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Politik

Empfehlung zu Isolation bei Affenpocken in Arbeit

Montag, 23. Mai 2022

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach /picture alliance, Bernd von Jutrczenka

Genf/Berlin – Nach dem Auftreten erster Fälle von Affenpocken in Deutschland werden nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach weitere Eindämmungsmaßnahmen vorbereitet.

Mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) würden aktuell Empfehlungen zu Isolation und Quarantäne erarbeitet, sagte der SPD-Politiker heute am Rande der Weltgesund­heits­­versammlung in Genf. Er gehe davon aus, dass sie bereits morgen vorgelegt werden könnten.

Zudem werde darüber nachgedacht, „ob wir vielleicht Impfempfehlungen aussprechen müssen für besonders gefährdete Personen“, erläuterte der Minister. Dies sei noch nicht geklärt. Dazu gehöre auch zu prüfen, ob eventuell Impfstoffe beschafft werden müssten, und wenn ja wo.

Er habe schon Kontakt mit einem Hersteller aufgenommen, der Impfstoffe spezi­fisch für die Affenpocken herstellt. Lauterbach betonte, dass eine Impfung der allgemeinen Bevölkerung hier nicht im Gespräch sei. Er sprach sich für eine entschiedene internationale Eindämmung aus.

Der weltweite Ausbruch sei so ungewöhnlich, dass man sich Sorgen machen müsse, ob er so ab­laufe wie frühere Affenpockenausbrüche. Es sei eher damit zu rechnen, dass sich Art und Weise der Verbreitung geändert haben könnten, „so dass wir jetzt schnell und hart reagieren müssen, um einen globalen Ausbruch wieder einzudämmen“.

Lauterbach erläuterte, dass sich nach bisherigen Erkenntnissen in erster Linie Männer infizierten, die sexuelle Kontakte mit Männern gehabt hätten. Es gelte, die Risikogruppen nun ehrlich anzu­sprechen. Das sei zu ihrem Schutze und dürfe nicht falsch als Stigmatisierung verstanden wer­den.

Der Minister appellierte an alle diejenigen, die anonymen Sex mit Männern gehabt haben, auf Hautveränderungen und Fieber zu achten und sich im Falle eines Verdachtes sehr schnell in medizinische Behandlung zu begeben.

Mehr Fälle wahrscheinlich

Für Deutschland rechnet das Bundesgesundheitsministerium (BMG) mit einer weiter zunehmen­den Zahl von Affenpockennachweisen. „Aufgrund der vielfältigen Kontakte der derzeit Infizierten ist in Eu­ropa und auch in Deutschland mit weiteren Erkrankungen zu rechnen“, heißt es in einem Bericht für den Gesund­heits­ausschuss des Bundestages.

Bis gestern Nachmittag waren demnach bundesweit vier Fälle erfasst, einer in München und drei in Berlin. Proben zahlreicher weiterer Menschen werden analysiert, zudem suchen Behörden nach Kontaktpersonen nachweislich Infizierter. Über den Tag verteilt gab es weitere Meldungen. Einen Verdachtsfall gibt es in Köln. In Freiburg ist offebar ein neuer Fall hinzugekommen, ebenso im Jerichower Land.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) geht von einer Vielzahl bereits erfolgter Affenpockeninfektionen in Deutschland aus. Der Ulmer Virologe Thomas Mertens sagte dem Südwestrundfunk, er gehe davon aus, dass sich schon etliche Menschen in Deutschland über enge Kontakte infiziert haben. Und dass man in der nächsten Zeit weitere Fälle identifizieren werde.

Zugleich betonte der STIKO-Vorsitzende, dass Affenpocken weniger gefährlich seien als das Coronavirus: „Ich glaube, kein Fachmann nimmt an, dass man mit diesem Virus eine ähnliche Situation erleben wird wie mit Corona.“ Etwa 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung seien früher gegen die Pocken geimpft worden. Und man wisse, dass dieser Impfschutz auch gegen dieses Affenpockenvirus wirksam sei.

Die Leiterin des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), Andrea Ammon, hält das Risiko einer starken Ausbreitung für sehr gering. Bei den meis­ten der bislang aufgetretenen Fälle gebe es nur milde Krankheitssymptome, und für die allge­meine Bevölkerung sei die Wahrscheinlichkeit der Verbreitung sehr gering, sagte sie.

Ammon hob allerdings hervor, dass es für bestimmte Bevölkerungsgruppen ein durchaus „hohes“ Risiko der Ansteckung gebe. Dies gelte zum Beispiel für Menschen mit „mehreren Sexualpart­nern“. Nach Angaben der WHO-Expertin Maria Van Kerkhove wird das Virus bei engem Körper­kontakt „von Haut zu Haut“ übertragen.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides zeigte sich über die gestiegene Zahl von Fällen in der Europäischen Union „besorgt“. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit der Ausbreitung in der allgemeinen Bevölkerung gering sei, müsse die Lage „wachsam“ beobachtet werden. Dafür seien eine Kontaktverfolgung und ausreichende Ressourcen für die Diagnostik erforderlich.

Van Kerkhoven sagte in einer Live-Übertragung im Internet, insbesondere in jenen Ländern, in denen das Affenpockenvirus nicht heimisch sei, lasse sich die Ausbreitung eindämmen. Dafür müssten die staatlichen Instrumente zur frühen Identifizierung der Fälle genutzt und Betroffene isoliert werden. „Wir können die Übertragung von Mensch zu Mensch stoppen“, zeigte sich Van Kerkhoven überzeugt.

Fallzahlen steigen

Weltweit sind inzwischen mehr als 100 Fälle nachgewiesen, wegen der langen Inkubationszeit von bis zu drei Wochen gehen Experten von einer Vielzahl weiterer Meldungen in nächster Zeit aus.

Die britische Gesundheitsbehörde UKHSA setzte als empfohlene Quaran­tänezeit für enge Kon­taktpersonen von Infizierten drei Wochen fest. Belgische Behörden ordnen eine 21-tägige Isola­tion für Infizierte an, wie eine Sprecherin des Gesundheitsministeri­ums bestätigte.

In Großbritannien gilt als Kontaktperson mit hohem Risiko für eine Ansteckung, wer im Haushalt mit einer erkrankten Person lebt, mit einer solchen Geschlechts­verkehr gehabt oder deren Bett­wäsche ohne Schutzkleidung gewechselt hat, wie es von der Behörde UKHSA hieß.

Diese Gruppe soll demnach auch eine schützende Pockenimpfung erhalten. Für die laufenden Impfungen wird der UKHSA zufolge ein Vakzin der „dritten Generation“ gegen die als ausgestor­ben geltende Pockenkrankheit beim Menschen verwendet. Experten gehen davon aus, dass solche Pockenimpfstoffe auch gegen die Affen­pocken gut schützen.

Ob in Deutschland eine Pockenimpfung für Kontaktpersonen und Risikogruppen empfohlen werde, sei noch Gegenstand der fachlichen Abklärung, heißt es in dem Bericht des Ministeriums. In der Bundesrepublik sei eine solche Impfung bis 1975 für Einjährige Pflicht gewesen, in der DDR sei eine Impfpflicht 1982 aufgehoben worden.

Bisher sei bei den in Europa festgestellten Infektionen die westafrikanische Variante nachgewie­sen worden, hieß es vom Ministerium auch. Erkrankungen mit dieser Variante gelten als milder verlaufend als die mit der zweiten beim Menschen kursierenden, der zentralafrikanischen Variante.

Anfang Mai war ein Affenpockenfall in Großbritannien nachgewiesen worden – Experten zufolge kursierte der Erreger da aber wohl bereits in vielen Ländern.

Das Virus verursacht nach Angaben von Gesundheitsbehörden meist nur milde Symptome wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und Hautausschlag. Affen­pocken können aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen, in Einzelfällen sind tödliche Erkrankungen möglich. Folgen einer überstandenen Infektion können Narbenbildung und selten auch Erblindung sein.

Auch in den Jahren zuvor hatte es in westlichen Ländern Affenpockenfälle gege­ben – allerdings nur vereinzelt und hauptsächlich auf Ansteckungen in Afrika zurückgehend.

Bei den nun erfass­ten Fällen handelt es sich inzwischen um Infektionsketten innerhalb westlicher Länder. Wo die Ursprünge der aktuellen Infektionswelle lagen, ist bisher noch weitgehend unklar. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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