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Medizin

Wie gefährlich sind Affenpocken?

Donnerstag, 19. Mai 2022

Diese vom Robert-Koch-Institut (RKI) zur Verfügung gestellte elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Affenpockenvirus. /picture alliance, RKI, Andrea Männel

London, Stockholm und Genf – Das Auftreten von nicht reiseassoziierten Erkrankungen an Affenpocken in verschiedenen Ländern Europas und in Nordamerika legt den Verdacht nahe, dass sich der Erreger in der Risikogruppe von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), die am häufigsten betroffen ist, unerkannt ausgebreitet haben könnte.

Dies wäre ungewöhnlich, da die Infektionsketten der Zoonose beim Menschen in der Regel nach kurzer Zeit abreißen. Die Erkrankung ist weniger gefährlich, als der Name vermuten lässt. Todesfälle sind allerdings möglich.

Die Affenpocken werden von einem DNA-Virus aus der Gattung der Orthopoxviren verursacht, zu denen auch der Erreger der echten Pocken (Orthopox variolae) und das Vacciniavirus gehören. Mit dem Vacciniavirus ist es in den 1970er Jahren gelang, die echten Pocken zu eradizieren.

Im Tierreich gibt es verschiedene weitere Orthopoxviren. Sie infizieren dort Säugetiere. Zu den bekannteren Erkrankungen gehören Kuhpocken, Kamel­pocken und Affenpocken. Es gibt aber auch Pferde, Büffel- und Kaninchenpocken, um nur einige zu nennen.

Die Affenpocken wurden erstmals 1958 in Dänemark entdeckt, wo es in einer Forschungseinrichtung bei Affen zu Erkrankungen kam. Affen sind allerdings nicht der einzige oder häufigste Wirt. Das natürliche Reservoir wird in Nagetieren wie den gambischen Riesenratten oder in Eichhörnchen vermutet.

Die erste Infektion beim Menschen wurde 1970 dokumentiert. Die Viren wurden in der Demokratischen Republik Kongo bei einem Kind nachgewiesen, das nach der Ausrottung der Pocken überraschenderweise die typischen Effloreszenzen der Pocken zeigte. In den Folgejahren wurden in den Regenwaldgebieten Zentral- und Westafrikas immer wieder sporadische Fälle entdeckt.

Zum bisher größten Ausbruch kam es 1996/97 in der Region Ost-Kasai der Demokratischen Republik Kongo. Damals wurden insgesamt 511 Erkrankungen dokumentiert. Der Anteil der Sekundärfälle war ungewöhnlich hoch, dafür war die Fallsterblichkeit niedriger als bei früheren Ausbrüchen. Dies weist darauf hin, dass sich die Viren an den Menschen adaptiert haben könnten In einigen Regionen sind die Affenpocken inzwischen wohl endemisch, sprich die Übertragungen erfolgen von Mensch zu Mensch.

Die ersten Infektionen außerhalb Afrikas wurden 2003 gemeldet, als in 6 US-Staaten 47 Menschen erkrankten. Die Infektionen konnten auf den Kontakt zu Präriehunden zurückgeführt werden, die aus Ghana importiert und als Haustiere verkauft worden waren.

Im September 2018 wurden die Viren in Großbritannien bei 3 Personen identifiziert: 2 waren zuvor nach Nigeria gereist, wo es im Jahr zuvor einen Ausbruch gegeben hatte, der 3. Fall war ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens, der sich um einen der beiden Patienten gekümmert hatte. Es war die erste Mensch-zu-Mensch-Übertragung außerhalb von Afrika. Vereinzelte importierte Erkrankungen sind in anderen Ländern aufgetreten, zuletzt im November letzten Jahres in den USA.

Am 7. Mai diesen Jahres berichtete dann die „UK Health Security Agency“ über eine importierte Erkrankung. Der Patient hatte zuvor Nigeria besucht und wurde in einer Klinik in London isoliert und behandelt. 1 Woche später traten 2 weitere Fälle in einem Haushalt auf. Dieses Mal gab es keine Hinweise auf eine Reise in ein Endemiegebiet. Es bestanden auch keine Kontakte zum 1. infizierten Patienten. Inzwischen ist die Zahl der Infektionen auf 9 angestiegen, wobei ein gemeinsamer Nenner sexuelle Kontakte zu anderen Männern waren.

Auch aus anderen europäischen Ländern werden mittlerweile Erkrankungen gemeldet. Darunter waren 5 Fälle aus Portugal (plus 15 Verdachtsfälle) und 23 Verdachtsfälle aus Spanien. In Kanada ist es ebenfalls zu 15 Verdachtsfällen gekommen. Gestern wurde dann die 1. Erkrankung in den USA dokumentiert. Der Patient war zuvor in Kanada gewesen.

Das Auftreten von Clustern in verschiedenen Regionen, zwischen denen keine direkten Verbindungen nachweisbar sind, legt den Verdacht nahe, dass sich die Viren innerhalb der Länder ausgebreitet haben.

MSM bilden eine mögliche Risikogruppe, da es hier zu häufig wechselnden Sexualkontakten auch über Landesgrenzen hinweg kommt. Experten halten eine sexuelle Übertragung, die für das Vacciniavirus beschrieben wurde, für möglich. Die Erkrankungen sind in jüngeren Altersgruppen aufgetreten, die keine Kreuzimmunität besitzen, da sie als Kind nicht gegen Pocken geimpft wurden.

Die Gesundheitsbehörden haben die Ärzte auch in Deutschland (wo bisher keine Fälle aufgetreten sind) zur Wachsamkeit aufgefordert. Bei unklaren pockenähnlichen Effloreszenzen sollten die Affenpocken in die erweiterten differenzialdiagnostischen Überlegungen einbezogen werden, rät das Robert-Koch-Institut.

Bei den Affenpocken befinden sich die Effloreszenzen typischerweise im selben Stadium. Zunächst zeigen sich kleine Flecken (Macula), die sich zu Knötchen (Papula) entwickeln. Sie wandeln sich zu Bläschen (Vesicula), die dann Eiter einlagern (Pustula) und schließlich verkrusten und abfallen. Sie können wie bei den echten Pocken Narben hinterlassen.

Das Robert Koch-Institut bietet eine molekulare Diagnostik zur Identifizierung von Affenpockeninfektionen an. Als Material können Kruste oder Vesikelflüssigkeit an das Zentrum für Biologische Gefahren und Spezielle Pathogene 1 „Hochpathogene Viren“ eingeschickt werden. © rme/aerzteblatt.de

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