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Ärzteschaft

Marburger Bund: Ärztliche Arbeitszeit auf wertschöpfende Tätigkeit konzentrieren

Sonntag, 22. Mai 2022

Sophie Krickeberg, Victor Banas /Gebhardt

Bremen – Der zunehmende Fachkräftemangel im Gesundheitswesen kann nur reduziert werden, wenn Ärztinnen und Ärzte von patientenferner Arbeit entlastet werden. Das wurde gestern auf der 139. Hauptversammlung des Marburger Bundes (MB) in Bremen deutlich.

„Die Krankenhäuser müssen die ärztliche Arbeit anders organisieren“, forderte Victor Banas, stellvertretender Vorsitzender im Sprecherrat der sich weiterbil­denden Ärztinnen und Ärzte des MB-Bundesverbands.

„Die ärztliche Arbeitszeit muss auf eine wertschöpfende ärztliche Tätigkeit konzentriert werden.“ Eine Voraussetzung dafür sei zum Beispiel das papierlose Krankenhaus. „Wenn es in einem Krankenhaus noch Papierakten gibt, verbringe ich die meiste Zeit damit, sie zu suchen, zu entziffern und zu übertragen“, kritisierte Banas.

Zeit für die patientennahe Versorgung gehe zudem für Transporte verloren oder „fürs Hinterhertelefonieren“. „Wir müssen daran arbeiten, die Zeitfresser im Krankenhaus zu reduzieren“, betonte Banas.

Vielfach sei dies mithilfe digitaler Prozesse möglich. Zudem forderte er Arbeitszeitmodelle, auf die sich die Ärztinnen und Ärzte auch verlassen können. „Wenn ich meine Arbeitszeit auf 80 Prozent reduziert habe, muss das auch bedeuten, dass ich 80 Prozent arbeite“, stellte er klar.

Das sei heute in vielen Krankenhäusern jedoch nicht der Fall. Die derzeit in den Krankenhäusern herrschende Arbeitsverdichtung mache die Ärztinnen und Ärzte krank.

„Die Weiterbildung kommt zu kurz“

Sophie Krickeberg, ebenfalls stellvertretende Vorsitzende im Sprecherrat der sich weiterbildenden Ärztinnen und Ärzte des MB-Bundesverbands, kritisierte, dass von den Ärzten eine ständige Erreichbarkeit gefordert werde, um in Notfällen einsprin­gen zu können.

„Wir brauchen funktionierende Dienstpläne, mit denen wir planen können“, forderte sie. Die Weiterbildung komme im heutigen Krankenhausalltag zudem viel zu kurz. „Auch die Oberärzte kommen mit ihrer Arbeit kaum hinterher“, sagte Krickeberg.

„Sie wollen uns ja etwas beibringen, sie haben aber oft nicht die Zeit dafür.“ In der Folge müsse die Weiterbildung vielfach in die Freizeit verschoben werden. „Eine gute Weiterbildung macht aber aus, dass wir die Zeit erhalten, die wir für die Weiterbildung benötigen“, sagte Krickeberg und mahnte: „Wenn sich nichts ändert, werden wir sehen, dass noch mehr Ärztinnen und Ärzte aus der Versorgung abwandern und dass sich der Fachkräftemangel weiter verschärfen wird.“

Ruf nach mehr Medizinstudierenden

Auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Stephan Hofmeister, warnte vor einer Zunahme des Ärztemangels in den kommenden Jahren. Einer aktuellen Umfrage der Apobank zufolge planten fast ein Drittel der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, in den kommenden drei Jahren in den Ruhestand zu gehen.

Zugleich kämen zu wenige Medizinstudierende aus den Universitäten. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird das Delta zwischen dem, was wir brauchen, und dem, was wir der Bevölkerung anbieten können, immer größer werden“, sagte Hofmeister. „Deshalb brauchen wir eine höhere Zahl an Medizinstudieren­den.“

Zudem führten die Trends innerhalb der Ärzteschaft nach und nach zu einer Verringerung der für die Patientenversorgung zur Verfügung stehenden Arztzeit.

Zwar sei die Zahl der im ambulanten Bereich tätigen Ärzte von 139.538 im Jahr 2011 um neun Prozent auf 152.028 im Jahr 2021 angestiegen, so Hofmeister. Das sogenannte Bedarfsplanungsgewicht, das die Arztzeit darstellt, sei im selben Zeitraum jedoch nur um ein Prozent gestiegen.

Mehr Angestellte, mehr Teilzeit

Dabei entschieden sich immer mehr Ärztinnen und Ärzte dazu, in Anstellung zu arbeiten. „Dieser Trend ist ungebrochen“, erklärte Hofmeister. „Waren es im Jahr 2011 noch 16.561 angestellte Ärztinnen und Ärzte, waren es im Jahr 2021 schon 43.238.“

Ungebrochen sei ebenso der Trend zur Teilzeittätigkeit. „Zwei halbe Anstellungen schaffen aber keine ganze“, betonte Hofmeister. Denn zum Beispiel durch die entstehenden Schnittstellen gehe Arbeitszeit verloren. Das müsse in der Bedarfsplanung berücksichtigt werden.

Ebenfalls müssten die Wünsche der jungen Ärztegeneration berücksichtigt werden. So habe eine Umfrage des Hartmannbundes unter Assistenzärztinnen und -ärzten im vergangenen Jahr ergeben, dass 51 Prozent gerne in einer Gemeinschaftspraxis arbeiten wollen und nur fünf Prozent in einer Einzelpraxis.

Insbesondere die steigende Zahl der angestellten Ärzte im ambulanten Bereich habe Auswirkungen auf das System, so Hofmeister: „Das SGB V regelt die vertragsärztliche Versorgung, die von selbständigen Ärztinnen und Ärzten vorgenommen wird.

Jeder mit einem Arbeitsvertrag kann hingegen sagen: Das betrifft mich gar nicht. Wenn wir dahin kommen sollten, dass auch im ambulanten Bereich die überwiegende Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte angestellt ist, ist das System des SGB V irgendwann tot.“

Dokumentation auf medizinische Behandlung beschränken

Auch in den Krankenhäusern nimmt die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Teilzeittätigkeit kontinuierlich zu, wie die Geschäftsführerin der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft (HKG), Claudia Brase, erklärte. Waren es im Jahr 2005 noch 7,2 Prozent, stieg die Zahl bis 2020 auf 14,6 Prozent.

Zwar gebe es im Vergleich zum ambulanten Sektor weniger Ärztinnen und Ärzte, die bald in den Ruhestand gehen würden. Brase zufolge liegt die Zahl der über 60-jährigen Klinikärzte bei 8,9 Prozent. Dennoch sei auch im stationären Bereich der Fachkräftemangel groß, betonte Brase.

So hätten dem DKI-Krankenhausbarometer zufolge 76 Prozent der Krankenhäuser im Jahr 2019 Probleme gehabt, offene Stellen zu besetzen. Probleme hätten vor allem Krankenhäuser in strukturschwachen Regionen gehabt. Unter anderem, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, forderte auch Brase den Gesetzgeber auf, die Bürokratie im Krankenhaus abzubauen, mit der sich die Ärzte beschäftigen müssen.

„Wir würden uns wünschen, dass die Dokumentation auf die medizinische Behandlung beschränkt wird“, sagte sie. Das sei allerdings nicht zu erwarten. © fos/aerzteblatt.de

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