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Medizin

Behandlung der Alkoholabhängigkeit kann langfristige Leberschäden verhindern

Freitag, 27. Mai 2022

/joyfotoliakid, stock.adobe.com

Boston – Eine medikamentöse Behandlung der Alkoholabhängigkeit, die von vielen Betroffenen als unnötig und von Ärzten oft als zwecklos eingestuft wird, hat in einer Biobankstudie in JAMA Network Open (2022; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2022.13014) die Entwicklung und das Fortschreiten einer Leberschädigung häufig verhindert.

Zur Behandlung einer Alkoholabhängigkeit stehen heute verschiedene Medika­mente zur Verfügung. In den USA sind Acamprosat, Disulfiram und Naltrexon zugelassen, weil die FDA ihren Nutzen zur Einschränkung des Alkoholkonsums als erwiesen einstuft.

Gute Erfahrungen wurden in Studien auch mit einer „Off Label“-Anwendung von Topiramat, Gabapentin oder Baclofen gemacht. Die Medikamente werden in der Praxis jedoch nur selten eingesetzt (Disulfiram wird in Deutschland noch nicht einmal mehr angeboten). Dies dürfte einmal am Desinteresse der meisten Patienten liegen, die ihren Alkoholkonsum nicht als problematisch ansehen und deshalb für eine Therapie nicht zu gewinnen sind.

Auf ärztlicher Seite wird häufig der medizinische Nutzen in Zweifel gezogen, der neben dem Schutz vor den psychosozialen Folgen der Erkrankung auch in der Vermeidung einer Leberschädigung besteht. Eine solche liegt bei der Diagnose bereits bei den meisten Patienten vor. Denn für die Ärzte ist ein Anstieg der Leberenzyme oft das erste Verdachtsmoment.

Da sich die Leberschädigung über viele Jahre entwickelt, gibt es keine Erkenntnisse aus randomisierten Studien zum langfristigen medizinischen Nutzen. In diesem Fall ist die Forschung auf die retrospektive Analyse von Krankendaten angewiesen, die in den letzten Jahren durch die Auswertung von elektronischen Krankenakten erleichtert wurde.

Eine gute Quelle sind sogenannte Biobankstudien. Sie wurden in den letzten Jahren begonnen, um den Einfluss von Genvarianten auf Erkrankungsrisiken zu untersuchen. Aufgrund der hohen Fallzahl und der sorgfältigen Erhebung von Patientendaten eignen sie sich aber auch für andere Zwecke.

Ein Team um Jay Luther vom Massachusetts General Hospital in Boston hat jetzt die „Mass General Brigham“-Biobank ausgewertet, die Daten zu 127.480 Patienten gesammelt hat. Darunter waren auch 9.635 Patienten mit einer Alkoholabhängig­keit. Immerhin 3.906 Patienten (40,5 %) war im Mittel über 4,1 Jahre eines der genannten Medikamente verschrieben worden.

Diese Patienten erkrankten während einer Nachbeobachtungszeit von 9,8 Jahren zu 63 % seltener neu an einer alkoholischen Lebererkrankung. Die von Luther ermittelte adjustierte Odds Ratio (aOR) von 0,37 war mit einem 95-%-Konfidenz­intervall von 0,31 bis 0,43 hoch signifikant. Die Assoziation war zudem dosisabhängig, was in epidemiologischen Studien ein Hinweis auf eine Kausalität ist.

Den größten Einfluss hatte Gabapentin (aOR 0,36; 0,30-0,43) vor Topiramat (aOR 0,47; 0,32-0,66), Baclofen (aOR 0,57; 0,36-0,88) und Naltrexon (aOR 0,67; 0,46-0,95). Für Disulfiram wurde keine protektive Wirkung gefunden, und die Patienten, die Acamprosat einnahmen, entwickelten sogar häufiger eine alkoholische Lebererkrankung (aOR, 2,59; 1,84-3,61).

Der Grund hierfür ist nicht klar. Luther vermutet, dass Acamprosat bevorzugt an Patienten mit einer beginnenden Leberfunktionsstörung verordnet wurde, die in der Vergleichsgruppe der nicht behandelten Patienten möglicherweise nicht vorlag.

Dies könnte die Ergebnisse zuungunsten von Acamprosat verzerrt haben. Das Mittel wird außerdem häufiger bei Patienten mit einer schweren Alkoholab­hängig­keit eingesetzt, die aufgrund eines höheren Alkoholkonsums schneller einen Leberschaden entwickeln.

Die medikamentöse Therapie hat auch das Risiko einer Dekompensation der Leberfunktion gesenkt. Luther ermittelt eine adjustierte Odds Ratio von 0,35 (0,23-0,53).

Am deutlichsten war die protektive Assoziation für Naltrexon (aOR, 0,27; 0,10-0,64) und Gabapentin (aOR 0,36; 0,23-0,56). Für Topiramat war der Zusammenhang nicht ganz eindeutig (aOR 0,43; 0,17-0,99).

Baclofen hatte eine neutrale Wirkung (aOR 1,06; 0,39-2,69). Patienten, die Acamprosat (aOR 1,99; 0,99-4,06) oder Disulfiram (aOR 2,59; 0,54-13,26) erhalten hatten, erlitten sogar tendenziell häufiger eine Dekompensation.

Die günstige Assoziation war sogar nachweisbar, wenn die Behandlung erst nach der Diagnose einer Zirrhose begonnen wurde (aOR, 0,41; 0,23-0,71). Für eine Behandlung der Alkoholabhängigkeit wäre es demnach niemals zu spät.

Zu bedenken ist allerdings, dass Naltrexon wegen einer möglichen Hepatotoxizität bei Patienten mit bestehender schwerer Lebererkrankung kontraindiziert ist.

Die wichtigste Einschränkung ist wie bei allen retrospektiven Studien, dass möglicherweise Unterschiede zwischen den Gruppen der behandelten und nicht behandelten Patienten übersehen wurden.

Es lässt sich nicht ausschließen, dass Patienten mit einer günstigeren Ausgangslage, etwa einer besseren Leberfunktion, bevorzugt behandelt werden, weil bei ihnen die Erfolgschancen höher eingestuft wurden.

Luther standen bei der Auswertung auch keine Informationen über die Einhaltung der Behandlung und den Alkoholkonsum zur Verfügung. Möglich ist, dass Patienten mit einer geringeren Trinkmenge häufiger behandelt wurden, weil bei ihnen die Chancen auf eine Therapieadhärenz höher eingestuft wurden. © rme/aerzteblatt.de

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