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Politik

Versorgung von Herz­stillstandpatienten soll besser werden

Donnerstag, 19. Mai 2022

/spkphotostock, stock.adobe.com

Freiburg – Bei einem Herz-Kreislaufstillstand ist sehr schnelle Hilfe gefragt. Patientinnen und Patienten sind mitunter auf Ersthelfer angewiesen, die das Herz wieder zum Pumpen bringen.

Hier geht Baden-Württemberg nun voran. Es sei das erste Bundesland, das ein landesweites System zur Alarmierung von Ersthelferinnen und Ersthelfern per Smartphone-App einführt, sagte der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Rats für Wiederbelebung (GRC), Bernd Böttiger, der Deutschen Presse-Agentur.

Neu an dem heute offiziell gestarteten Projekt ist, dass die Freiwilligen nicht nur in ihrem eigentlichen Einsatzgebiet alarmiert werden, sondern auch, wenn sie zum Beispiel im Urlaub oder auf einem Termin in einem anderen Landkreis sind. Die Helfer können dann unter anderem angeben, welches Verkehrsmittel sie haben, um die benötigte Zeit zum Patienten oder zur Patientin zu berechnen, wie Michael Müller, Erster Vorsitzender des Vereins Region der Lebensretter und damit verantwortlich für das Projekt, in Freiburg erklärte.

„Ersthelfersysteme sind eine super Sache“, sagte Böttiger, der auch Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Uniklinikum Köln ist. „Ich behaupte, so ein System deutschlandweit könnte noch mehr Menschenleben retten als der Sicherheitsgurt.“

Im Coronajahr 2021 starben in Deutschland nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts bei Verkehrsunfällen 2.569 Menschen.

Ihnen ständen rund 70.000 Tote durch Herz-Kreislaufstillstand gegenüber, sagte Böttiger. Für Verkehrs­sicherheit würden Milliarden ausgegeben, etwa für Airbags und Leitplanken.

„Zu Recht, aber wenn wir nur einen Bruchteil davon auch in die Hilfe beim Herz-Kreislaufstillstand stecken würden, hätten wir jedes Jahr 10.000 Tote weniger.“

Aus Böttigers Sicht wäre es die Pflicht der Politik, hier Vorgaben etwa für den Einsatz von Alarmierungs-Apps für Ersthelfer zu machen. „Es nicht zu tun, grenzt an unterlassene Hilfeleistung.“ Stattdessen gebe es in Deutschland einen „Flickenteppich“ freiwilliger Angebote.

Dem Freiburger Projekt beispielsweise haben sich Müller zufolge mehr als ein Drittel der 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg angeschlossen sowie das Allgäu in Bayern und Ostsachsen. Für weitere Kooperationen liefen schon Gespräche, sagte der Vereinsvorsitzende.

„Das explodiert gerade förmlich.“ Hintergrund seien neue internationale Leitlinien für die Reanimation, die seit 2021 den Einsatz von Apps und digitaler Technologie empfehlen. „Ich hoffe, dass wir das in zwei, drei Jahren in ganz Deutschland haben.“

In mehreren Regionen Bayerns, Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens, aber auch vereinzelt in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Neckar-Odenwald-Kreis wiederum sind die Mobilen Retter vertreten.

Sie nutzen laut Lars Maier vom Universitätsklinikum Regensburg eine eigene, aber ähnliche Technik. Auch diese solle künftig regionenübergreifend Ersthelfer alarmieren können, sagte das Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung.

Wünschenswert wäre ein deutschland- oder gar weltweit einheitliches System, sagte Böttiger. Doch allein hierzulande kenne er mindestens fünf verschiedene Ansätze.

„Die Systeme konkurrieren erheblich.“ Teils nutzten sie unterschiedliche Technik, teils sei die Philosophie schon bei der Rekrutierung der Ehrenamtlichen eine andere: Mal seien spezielle Kurse Voraussetzung, mal reiche eine einfache Bewerbungsmail ohne Kenntnisse darüber, was die Menschen können.

Zwar wisse man heute noch nicht, welches System am besten sei. „Daher ist es vielleicht auch nicht schlecht, dass sie unterschiedlich sind“, räumte Böttiger ein. „Aber sie sollten zumindest kompatibel sein.“

Forschende um den Mediziner Maier untersuchen wissenschaftlich, was der Einsatz von Ersthelfern bringt. Der aktuellen Statistik zufolge waren die Mobilen Retter im Schnitt nach 4:33 Minuten am Einsatzort.

Böttiger verwies auf den Herz-Kreislauf-Stillstand des dänischen Fußballers Christian Eriksen bei der Europameisterschaft 2021. „So etwas passiert in Deutschland 200 Mal am Tag.“ Doch anders als auf dem Spielfeld, wo Eriksen zusammengebrochen war, komme die Hilfe oft zu spät. Der Rettungsdienst sei im Schnitt erst nach neun Minuten da. Das Gehirn fange aber nach drei bis fünf Minuten schon an zu sterben.

Jeder Laie könne mit der Hilfe beginnen, machte der GRC-Chef deutlich. „Wiederbelebung ist kinderleicht, sogar für Erwachsene“, sagte er. „Für eine kräftige Herzdruckmassage reicht es, zehn oder zwölf Jahre alt zu sein und zwei Hände zu haben.“ Doch nur in 40 Prozent der Fälle in Deutschland hat Böttiger zufolge ein Laie vor dem Eintreffen des Notarztes mit der Reanimation begonnen. „Da ist Deutschland wirklich ein Entwicklungsland.“

Die Überlebensrate Betroffener liegt laut dem Freiburger Mediziner Müller bei nur zehn bis 15 Prozent. Begännen Ersthelfer in weniger als fünf Minuten mit Herzdruckmassagen, sei die Überlebenschance zwei- bis vier Mal höher. Um eine solch schnelle Hilfe zu gewährleisten, brauche man nicht Tausende Rettungsleitstellen. „Heutzutage haben alle ein Handy dabei“, sagte der Notfallmediziner. © dpa/aerzteblatt.de

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