronischer Hypertonie führten 62,7 % die Selbstmessungen durch, in der Gruppe mit Schwangerschaftshypertonie waren es nur 41,6 %.

Die kostenlose Verteilung von Blutdruckmessgeräten und eine kurze Schulung waren demnach nicht in der Lage, alle Schwangeren vom Nutzen der Selbstmes­sungen zu überzeugen. © rme/aerzteblatt.de

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