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Medizin

Affenpocken: Genomanalyse bestätigt weniger gefährlichen westafrikanischen Stamm

Montag, 23. Mai 2022

/catalin, stock.adobe.com

Genf – Die Sequenzierung der ersten 3 Virusgenome zeigt, dass die Affenpocken­erkrankungen, die aktuell aus etwa einem Dutzend Länder gemeldet werden, von der weniger gefährlichen westafrikanischen Virusvariante ausgelöst werden. Die Weltge­sundheitsorganisation (WHO) hat am Wochenende eine Falldefinition veröffentlicht und Hinweise zur Eindämmung gegeben.

Bis zum 21. Mai sind der WHO 92 bestätigte Erkrankungen und 28 Verdachtsfälle aus 12 Ländern gemeldet worden, in denen die Affenpocken nicht endemisch sind. Hinzu kommen noch einmal 46 Erkrankungen, die seit dem 15. Dezember in Nigeria aufgetreten sind.

Das Virus, das in Australien, Europa und Nordamerika normalerweise nur als reiseas­so­ziierte Er­krankungen und dies in extrem seltenen Fällen beobachtet wurde, ist voraussichtlich aus Nigeria eingeschleppt worden. Darauf deutete bereits die Reise­anam­nese einiger Patienten hin, die sich vor ihrer Erkrankung in dem westafrika­nischen Land aufgehalten hatten.

Eine Bestätigung liefern die ersten 3 Genome, die in den vergangenen Tagen von den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta, dem portugiesischen Instituto Nacional de Saúde in Lissabon und dem Institut für Tropenmedizin in Antwerpen veröffentlicht wurden.

Das Virus gehört danach zur westafrikanischen Gruppe des Affenpockenvirus (MPXV). Die Ähn­lichkeit zwischen den 3 Genomen zeigt zudem, dass die Erkrankungen durch denselben Stamm ausgelöst wurden.

Offenbar konnte sich das Virus, das normalerweise nur kurze Infektionsketten beim Menschen bildet, in einigen Gruppen von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), Cluster bilden. Das MPXV gehört zu den DNA-Viren, die anders als RNA-Viren wie SARS-CoV-2 selten mutieren. Pro Jahr ist nur mit dem Austausch von 1 bis 2 Nukleotiden zu rechnen.

Die 1. Analyse der Genomentwürfe zeigt, dass es einige Veränderungen in der Amino­säurese­quenz zu den Viren gibt, die 2018 und 2019 in Großbritannien, Israel und Singapur sequenziert wurden, als dort einige wenige reiseassoziierte Fälle aufge­treten waren.

Über die etwaigen Auswirkungen der Mutationen auf das Verhalten des Virus wird unter Virolo­gen noch diskutiert. Derzeit deutet wenig darauf hin, dass sich die Virulenz oder Pathogenität der Viren erhöht hat.

Die Häufung von Fällen unter MSM könnte auf die intensiven und häufiger wechseln­den sexu­el­len Kontakte in dieser Gruppe zurückzuführen sein. MPXV kann durch enge Kontakte mit Läsio­nen, Körperflüssigkeiten, Atemsekreten und kontaminierten Materialien wie Bettwäsche von einer Person auf eine andere übertragen werden. Die Inkubationszeit beträgt laut WHO norma­lerweise 6 bis 13 Tage, sie kann aber zwischen 5 und 21 Tagen liegen.

Die Erkrankung ist in der Regel selbstlimitierend, gefährliche Verläufe treten vor allem bei Kin­dern, schwangeren Frauen oder Personen mit Abwehrschwächen auf. Die Sterblichkeit liegt bei der westafrikanischen Variante bei 3,6 % im Vergleich zu 10,6 % für die Variante, die im Kongo­becken verbreitet ist. Der WHO sind bisher keine Todesfälle im Rahmen der aktuellen Pandemie bekannt.

Dennoch dürfte Vorsicht geboten sein. Dies betrifft vor allem die Übertragung. Das Risiko einer Ansteckung könnte in den letzten Jahren gestiegen sein, da die Bevölke­rung unter 40 oder 50 Jahren weltweit nicht mehr von dem Schutz durch die frühere Pockenimpfung profitiert.

Nach den wenigen bekannten Einzelheiten zu den Fällen sind vor allem jüngere Männer er­krankt, die nicht gegen Pocken geimpft sind. Bei den meisten Patienten befanden sich die Läsi­onen perigenital, perianal und um den Mund herum. Dies deutet auf eine Übertragung bei Sexu­alkontakten hin.

Die WHO rät, alle Personen, bei denen eine Erkrankung vermutet oder bestätigt wurde, zu isolie­ren, bis die Hautläsionen verkrustet und abgefallen sind und sich eine neue Epithelschicht unter­halb der Läsion gebildet hat.

Als Verdachtsfall gelten alle Personen mit einem ungeklärten akuten Hautausschlag. Kennzeich­nend für die Pocken ist eine zeitliche Entwicklung von Hautflecken über Papeln, Bläschen, Pus­teln und einer abschließenden Schorfbildung. Typisch ist dabei, dass die Läsionen sich an allen betroffenen Körperstellen im gleichen Entwicklungsstadium befinden.

Für einen begründeten Verdacht muss nach der Falldefinition der WHO mindestens 1 der fol­gen­den Symptome oder Zeichen vorliegen: Kopfschmerzen, akuter Fieberbeginn (>38,5 °C), Lympha­denopathie, Myalgie, Rückenschmerzen oder Asthenie (tiefgreifende Schwäche).

Ausgeschlossen werden sollten andere Erkrankungen, die mit Hautausschlägen einhergehen. Da­zu gehören Windpocken, Herpes zoster, Masern, Zika, Denguefieber, Chikungunya, Herpes simplex, bakterielle Hautinfektionen und einige sexuell übertragbare Erkrankungen wie Gonorrhö, Syphi­lis, Ulcus molle etc.

Zur Differentialdiagnose gehören auch allergische Reaktionen oder andere Ursachen für einen papulösen oder vesikulären Hautausschlag.

Zur wahrscheinlichen Erkrankung wird ein Verdachtsfall, wenn in den 21 Tagen vor Auftreten der Symptome ein Kontakt zu einem Erkrankten (oder Gesundheitspersonal, das Patienten betreut hat) bestand. Auch der Aufenthalt in einem Endemieland steigert die Wahrscheinlichkeit einer Infektion, ebenso ein positiver Antikörpertest auf Orthopoxviren (wenn die Person nicht geimpft ist).

Die Bestätigung einer Infektion erfolgt durch eine Polymerasekettenreaktion (PCR) und/oder die Sequenzierung der Viren. Die WHO weist darauf hin, dass es seit einigen Jahren einen neuen Impfstoff für Affenpocken gibt. In Europa ist er als Imvanex zugelassen. Der Hersteller Bavarian Nordic, eine dänische Firma mit Sitz in Kopenhagen, bestätigte in der letzten Woche, dass es bereits eine Anfrage aus einem europäischen Land (vermutlich Großbritannien) erhalten hat.

Wie schnell der Hersteller im Notfall liefern könnte, ist unklar. Unbekannt ist auch, ob einige Länder noch Vorräte des früheren Pockenimpfstoffs haben, der ebenfalls eingesetzt werden könnte.

Das Virustatikum Tecovirimat des US-Herstellers SIGA Technologies mit Sitz in New York ist seit kurzem auch in Europa zugelassen. In den USA kam es 2018 auf den Markt. Abnehmer ist dort die Armee, die auf den Fall eines bioterroristischen Anschlags vorbereitet sein will. © rme/aerzteblatt.de

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