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Medizin

Studie: NSAID und Steroide könnten Chronifizierung von Kreuzschmerzen fördern

Montag, 16. Mai 2022

/BigBlueStudio, stock.adobe.com

Montreal – Akute Kreuzschmerzen führen zu einer Entzündungsreaktion im Körper, die möglicherweise die Ausheilung fördert und eine Chronifizierung verhindern könnte. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam in Science Translational Medicine (2022; DOI: 10.1126/scitranslmed.abj9954), das damit gängige Therapiekonzepte infrage stellt, die eine schnelle Schmerzlinderung mit nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAID) und manchmal mit Steroiden anstrebt.

Kreuzschmerzen gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen. Am Beginn stehen oft akute Schmerzattacken, die in der Regel medikamentös behandelt werden. Die Patienten erhalten Schmerzmittel, um die Mobilisierung zu beschleu­nigen und die Patienten vor einer Chronifizierung zu schützen. Zum Einsatz kommen NSAID und gelegentlich auch Steroide (als lokale Injektion oder auch oral).

Ein Team um Luda Diatchenko von der McGill-Universität in Montreal hat jetzt in einer Transkriptomanalyse bestätigt, dass es bei akuten Kreuzschmerzen zu einer Aktivierung von Entzündungszellen kommt. Die Forscher untersuchten Blutproben von 98 Personen, die unter akuten Kreuzschmerzen litten und von denen sich eine Hälfte bei einer Nachuntersuchung nach 3 Monaten wieder erholt hatte, während die andere Hälfte weiter unter Schmerzen litten.

Bei einer Transkriptomanalyse werden die RNA-Moleküle aus den Zellen sequen­ziert. Da es sich weitgehend um Boten-RNA handelt, zeigt die Untersuchung, welche Gene aktuell exprimiert, sprich verwendet werden. Bei der 1. Untersu­chung gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Bei der 2. Untersuchung wurden dann mehr 1.700 Gene unterschiedlich exprimiert.

Eine genauere Analyse ergab, dass die Unterschiede vor allem die neutrophilen Granulozyten betrafen. Sie gehören zum angeborenen Immunsystem und werden in der Akutphase einer Gewebeschädigung aktiviert. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Entzündungsreaktion, zu der es vermutlich bei akuten Kreuz­schmer­­zen kommt. Eine Pathwayanalyse bestätigte, dass die Erholung von den Kreuzschmerzen tatsächlich auf einen Rückgang der Entzündungsreaktion zurückzuführen war.

Die gleichen Veränderungen fanden die Forscher in einer 2. Gruppe von Patienten mit kraniomandibu­lä­rer Dysfunktion, einem chronischen Schmerzsyn­drom der Kiefergelenke. Diese Befunde legten den Verdacht nahe, dass eine Behandlung mit entzündungs­hemmenden Medikamenten wie NSAID oder Steroiden die Erholung von den Kreuzschmerzen behindern könnte (auch wenn sie die Symptome zunächst lindern).

Die Forscher untersuchten diese Hypothese an Mäusen, bei denen sie durch eine Abschnürung des Ischiasnerven oder durch Injektion von Freund-Adjuvans (einer Emulsion aus abgetöteten Erregern) oder des Nervenwachstumsfaktors eine Schmerzreaktion auslösten.

Unbehandelt erholten sich die Tiere allmählich von den Schmerzen. Unter der Behandlung mit dem Steroid Dexamethason oder dem NSAID Diclofenac hielten die Schmerzen an. Die Schmerzdauer verlängerte sich auch, wenn die Mäuse mit einem Antikörper behandelt wurden, der die neutrophilen Granulozyten blockiert.

Diese tierexperimentellen Befunde bestätigen die Vermutung, dass die entzünd­liche Reaktion im Körper die Ausheilung des Schmerzsyndroms fördert und dass die neutrophilen Granulozyten dabei der zentrale Akteur sind.

Eine Analyse der „UK Biobank“, einer Beobachtungsstudie von einer halben Million Erwachsenen, ergab, dass Patienten, die NSAID zur Behandlung ihrer akuten Kreuzschmerzen eingenommen hatten, zu 76 % häufiger an chronischen Schmer­zen erkrankten. Für die Einnahme von Paracetamol, das keine antientzünd­liche Wirkung hat, ließ sich ein solcher Zusammenhang nicht belegen.

Die Ergebnisse bestätigen die Vermutung, dass die Ausheilung von akuten Kreuzschmerzen ein aktiver biologischer Prozess ist, der möglicherweise durch die Behandlung mit antientzündlichen Medikamenten behindert wird. Die Ergebnisse von tierexperimentellen Studien lassen sich nicht einfach auf den Menschen übertragen und die in der „UK Biobank“ gefundenen Assoziationen sind kein abschließender Beweis, dass die derzeitigen Behandlungen die Chronifizierung der Schmerzen fördern.

Dies ließe sich nur in randomisierten kontrollierten Therapiestudien zeigen, in denen Patienten mit akuten Kreuzschmerzen vergleichend mit einem NSAID, Paracetamol oder Placebo behandelt werden müssten. Zu bedenken ist auch, dass Schmerzmittel oft der einzige Weg sind, die Patienten kurzfristig für eine Bewe­gungstherapie zu mobilisieren.

Die meisten Therapiestudien zur medikamentösen Behandlung von Kreuzschmer­zen wurden bisher an Patienten durchgeführt, die bereits unter chronischen Rückenschmerzen leiden. In diesem Stadium wurde mit NSAID nach einer Metaanalyse der Cochrane Corporation (2016; DOI: 10.1002/14651858.CD012087) nur eine geringe Wirkung erzielt. © rme/aerzteblatt.de

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