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Politik

Affenpocken in immer mehr Ländern, WHO ruft zur Kontaktverfolgung auf

Donnerstag, 19. Mai 2022

Diese elektronenmikroskopische Aufnahme aus dem Jahr 2003, die von den Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellt wurde, zeigt ein Affenpockenvirus./picture alliance, CDC via AP, Cynthia S. Goldsmith

Genf – Nach dem Auftauchen von Affenpocken bei Menschen in Europa und den USA hat die Weltgesund­heits­organisation (WHO) zu einer rigorosen Verfolgung aller Kontakte der Betroffenen aufgerufen. Kranken­häuser und die Bevölkerung müssten dafür sensibilisiert werden, einen ungewöhnlichen Hautausschlag von Fachpersonal begutachten zu lassen, teilte die WHO mit.

Erhärte sich der Verdacht auf Affenpocken, sollten Patienten isoliert werden. Gesund­heits­personal solle sich mit den üblichen Vorkehrungen bei Infektionen, die sich über Kontakt oder Tröpfchen ausbreiten können, schützen.

Die WHO betont, dass die in der Coronapandemie für viele Menschen zur Selbstver­ständ­lichkeit gewordene Handhygiene gegen das Risiko einer Übertragung helfe. Dazu gehören gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife sowie Desinfektionsmittel. Reise- oder Handelsbeschränkungen mit Großbritannien hält die WHO „nach vorliegenden Informationen zurzeit“ für unnötig.

Fälle der eigentlich seltenen Affenpocken werden mittlerweile in immer mehr Ländern nachgewiesen – nun etwa auch in Spanien, Portugal und den USA. Betroffen sei eine Person aus dem Bundesstaat Massachusetts im Nordosten des Landes, teilte die US-Gesundheitsbehörde CDC mit.

In Spanien wurden acht Infektionen in der Hauptstadt Madrid gemeldet, wie die Nachrichtenagentur Europa Press unter Berufung auf die Gesundheitsbehörden berichtete. In Portugal schrieb die Zeitung Público von etwa 20 Infizierten. Bei der Mehrheit der bisher bekanntgewordenen Fälle sind Männer betroffen, die Sexual­kontakte zu anderen Männern hatten.

In Kanada untersuchen Gesundheitsbehörden laut örtlichen Medien rund ein Dutzend Verdachtsfälle. Ergeb­nisse würden in den kommenden Tagen erwartet. Über einen bestätigten Fall in der Provinz Quebec seien die Behörden informiert worden, berichtete der kanadische Rundfunksender CBC unter Berufung auf das dortige Gesundheitsministerium. Eine offizielle Bestätigung gab es zunächst nicht.

Auch in Italien ist eine erste Infektion mit Affenpocken festgestellt worden. Der Assessor für Gesundheit der Region Latium, Alessio D'Amato, bestätigte heute einen ersten erfassten Fall der Virusinfektion. Er habe Ge­sundheitsminister Roberto Speranza über den Befund, der im Nationalen Institut für Infektionskrankheiten bestätigt worden war, in Kenntnis gesetzt, schrieb D'Amato bei Facebook.

Das Institut kündigte noch für heute eine Presseerklärung an. Die Nachrichtenagentur Ansa meldete, dass es sich bei dem Infizierten um einen Mann handle, der von einer Reise auf die Kanarischen Inseln zurückkam und in Rom in ein Krankenhaus ging. Dort sei er isoliert worden, hieß es.

Auch Schweden meldete jetzt einen Fall von Affenpocken. Wie die schwedische Gesundheitsbehörde mitteil­te, ist eine Person im Großraum Stockholm infiziert. „Die mit dem Virus infizierte Person in Schweden ist nicht ernsthaft krank, aber in Behandlung“, sagte Infektionsmedizinerin Klara Sondén laut der Mitteilung. „Wir wis­sen noch nicht, wo sich die Person angesteckt hat. Die Ermittlungen dazu laufen.“ Die Behörde untersucht nun, ob es weitere Fälle in Schweden gibt.

In Deutschland gebe es bislang keine (Verdachts-)­fälle, schreibt Leif Erik Sander auf Twitter. Medizinischem Personal empfiehlt er dennoch, sich zu informieren und auf typische klinische Zeichen zu achten. Eine mögliche Maßnahme gegen einen Ausbruch sind laut Sander Ringimpfungen, bei denen Kontaktperso­nen vorsorglich geimpft werden.

Im Vereinigten Königreich würden diese nun durchgeführt. „Ringimpfungen wurden bei Ebola sehr effektiv eingesetzt und sollten auch bei Pocken / MPXV-Ausbrüchen funktionieren“, ist Sander überzeugt und verweist auf eine Studie in Human Vaccines & Immunotherapeutics (DOI: 10.1080/21645515.2020.1800324).

Bereits angesichts der ersten bekanntgewordenen Fälle in Großbritannien, wo das Virus Anfang Mai nachge­wiesen wurde, hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) Ärzte in Deutsch­land für die Virusinfektion sensibilisiert.

In einem vom RKI veröffentlichten Beitrag heißt es, Affenpocken sollten auch dann bei unklaren pockenähnli­chen Hautveränderungen als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden, wenn die Betroffenen nicht in bestimmte Gebiete gereist seien. Männer, die Sex mit Männern haben, sollten laut RKI bei ungewöhnlichen Hautver­änderungen „unverzüglich eine medizinische Versorgung aufsuchen“.

In Großbritannien hatte die Zahl erfasster Fälle nach Angaben der Gesundheits­behörde UK Health Security Agency (UKHSA) am vergangenen Montag bei sieben gelegen. Verbindungen zwischen Betroffenen sind nur teilweise bekannt. Teils sei unklar, wo sich Betroffene angesteckt haben. Die Mehrheit der betroffenen Männer soll sich in London angesteckt haben.

Frühere Fälle von Affenpocken waren nach WHO-Angaben in der Regel auf Reisen in Gebiete in West- und Zentralafrika zurückzuführen, in denen das Virus bekannt ist. Auch der erste Betroffene in Großbritannien war aus Nigeria eingereist.

Nach WHO-Angaben tauchten Affenpocken bei Menschen in Nigeria vermehrt seit 2017 auf. Insgesamt seien seitdem dort 558 Verdachtsfälle gemeldet worden. 241 seien bestätigt worden und acht Menschen seien daran gestorben.

Die Pocken des Menschen gelten seit 1980 nach einer großen Impfkampagne weltweit als ausgerottet. Wie das RKI erläutert, haben weite Teile der Weltbevölkerung mittlerweile allerdings keinen Impfschutz mehr.

Fachleute vermuten, dass der Erreger der Affenpocken in Nagetieren zirkuliert, Affen gelten als sogenannte Fehlwirte. „Infektionen können durch Kontakt mit Sekreten infizierter Tiere übertragen werden“, heißt es im RKI-Bericht. Übertragungen von Mensch zu Mensch durch Kontakte mit Körperflüssigkeiten oder Krusten seien mit Infektionsketten von bis zu sechs Menschen beschrieben. „Auch die sexuelle Übertra­gung von Pockenviren ist möglich“, hieß es.

Die Viruserkrankung ruft nach Angaben der UKHSA meist nur milde Symptome hervor, kann aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen. Ansteckend seien nur sympto­matisch Erkrankte bei engem Kontakt. Nach UKHSA-Angaben zählen zu den ersten Krankheitsanzeichen: Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmer­zen, geschwollene Lymphknoten, Schüttelfrost und Erschöpfung.

Es könne sich ein Ausschlag entwickeln, der sich oft ausgehend vom Gesicht auf andere Körperteile ausbreite. Der Ausschlag sehe je nach Phase unter­schiedlich aus und könne Windpocken und Syphilis ähneln. Es gibt keine spezifische Therapie und keine Impfung gegen Affenpocken. © dpa/gie/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 27. Mai 2022, 19:05

Off Limits???

Ich gehöre zu den damaligen MitbegründerInnen der AIDS-Hilfe Essen. Die jetzigen Verdachtsmomente bei bisher 12 offiziell bestätigten Fällen von Infektionen mit Affenpocken/monkeypox virus [MPXV] bedeuten keine Epidemie, keine Pandemie und kein Bedrohungsszenario. Der Berliner Infektiologe Professor Leif Sander von der Charité rechnet zwar mit einer „weiteren deutlichen Zunahme der Fälle“. Grund sei die lange Inkubationszeit. Zu beachten sei aber auch, dass MPV nicht so ansteckend sei, dass mit einer breitflächigen Ausbreitung wie bei SARS-CoV-2 nicht zu rechnen sei. „Es ist sehr ernst zu nehmen, aber wir sind vorbereitet.“

Doch die vermuteten Infektionswege sind dubios: Spanische Behörden gehen gegenwärtig der Vermutung nach, dass Partys der Gay Pride auf der Urlauberinsel Gran Canaria ein möglicher Infektionsherd gewesen sein könnten. Das berichtete die Zeitung „El País“ unter Berufung auf Quellen im Gesundheitssektor. An der vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) besuchten „Maspalomas Pride“ nahmen vom 5. bis 15. Mai etwa 80.000 Menschen aus Spanien und vielen anderen Ländern teil, wie die Zeitung berichtete. Männer aus Italien, aus Madrid sowie von der Insel Teneriffa, bei denen das Virus nachgewiesen wurde, sollen an den Feierlichkeiten teilgenommen haben. Auch einer der Berliner Infizierten soll dem Fest beigewohnt haben.

Ohne stigmatisieren zu wollen, das ist leider das krasse Gegenteil von Eigen- und Selbstverantwortung bzw. Solidarität und Subsidiarität im Krankheits- und Gesundheitswesen.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund
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