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Fälschlicher Glaube an Menschenrassen immer noch verbreitet

Freitag, 13. Mai 2022

/Franzi draws, stock.adobe.com

Berlin – Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland glaubt an die Existenz menschlicher „Rassen“ – obwohl es bereits seit vielen Jahren wissenschaftliche Belege dafür gibt, dass diese nicht existieren. Zu diesem Er­geb­nis kommt eine repräsentative Befragung von rund 5.000 Personen des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).

Die kürzlich erschienene Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) zeigte zudem, dass vor allem Ältere und Menschen mit geringerem Bildungsstand diesem Irrglauben erliegen.

Während bei den 14- bis 24-Jährigen knapp ein Drittel (32 Prozent) an die Existenz von „Menschen­rassen“ glaubt, sind es bei den über 65-Jährigen sogar fast zwei Drittel (61 Prozent). Zudem stimmten fast drei von vier der Be­fragten ohne Schulabschluss (72 Prozent) dem ebenfalls zu, während es bei Personen mit Hochschulreife zirka ein Drittel war (37,2 Prozent).

Unter den Personen, die sich selbst einer rassifizierten Gruppen zuordnen, war der Glaube an die Existenz menschlicher „Rassen“ genauso ausgeprägt wie unter den übrigen Befragten.

Gleichzeitig zeigte der NaDiRa, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass es falsch ist, den Begriff „Rasse“ für Menschen zu verwenden; 65 Prozent der Menschen stimmen dem zu. Diesen Widerspruch erklären sich die Autoren des NaDiRa damit, dass der Glaube an die Existenz menschlicher Rassen nicht notwendigerweise ausschließt, dass man dieser ethisch problematischen Einteilung skeptisch gegenübersteht.

Gerade im deutschsprachigen Raum sei der Rassebegriff aufgrund der Verbrechen des Nationalsozialismus tabuisiert. Das könnte einer der Gründe dafür sein, warum die Mehrheit „Rassen“ zwar als gegeben annehmen würden, es aber ablehnen, den Begriff zu verwenden.

Der Begriff ist obsolet

Der deutsche Begriff „Rasse“ soll Menschengruppen anhand ihrer genetischen Unterschiede definieren. Doch bereits 1950 hat sich die Unesco gegen den Begriff eingesetzt. In einer Arbeitsgruppe „Gegen Rassismus, Ge­walt und Diskriminierung“ bezeichnete sie ihn 1995 als obsolet und als Rechtfertigung für Diskriminierung.

„Erstaunlich viele Menschen in Deutschland – fast die Hälfte – glauben auch noch immer an die Existenz menschlicher ‚Rassen‘, obwohl die Wissenschaft schon lange das Gegenteil belegt hat“, sagte der Direktor des DeZIM-Instituts Frank Kalter. Das zeige, dass noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten sei. Dies habe nicht zuletzt das „Human Genome Project“ abermals belegt, heißt es im NaDiRa-Bericht.

Denn die genetischen Unterschiede innerhalb bestimmter geographischer Gruppen, wie beispiels­weise auf dem afrikanischen Kontinent sind teilweise größer als zwischen Gruppen unterschiedlicher Abstammung.

„Darüber hinaus hat die Analyse von Genen, die in verschiedenen Versionen (Allelen) auftreten, gezeigt, dass die genetische Variation zwischen den Individuen innerhalb jeder Gruppe groß ist, während im Vergleich dazu die Variation zwischen den Gruppen verhältnismäßig klein ist“, schreibt die Arbeitsgruppe der Unesco 1995 auf ihrer Webseite.

Somit wären die Unterschiede beispielsweise zwischen dem afrikanischen und dem europäischen Kontinent teilweise geringer als zwischen den Individuen auf dem jeweiligen Kontinent.

Belegt ist dies unter anderem auch durch eine 2003 in Science veröffentlichte Studie (DOI: 10.1126/science.1078311). Forschende untersuchten mehr als 1.000 Individuen aus 52 Populationen, bei­spielsweise verschiedene Stämme oder Länder eines Kontinents. Die Unterschiede zwischen den Individuen innerhalb der Population machen 93 Prozent bis 95 Prozent der genetischen Variation aus; die Unterschiede zwischen den Hauptgruppen (etwa Afrika oder Europa) betragen nur drei bis fünf Prozent.

Phänotypische Unterschiede, wie die Körpermorphologie, die Haut- oder Haarfarbe sind zwar leicht zu er­ken­nen. Die genetische Variation sei allerdings weitaus weniger ausgeprägt, schreiben Forschende in der Unesco-Stellungnahme von 1995. Die Diversität zwischen den Menschen passe sich geographischen Gegebenheiten an und lasse sich mit einem Konzept verschiedener Menschenrassen nicht vereinen.

Race ist nicht gleichzusetzen mit „Rasse“

Im Unterschied zum deutschen Begriff „Rasse“ hat der englische Begriff „race“ einen Bedeutungs­wandel voll­zogen. Er meint mittlerweile vielmehr ein Konstrukt, das auf gesellschaftliche Ungleichheit aufmerksam macht als eine biologische Zuschreibung. Der Begriff wird als Selbstzuschreibung zum Beispiel auch in medizinischen Studien genutzt, ist allerdings auch hier umstritten.

Peer-Netzwerke für Kliniker beseitigen rassistische und geschlechts­spezifische Vorurteile

Pennsylvania – Rassistische und geschlechtsspezifische Vorurteile können die Anamnese von Ärzten beeinflussen. Der Austausch in Peer-Netzwerken wirkt dem entgegen und bietet eine sicherere und gerechtere Gesundheitsversorgung für Frauen und Minderheiten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie in Nature Communications (2021; DOI: 10.1038/s41467-021-26905-5). Forschende der Annenberg School for

Das New England Journal of Medicine veröffentlicht seit 2022 nur noch Studien, die Informa­tio­nen über Ge­schlecht, Alter und geografische Herkunft sowie race oder ethnische Zugehörigkeit der Studienteilnehmenden enthalten (2021; DOI: 10.1056/NEJMe2114651).

Denn bestimmte Erkrankungen würden nachweislich unterschiedlich häufig in verschiedenen Bevölkerungs­gruppen auftreten, so die Begründung des Fachjournals. Das Deutsche Ärzteblatt hat darüber berichtet. © mim/gie/aerzteblatt.de

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