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Politik

Heimbewohner oft in Gefahr von Übergriffen

Montag, 16. Mai 2022

/Satjawat, stock.adobe.com

Berlin – Fälle von Gewalt gegen Menschen mit Behinderung ereignen sich laut Bundesregierung und Menschenrechtsexperten oft im Dunkeln. Insgesamt hätten hunderttausende Menschen in Sonderein­richtungen selten die Chance, ihre Rechte geltend zu machen, stellten der Bundesbehindertenbe­auf­tragte Jürgen Dusel und das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) in Berlin fest.

„Menschen in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe erfahren unterschiedliche Formen von Gewalt – darunter psychischen Druck, körperliche und sexualisierte Gewalt“, sagte die DIMR-Expertin Britta Schlegel. Dusel kritisierte, Schutzkonzepte gäbe es bisher oft nur auf dem Papier. Seit Juni 2021 sind Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen zu Schutzmaßnahmen verpflichtet.

Ein seit Juli 2021 betriebenes Rechercheprojekt geht von einem „großen Ausmaß von niedrigschwelli­ger bis hin zu schwerer psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt in Einrichtungen“ in Deutschland aus. Aufgelistet werden unter anderem Fälle von Misshandlungen, Verbrühungen und Er­niedrigungen.

Dusel und Schlegel gaben Handlungsempfehlungen zur mehr Gewaltschutz heraus, in denen sie auf die „große Bedeutung“ dieser und weiterer Recherchen hinwiesen. Es gehe darum, erst einmal die Auf­merksamkeit für die Missstände zu erhöhen.

Schlegel betonte zwar, es gebe keine aktuellen Erhebungen über das Ausmaß der Gewalt. Sie ging aber über die bekannt werdenden Fälle hinaus von einer hohen Dunkelziffer aus. Übergriffe und De­mütigungen könnten von Beschäftigten der Einrichtungen ebenso ausgehen wie von anderen Bewoh­nern.

„In Einrichtungen lebende Menschen suchen selten selbst Rechtsschutz“, erläuterten Schlegel und Dusel. „Das Leben in Abhängigkeitsverhältnissen und das fehlende Wissen um die eigenen Rechte und Beschwerdemöglichkeiten verhindern dies.“

Rund 330.000 Menschen mit Behinderungen sind in Werkstätten beschäftigt. Rund 200 000 leben in speziellen Wohneinrichtungen, vielfach arbeiten sie zugleich in Werkstätten.

Das DIMR und der Beauftragte Dusel begrüßten das Koalitionsvorhaben, verbind­lichere Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt voranzutreiben. Zugleich wiesen sie darauf hin, dass Forderungen nach mehr Vorsorge in den speziellen Einrichtungen aus ihrer Sicht nicht alles seien.

„Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft ist ein umfassender Gewaltschutz in Einrichtungen nur der erste wichtige Schritt“, stellten sie fest. Schrittweise müssten Sondereinrichtungen komplett abgebaut werden. © dpa/aerzteblatt.de

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