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Politik

Sexualisierte Gewalt: Staat und Gesellschaft müssen Verantwortung übernehmen

Dienstag, 17. Mai 2022

Kerstin Claus, die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), gibt im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ihre Antritts-Pressekonferenz./picture alliance, Kay Nietfeld

Berlin – „Es ist mein Ziel, das Bewusstsein für sexualisierte Gewalt gesamtgesell­schaftlich zu stärken, damit Kinder und Jugendliche künftig effektiver davor geschützt und Taten schneller aufgedeckt werden“, sagte Kerstin Claus, die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) heute bei ihrer Antrittspressekonferenz in Berlin.

Sexualisierte Gewalt geschehe nicht spontan oder aus Versehen. Sie finde mitten unter uns statt. „Wir alle müssen lernen, für möglich zu halten, dass sie in unserem ganz persönlichen Umfeld stattfindet, dass wir alle mit großer Wahrscheinlichkeit betroffene Kinder und wahrscheinlich auch Täter und Täterinnen kennen“, sagte Claus.

Weil die Täter strategisch geplant handelten, sei es wichtig, Betroffene an der Prävention von sexualisierter Gewalt zu beteiligen. „Betroffene kennen die Täterstrategien“, betonte sie.

Die UBSKM will ihren Blick auf Kinder und Jugendliche ebenso wie auf erwachsene Betroffene richten, bei denen sexualisierte Gewalt in der Kindheit „Spuren in der Biografie“ hinterlassen habe. Deshalb seien starke Netzwerke, Schutzkonzepte vor Ort und verlässliche Hilfen, die Betroffenen über die gesamte Lebensspanne niedrigschwellig zur Verfügung stehen, erforderlich.

Hierfür müssten die Beratungsstellen, die Kinder- und Jugendhilfe, die Ermittlungs­behörden und auch Ausbildungseinrichtungen, zum Beispiel für soziale und pädagogische Fachkräfte gestärkt werden. „Dies sind alles Strukturen, die in Länderverantwortung liegen und dort ressortübergreifend weiter ausgebaut werden sollten“, forderte Claus.

Mehr Praxissitze für Traumatherapeuten

„Betroffene sexualisierter Gewalt brauchen auch oft Traumatherapie. Aber gerade Kinder und Jugendliche können nicht monatelang auf einen Therapieplatz warten“, sagte Claus. Die Wartezeit habe schon vor der Coronapandemie 4,5 Monate betragen und die Situation sei noch angespannter geworden. „Wir brauchen zusätzliche Ressourcen gerade im ländlichen Raum“, forderte sie.

Zur Prävention von sexualisierter Gewalt müssten alle Räume – auch die digitalen – in den Blick genommen werden beziehungsweise Schutzkonzepte entwickelt werden, forderte Claus weiter. Denn: „Täter bahnen Übergriffe oftmals im Netz an.“

Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne zur Prävention ab Herbst

Die neue UBSKM kündigte an, eine Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne zur Prävention sexualisierter Gewalt im Herbst dieses Jahres zusammen mit dem Bundesfamilienministerium starten zu wollen.

„Wir brauchen eine solche Kampagne, die insbesondere uns Erwachsene adressiert: Täterstrategien sind hochmanipulativ und sie beziehen immer auch das soziale Umfeld ein. Das müssen wir verstehen, wenn wir Kinder künftig besser schützen wollen.“

Einen solchen Bewusstseinswandel erreiche man nicht mit ein paar Plakaten. Deswegen habe man die Kampagne auf mehrere Jahre angelegt. Trotz früherer Zusagen fehle es aktuell aber an Finanzierungszusagen über 2022 hinaus.

Immer noch keine verlässlichen Zahlen zum Ausmaß von sexualisierter Gewalt

„Ein Skandal ist es auch, dass wir noch immer keine verlässlichen Zahlen zum Ausmaß von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche haben“, sagte Claus. Und das obwohl bekannt sei, dass die in den verschiedenen Systemen erfassten Fälle, das Hellfeld, nur ein Bruchteil der tatsächlichen Zahlen darstellt.“ Ein nationales Kompetenzzentrum Forschung sollte Zahlen systematisch und fortlaufend erheben. „Dies ist mir ein zentrales Anliegen“, sagte sie.

Darüber hinaus begrüßte Claus die Vereinbarung im Koalitionsvertrag zur gesetzlichen Verankerung des UBSKM-Amtes. Wichtig sei aber auch eine gesetzlich geregelte Berichtsplicht gegenüber dem Parlament. Über Berichte zum Stand der Prävention, Intervention und Aufarbeitung werde es möglich, positive Entwicklungen auf Bundes- aber auch Landesebene zu benennen und auf Verbesserungen hinzuwirken.

Wächteramt des Staates hat bisher versagt

Zudem halte der Koalitionsvertrag explizit fest, dass die Regierung künftig Aufarbei­tung aktiv befördern und wenn erforderlich hierfür gesetzliche Grundlagen schaffen wird.

„Das Wächteramt des Staates hat bisher versagt“, sagte Claus. Es sei daher von besonderer Bedeutung, dass endlich auch der Staat bereit ist, hier mehr Verantwor­tung zu übernehmen. Dort, wo Kinder und Jugendliche nicht vor sexualisierter Gewalt geschützt wurden, könne Aufarbeitung wenigstens heute Taten sichtbar machen.

Deswegen sollte ein Recht für Betroffene auf Aufarbeitung im Gesetzgebungsprozess mitgedacht werden, forderte die Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmiss­brauchs. © PB/aerzteblatt.de

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