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Ärzteschaft

Marburger Bund fordert stärkeren Fokus auf ärztlichen Fachkräftemangel

Samstag, 21. Mai 2022

Susanne Johna /Gebhardt

Bremen – Der Marburger Bund (MB) hat die enorme Bedeutung des zunehmend größer werdenden Fachkräftemangels für das deutsche Gesundheitswesen betont. Heute werde noch unzureichend wahrgenommen, „mit welch großer Wucht uns dieses Problem treffen wird“, sagte die 1. Vorsitzende des MB, Susanne Johna heute in Bremen auf der 139. Hauptversammlung des Verbandes.

Oft genug werde der Fachkräftemangel allenfalls im Zusammenhang mit der Pflege thematisiert. Doch auch im ärztlichen Bereich werde der Mangel in den nächsten Jahren erheblich zunehmen.

Die aktuelle Ärztestatistik der Bundesärztekammer weist gut 54.000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte im Alter zwischen 60 und 65 Jahren aus; 35.544 von ihnen sind über 65 Jahre alt“, erklärte Johna. „Das heißt, dass knapp 90.000 Ärztinnen und Ärzte aus allen Versorgungsbereichen in nächster Zeit altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden werden.“

Gemessen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte von mehr als 416.000 seien demzufolge rund 22 Prozent nur noch wenige Jahre berufstätig oder ständen unmittelbar vor der Rente.

„Zu niedrige Ausbildungszahlen werden sich rächen“

Die benötigte Nachbesetzung ärztlicher Stellen könne mit den knapp 11.000 Medizinstudienplätzen nicht gewährleistet werden. „Seien wir ehrlich: Ohne die relevante Zuwanderung von Ärztinnen und Ärzten aus dem Ausland wäre die Versorgung schon lange nicht mehr sicherzustellen“, sagte die MB-Vorsitzende.

Es werde sich massiv rächen, dass Deutschland seit vielen Jahren unter Bedarf Ärztinnen und Ärzte ausbilde. „Eins ist aus meiner Sicht ganz klar“, betonte Johna. „Jedes Reformprojekt der Gesundheitsversorgung der nächsten Jahre, eher Jahrzehnte, wird einen gemeinsamen entscheidenden Fokus haben müssen: den Fokus auf den Fachkräftemangel.“

Ein Ausbau der Studienplätze um mindestens zehn Prozent gehöre dabei ganz oben auf die politische Agenda. „Die Politik scheint vielfach noch dem Glauben anzuhängen, es werde schon nicht so schlimm werden, weil die vorhandenen Ärztinnen und Ärzte unbesetzte Stellen bisher immer durch Mehrarbeit kompensiert haben“, so Johna. „Von diesem Glauben sollte sich die Politik ganz schnell verabschieden.“

Ende der „Abgrenzeritis“

Vor diesem Hintergrund forderte die MB-Vorsitzende ein Ende der „Abgrenzeritis“ zwischen dem stationären und dem ambulanten Sektor. „Ich bin diese Diskussionen darüber, was geht am besten ambulant, was geht am besten stationär, so leid“, sagte Johna.

„Wir können froh sein, wenn wir die Arbeit noch gemeinsam schaffen.“ Ärztinnen und Ärzte müssten endlich sektorenunabhängig gemeinsam überlegen, wie die Versorgung im Sinne der Patientinnen und Patienten in den nächsten Jahren aufrechterhalten werden könne.

„Für die tradierten, völlig überkommenen Kämpfe um möglichst große Anteile an der Versorgung haben die jungen Kolleginnen und Kollegen, die oft genug in beiden Sektoren arbeiten, mit Recht überhaupt kein Verständnis“, betonte Johna.

Die entscheidenden Fragen seien vor diesem Hintergrund: „Von welchen Tätigkeiten können wir durch welche anderen Berufsgruppen entlastet werden? Welche Vereinfachung im System ist möglich? Wo können wir weniger Aufwand betreiben bei gleichem Effekt? Wie können wir unnötige ärztliche Mehrfachkontakte vermeiden? Und: Wie bringen wir die Digitalisierung endlich so voran, dass sie uns tatsächlich entlastet und nicht durch fehlende Interoperabilität belastet?“

E-Logbuch in der Weiterbildung nutzen

„Bei der Frage nach einer Vereinfachung im System fällt mir sofort das Finanzierungssystem der Kranken­häuser ein, das eine Unmenge an Dokumentationsaufwand mit sich bringt und von dem mittlerweile ein ganzer Stab an Beratungsagenturen, Rechtsanwälten und EDV-Spezialisten lebt – alles Geld, das dem System komplett verloren geht“, sagte Johna.

In der Qualitätssicherung könnten zudem repräsentative Stichprobenprüfungen eingeführt werden, die auch sehr aussagekräftig seien.

Die unter anderem durch den Fachkräftemangel induzierte Arbeitsverdichtung führe auch dazu, dass oftmals zu wenig Zeit für eine strukturierte Weiterbildung bleibe – sowohl für die Ärztinnen und Ärzte, die weiter­bilden, als auch für die Weiterzubildenden.

„Das ist ein echtes Problem“, betonte Johna. „Und deswegen ist es so wichtig, dass wir das Instrument des E-Logbuchs nun auch wirklich nutzen, um den schwarzen Schafen auf die Füße zu treten. Die Landesärztekammern müssen den Finger in die Wunde legen.“ Aber es gebe auch positive Beispiele. Diese zeichne der Marburger Bund inzwischen in mehreren Landesverbänden mit dem Siegel „Gute Weiterbildung“ aus.

Ruinösen Verdrängungswettbewerb beenden

Johna forderte eine zügige Umsetzung der anstehenden Krankenhausreform. „Eines steht fest: Wenn es im Bereich der Krankenhausplanung und -finanzierung nicht bald sinnvolle Reformen gibt, dann werden Krankenhausstandorte in die Insolvenz gehen, die wir dringend in der Versorgung brauchen, während andere überleben, die weniger wichtig sind“, sagte sie.

Der ruinöse Verdrängungswettbewerb der letzten Jahre müsse ein Ende haben. Er gehe zulasten einer guten Versorgung, auf die alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen Anspruch hätten.

„Es muss Schluss sein mit der kalten Strukturbereinigung ohne Sinn und Verstand“, forderte Johna. „Wir brauchen eine Krankenhausversorgung, die stärker auf Kooperation, Vernetzung und Bedarfsgerechtigkeit ausgerichtet ist. Wir brauchen eine sinnvolle Balance aus flächendeckender Grundversorgung und Spezialisierung.“

Die Krankenhäuser unterlägen heute einem durch politische Entscheidungen forcierten Kostenwettbewerb, unter dem das Klinikpersonal und die Patienten gleichermaßen zu leiden hätten. „Immer mehr kommerzielle Steuerungs- und Regulierungsinstrumente dominieren die Versorgung und setzen falsche Anreize.

Das schadet der Qualität der Patientenversorgung und untergräbt das Vertrauen in das gesamte System“, kritisierte Johna. „Gesundheit ist aber kein marktwirtschaftliches Gut, sondern öffentlicher Auftrag im Rahmen der Daseinsvorsorge.“

COVID-19 auch weiterhin nicht unterschätzen

Im Hinblick auf Coronapandemie betonte die MB-Vorsitzende, dass man COVID-19 auch in der aktuellen Phase der Pandemie nicht unterschätzen dürfe.

„Wir sollten uns darauf einstellen, dass im Herbst und Winter nicht nur durch Corona wieder deutlich mehr Menschen infiziert werden und erkranken, sondern möglicherweise auch durch Influenza wieder größere Probleme auftreten“, sagte sie. „Es wäre deshalb falsch, wirksame Maßnahmen von vornherein für den Herbst und Winter auszuschließen.“

Johna unterstützte vor diesem Hintergrund den jüngsten Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz, sich möglichst schnell für eine mögliche neue Pandemiewelle ab dem Herbst zu rüsten. „Wir brauchen eine rechtzeitige Anpassung des Infektionsschutzgesetzes, um im Herbst bei Bedarf handlungsfähig zu sein“, forderte auch die MB-Vorsitzende.

„Die Geflüchteten brauchen unsere Unterstützung“

Zudem erinnerte Johna daran, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine heute vor 87 Tagen begonnen hat. „Der 24. Februar 2022 ist ein Tag, der uns allen wohl immer im Gedächtnis bleiben wird“, sagte sie.

„Ein brutaler Krieg in Europa, gegen ein unabhängiges, souveränes Land – eine solche Aggression war für die meisten von uns schlichtweg nicht vorstellbar, ist nun aber traurige Realität.“ Die Bilder dieses Krieges, die Brutalität, die auch vor der Zerstörung von Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen keinen Halt mache, seien kaum zu ertragen.

„Die Geflüchteten, die zu uns nach Deutschland gekommen sind, brauchen unsere Unterstützung“, betonte Johna. „Auch Ärzte und insbesondere Ärztinnen sind zu uns geflüchtet und sind nun mit unserem komplizierten und langwierigen System zum Erlangen der Berufserlaubnis konfrontiert.

Sie müssen natürlich die deutsche Sprache lernen. Hier können wir unterstützen, wenn wir die vielgepriesene aber häufig nicht umgesetzte Willkommenskultur auch wirklich leben.“

Johna betonte angesichts des Krieges: „Für mich ist noch klarer geworden: Frieden ist nicht selbstverständlich, der Erhalt unserer Demokratie ist nicht selbstverständlich.

Freie Meinungsäußerung ist nicht selbstverständlich. Deswegen ist es wichtig, sich für diese Werte zu engagieren. Es ist wichtig, Haltung zu zeigen und allen aufrecht entgegenzutreten, die diese Werte in Frage stellen, die Desinformation verbreiten und andere Menschen einschüchtern wollen.“ © fos/aerzteblatt.de

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