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Medizin

COVID-19: Interferon­präparat senkt Hospitalisierungs­rate im Frühstadium deutlich

Freitag, 6. Mai 2022

/Bernard Chantal, stock.adobe.com

Palo Alto – Eine einzelne subkutane Injektion von Peginterferon Lambda-1a hat in einer Phase-3-Studie bei ambulanten Patienten mit einer beginnenden COVID-19-Erkrankung das Risiko einer Notfallbehandlung oder Hospitalisierung halbiert. Der Hersteller, eine kleine Firma aus Kalifornien mit 43 Angestellten, will bei der US-Arzneimittelagentur (FDA) eine Notfallzulassung beantragen. Die Ergebnisse der Studie wurden noch nicht publiziert. Beobachter bleiben skeptisch.

Interferone sind ein Frühwarnsignal des Immunsystems. Zellen erkennen Krankheitserreger mit „Pattern Re­cog­nition“-Rezeptoren an bestimmten Mustern, die während der Evolution im Erbgut der Zellen abgespeichert wurden. Dies setzt eine Abwehrreaktion in der Zelle in Gang.

Über die Freisetzung von Interferonen werden zusätzlich benachbarte Zellen vor der Gefahr gewarnt. Eine Behandlung mit Interferonen könnte deshalb in der Lage sein, die Immunabwehr zu verstärken. Eine Zeit lang wurden Interferone zur Behandlung der Hepatitis C eingesetzt, wo es allerdings mittlerweile effektivere Medi­kamente gibt.

Interferone wurden auch zur Behandlung von COVID-19 erprobt. Die Ergebnisse waren jedoch bisher ernüch­ternd. Weder in der Studie ACTT-3 der US-National Institutes of Health noch in der Solidarity-Studie der WHO war ein Nutzen erkennbar. In beiden Studien war Interferon beta 1a bei hospitalisierten Patienten in der Spät­phase der Erkrankung eingesetzt worden, in der die Infektion bereits zu schweren Zellschäden geführt hat.

Die Behandlung erfolgte außerdem mit einem Interferon mit einer breiten Wirkung auf verschiedene Zellty­pen, was die Toxizität erhöht. Interferon lambda wirkt dagegen nur auf Epithelien in den Atemwegen und im Gastrointestinaltrakt, was eine gezieltere und auch in höherer Dosierung nebenwirkungsarme Behandlung verspricht.

Im vergangenen Jahr hatte eine kleinere Phase-2-Studie gezeigt, dass die einmalige subkutane Injektion einer pegylierten Version (sie hemmt den Abbau und verlängert dadurch die Halbwertzeit) von Interferon lambda die Viruslast deutlich senkt (Lancet Respiratory Medicine, 2021; DOI: 10.1016/S2213-2600(20)30566-X).

Der Hersteller Eiger BioPharmaceuticals hat sich daraufhin an einer Phase-3-Studie beteiligt, die in Brasilien verschiedene Therapieoptionen untersucht. Dies geschah sicherlich aus finanziellen Gründen, denn Eiger ist ein kleineres Unternehmen mit (laut der Agentur Bloomberg) lediglich 43 Angestellten. Interferon lambda ist derzeit nirgends zugelassen. Eiger hat das Mittel zur Behandlung der Hepatitis D entwickelt.

In der Together-Studie erhielten 1.936 ambulante Patienten eine einzige subkutane Injektion mit Interferon lambda oder Placebo. Der Beginn der Symptome durfte nicht länger als 7 Tage zurückliegen und die Teilneh­mer mussten ein hohes Risiko auf einen schweren Verlauf haben (Alter über 50 Jahre, Diabetes, Bluthoch­druck, kardiovaskuläre Erkrankungen, Lungenerkrankungen, Nierenerkrankungen, Fettleibigkeit etc.), damit ein Nutzen der Behandlung leichter nachweisbar war. Der primäre Endpunkt der Studie war eine Verschlechte­rung, die zum Besuch einer Notfallambulanz oder zu einer Hospitalisierung führte.

Laut den vom Hersteller bereits am 17. März in einer Pressemitteilung bekannt gegebenen Ergebnissen er­reich­ten in der Interferongruppe nur 25 von 916 Patienten (2,7 %) den primären Endpunkt gegenüber 57 von 1.020 Patienten (5,6 %) in der Placebogruppe. Dies ergibt eine Risikominderung um 50 %, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 23 bis 69 % signifikant war.

Die Häufigkeit von Hospitalisierungen wurde um 42 % (5-66 %) gesenkt. Wenn der Krankheitsbeginn 3 Tage oder weniger zurücklag, wurde das Risiko einer Hospitalisierung sogar um 60 % (18-82 %) gesenkt. In der Lambda-Gruppe gab es nur 1 Todesfall gegenüber 4 Todesfällen in der Placebogruppe. Die Inzidenz behand­lungsbedingter unerwünschter Ereignisse war laut Hersteller in beiden Gruppen gleich. Am häufigsten waren Reaktionen an der Injektionsstelle.

Die Pressemitteilung des Herstellers wurde anfangs kaum beachtet, da die bisherigen Behandlungsergebnisse mit Interferonen enttäuschend waren und die Ergebnisse noch nicht publiziert wurden. Jetzt hat Eiger jedoch mitgeteilt, dass sie noch im 2. Quartal bei der FDA eine Notfallzulassung beantragen wollen.

Die Reaktion der verschiedenen Experten, die von Science befragt wurden, war überwiegend abwartend. Es wurde allerdings anerkannt, dass eine Behandlung mit Interferonen Vorteile haben könnte. Ein Pluspunkt wäre die einmalige subkutane Injektion, die problemlos beim Hausarzt erfolgen könnte.

Da die Interferone einen natürlichen Abwehrmechanismus stärken, könnte die Behandlung weniger anfällig gegenüber Resistenzen sein. Tatsache ist allerdings auch, dass Viren und andere Krankheitserreger im Verlauf der Evolution Mechanismen entwickelt haben, um die Interferon-Antwort zu umgehen. © rme/aerzteblatt.de

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