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Politik

„Stationsapotheker können dazu beitragen, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern“

Donnerstag, 19. Mai 2022

Gehrden – Nach den Morden des Pflegers Niels H. in zwei Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst hat das Land Niedersachsen ab dem Beginn dieses Jahres die Beschäftigung von Stationsapothekern in Kran­ken­häusern verpflichtend vorgeschrieben. Carina Helfst arbeitet als Stationsapothekerin am KRH Klinikum Robert Koch Gehrden, einem Krankenhaus mit neun Abteilungen und 349 Betten südwestlich von Hannover. Im Ge­spräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) beschreibt sie ihre Arbeit und erklärt, wie oft sie Medikations­fehler entdeckt und wie die Ärzte auf sie reagiert haben.

Fünf Fragen an Carina Helfst, KRH Robert-Koch-Klinikum Gehrden

: Frau Helfst, seit knapp vier Jahren sind Sie als Stationsapothekerin tätig. Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?
Helfst: Am KRH Klinikum Robert Koch Gehrden ist täglich eine von zwei Stationsapothekerinnen im Dienst. Unsere Aufgabe besteht in erster Linie darin, die Medikation der Patientinnen und Patienten auf unerwünschte Arzneimit­tel­wirkungen zu überprüfen. Dafür setzen wir uns meist mit den Ärztinnen und Ärzten zusammen und gehen die Medikation durch.

Vormittags nehmen wir je nach Wunsch des Arztes auch an den Visiten teil. Das nimmt mehr Zeit in Anspruch, aber hier können wir direkt Fra­gen zur Auswahl und Dosierung beantworten, die sich insbesondere beim Neuansetzen von Medikamenten ergeben.

Bei den neuen Patienten überprüfen wir grundsätzlich die gesamte Medikation mithilfe unserer elektronischen Patientenakte. Das ist ins­besondere bei geriatrischen Patienten wichtig, denen oft mehrere Arzneimittel verordnet wurden. Wenn uns Medikationsfehler auffallen, verständigen wir den zuständigen Arzt, der die Medikation dann anpasst.

Zudem befassen wir uns mit den sogenannten Sonderanforderungen. Das sind Medikamente, die wir nicht selbst gelistet haben und die wir deshalb bestellen müssten. Wir überprüfen zunächst, ob wir die Patienten auf ein anderes Medikament umstellen können, das wir gelistet haben. Geht das nicht, bestellen wir das benötigte Arzneimittel. Auf diese Weise können wir die Versor­gung der Patienten sicherstellen und zugleich Kosten einsparen.

: Welches sind die häufigsten Medikationsfehler, die Sie entdecken?
Helfst: Es gibt eine ganze Reihe von unerwünschten Wechselwirkungen, zum Beispiel der Klassiker: die gleich­zeitige Gabe des Antiarrhythmikums Amiodaron und Simvastatin. In diesem Fall sollte man auf ein anderes Statin umstellen, das keine CYP-Interaktionen aufweist, um das Risiko für Myopathien zu reduzieren.

Aufpassen muss man auch ganz besonders bei der Gabe von bestimmten Antiinfektiva, wie zum Beispiel Van­comycin oder Gentamicin, bei denen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden müssen, damit es nicht aufgrund der Nephrotoxizität zu einem Schaden des Patienten kommt.

Hier ist vor allem eine aufmerksame Überwachung der Laborwerte wichtig: Talspiegelkontrollen müssen regel­mäßig durchgeführt werden, um die Dosierungen entsprechend anzupassen. Bei solchen Fällen ist eine enge Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker enorm wichtig.

Eine Interaktion, die oftmals vorkommt, ist der sogenannte Triple Whammy. Dabei werden nichtsteroidale Anti­rheumatika wie Ibuprofen zusammen mit einem Diuretikum und einem ACE-Hemmer gegeben. Diese Kombina­tion kann bei zu langer Anwendung und einer bereits geschwächten Nierenfunktion zu einem akuten Nieren­versagen führen.

Um solche problematischen Kombinationen zu verhindern, haben wir für die unterschiedlichen Fachkliniken Schmerzstandards erstellt, die mithilfe der elektronischen Patientenakte aufgerufen und verordnet werden können. Außerdem führen wir Schulungen zu verschiedenen Themen sowohl für Ärzte als auch für Pflegekräfte durch. Auch bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter sind wir dabei, wenn es um die Schulung der elektronischen Patientenakte geht.

: Wie reagieren die Ärztinnen und Ärzte auf Sie?
Helfst: Wir waren eines der ersten Krankenhäuser in Niedersachsen, das Stationsapotheker eingestellt hat. Insofern haben sich die Ärztinnen und Ärzte an uns gewöhnt. Wir wurden offen aufgenommen und mittlerweile gehören wir auch richtig mit zum Team. Die Ärzte und Pflegekräfte schätzen unsere Arbeit sehr. Wir bekommen regelmäßig Anrufe und werden angesprochen, wenn es Unklarheiten bei der Medikation gibt.

: Wie viele Medikationsfehler entdecken Sie bei Ihrer Arbeit?
Helfst: Pro Tag prüfen wir die Medikation von etwa 30 bis 40 Patienten. In etwa der Hälfte der Fälle haben wir Anmerkungen zur Medikation – was aber nicht heißt, dass schwerwiegende Medikationsfehler vorliegen. Manch­mal sind es auch Kleinigkeiten, die wir anmerken, zum Beispiel darauf zu achten, die Laborwerte im Blick zu behalten.

: Wie bewerten Sie die Vorgabe, dass Krankenhäuser in Niedersachsen Stationsapotheker beschäftigen müssen?
Helfst: Aus meiner Sicht können Stationsapothekerinnen und -apotheker dazu beitragen, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern – weil sie mit ihrem gezielten Blick auf die Arzneimitteltherapiesicherheit eine wichtige Sicherheitslücke schließen.

Ärztinnen und Ärzten bleibt dafür im Klinikalltag oft keine Zeit. Es hilft dann auch wenig, wenn Krankenhäuser mit einer elektronischen Patientenakte arbeiten, die unerwünschte Wechsel­wirkungen darstellen kann, wenn die Zeit fehlt, sich diese in Ruhe anzuschauen. Von unseren Ärztinnen und Ärzten hören wir, dass sie dankbar sind, dass jemand da ist, der die Medikation aller Patienten im Blick behält. © fos/aerzteblatt.de

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