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Politik

Kreative Wege für „systemsprengende“ Kinder und Jugendliche

Donnerstag, 5. Mai 2022

/Jan H. Andersen, stock.adobe.com

Berlin – Experten aus der Praxis sprechen von „Hochrisikoklientel“ auch wenn der Begriff „Systemsprenger“, durch den gleichnamigen Spielfilm von 2019 inzwischen unrühmliche Bekanntheit erlangt hat.

„Die Kinder und Jugendlichen sprengen nicht das System, das System hat keine passenden Angebote für sie“, erklärte Jesko Fuhrken, Pädagogischer Leiter der Caritas Erziehungshilfe Bremen, bei einem Fachgespräch der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) gestern. „Kinder und Jugendliche im System: Sprengen, Testen – Wegschließen!? – Wie gehen wir mit herausfordernden Akteuren um?“, lautete der Titel des digitalen Gesprächs.

Als Hochrisikoklientel gelten Kinder und Jugendliche aus schwierigen Herkunftsfamilien mit „Multiproblem­lagen, langen Trägerbiografien, ständig erlebten Beziehungsabbrüchen und wiederholten Psychiatrieaufent­halten“, so Fuhrken. „Manche Kinder haben bis zum 14. Lebensjahr bis zu 40 verschiedene Unterbringungen hinter sich.“ Ab dem 10. Lebensjahr habe bei den meisten die „Abwärtsspirale“ begonnen.

Diese Kinder und Jugendlichen seien eine Herausforderung für die Träger und die Politik, die ihnen trotzdem wieder einen Platz im System schaffen müssen, um ihrem Recht auf Erziehung und Bildung Rechnung zu tra­gen, betonte der Pädagoge. „Hierfür müssen neue kreative Wege geschaffen werden, die den individuellen Bedarfen der Heranwachsenden gerecht werden.“

Einig waren sich die Experten der DGSP darin, dass eine geschlossene Unterbringung in speziellen Heimen für die betroffenen Kinder nicht der richtige Weg sei. „Geschlossene Räume mit einem strengen Regelwerk sind für die meisten der Kinder nicht der richtige Weg und wenig erfolgreich“, sagte beispielsweise die Kin­der- und Jugendpsychiaterin Charlotte Köttgen. Sie leitete von 1984 bis 2003 den Jugendpsychologischen und -psychiatrischen Dienst in Hamburg.

Fünf intensivpädagogische Plätze – 14,5 Vollzeitstellen

Kreative Wege geht die Intensivpädagogische Wohngruppe Port Nord in Bremen, die bei dem Fachgespräch als positives Beispiel vorgestellt wurde. Bei Port Nord arbeitet ein multiprofessionelles Team aus Sozialarbei­tern, Erziehern, Psychologen, Therapeuten und Hauswirtschaftern in einem niedrigschwelligen offenen Set­ting mit Kindern und Jugendlichen zwischen acht und 14 Jahren. Auf fünf Plätze kommen 14,5 Vollzeitstellen, die die Kinder Tag und Nacht betreuen – immer doppelt besetzt.

Jesko Fuhrken erläuterte die pädagogischen Prinzipien der Wohngruppe: Die Kinder und Jugendlichen sollen die Gruppe als „sicheren Ort“ erleben, an dem sie sich wohlfühlen sollen; es herrscht das Prinzip der Frei­willig­keit; kein Kind wird bei Fehlverhalten entlassen, um weitere Beziehungsabbrüche zu vermeiden; Fähig­keiten und Ressourcen der Kinder werden anerkannt; eine stabile Beziehung soll aufgebaut werden.

Die Mitarbeiter des multiprofessionellen Teams müssen Fähigkeiten im Umgang mit Gewalt und existenzi­ellen Krisen der Kinder haben; sie sollten Unberechenbarkeiten aushalten können sowie schnell und kreativ handeln. Sie müssen die Fähigkeit zur Selbstfürsorge entwickeln und sich abgrenzen lernen. Fallsupervision, Deeskalationstrainings, Handlungspläne bei Krisen der Kinder und ein Fortbildungsprogramm gehören deshalb zu den Notwendigkeiten der Tätigkeit.

Zu den Prinzipien von Port Nord gehört auch, dass ein Mitarbeiter ein Kind bei einem Aufenthalt in der statio­nären Psychiatrie begleitet, das heißt tagsüber dort anwesend ist, um einen weiteren Beziehungsabbruch zu vermeiden. Abgesprochen ist dieses Vorgehen mit dem Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bremen, mit der die Einrichtung kooperiert. Nach dem Psychiatrieaufenthalt geht das betroffene Kind wieder in die Wohngruppe zurück.

Einig waren sich die Experten der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie bei dem Fachgespräch, dass es viele solcher Projekte in Deutschland braucht, um Kindern und Jugendlichen mit herausforderndem Verhalten nachhaltig zu helfen. © PB/aerzteblatt.de

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