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Ärzteschaft

Umfrage: Wie Ärztinnen und Ärzte den Personalmangel täglich zu spüren bekommen

Mittwoch, 25. Mai 2022

/Maybaum

Bremen – Es fehlt an Ärztinnen und Ärzten in Deutschland: in der ambulanten und in der stationären Versorgung, auf dem Land und auch in der Stadt.

Das Deutsche Ärzteblatt hat beim 126. Deutschen Ärztetag in Bremen mit Ärztinnen und Ärzten darüber gesprochen, wie sie diesen Personalmangel in ihrer täglichen Arbeit zu spüren bekommen, was die Gründe dafür sind und mit welchen Mitteln und Wegen man die Situation verändern könnte.

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Kai Johanning, Chefarzt der Anästhesiologie, Klinikum Bielefeld /Maybaum

Kai Johanning, Chefarzt der Anästhesiologie, Klinikum Bielefeld

Bei uns in der Klinik haben wir insgesamt zu wenig Ärztinnen und Ärzte, deswegen müssen wir teilweise auf Honorarärzte zurückgreifen. Das liegt unter anderem daran, dass es zu wenig Studienplätze gibt. Die Arbeits­bedingungen sind zudem oft nicht optimal, sodass Studierende nicht in der klinischen Versorgung arbeiten wollen. In meiner Abteilung werde ich die Weiterbildung noch mehr strukturieren und weiterentwickeln.

Zusätzlich bieten wir Teilzeitmöglichkeiten an: 70 Prozent meiner Fach- und Oberärztinnen arbeiten in Teil­zeit, das ist enorm viel. Bei den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung sind es etwas weniger. Um den Ärzte­mangel zu beheben, sollte die Politik ihrem Auftrag nachkommen und mehr Studienplätze schaffen. Das darf aber nicht einfach so beschlossen werden, ohne Strukturen dafür zu schaffen. Es darf keine zu vollen Hörsäle geben und die Finanzierung muss stimmen. Außerdem darf es nicht auf dem Rücken von Ärztinnen und Ärzten, die in dem System arbeiten, ausgetragen werden.

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Wenke Wichmann, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Uniklinik Dresden /Maybaum

Wenke Wichmann, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Uniklinik Dresden

Es gibt es ja keinen Ärztemangel im klassischen Sinne, wenn ich mir die Zahlen anschaue, sondern es ist ein Arztzeitmangel. Denn wir leben nicht mehr in einem altmodischen Familienmodell. In einer Partnerschaft gehen beide arbeiten und nicht einer hält dem anderen den Rücken frei, macht nicht den ganzen Haushalt. Das führt dazu, dass beide Elternteile reduzieren, sonst ist das Leben nicht zu schaffen und dann fehlt die Arztzeit.

Ich persönlich bin aktuell noch in Elternzeit und ich habe einen Krippenplatz an der Uniklinik bekommen. Aber das war ein harter Kampf, denn diese Plätze sind begehrt und es sind zu wenig. Deswegen muss es mehr Kinderbetreuung geben, in der Kinder auch im Schichtdienst adäquat betreut sind.

Ein anderer großer Punkt für den Zeitmangel ist die Bürokratie. Wenn ich mich mit Kolleginnen unterhalte, merke ich, dass wir alle sehr engagiert sind und Lust haben, Patientenversorgung zu machen. Die große Bürokratie und die vielen patientenfernen Tätigkeiten frustrieren uns. Wenn ich erstmal eine Stunde pro Tag Vorbefunde von Patienten anfordern muss, in dem ich mit anderen Arztpraxen telefoniere, um Befunde per Fax zu bekommen, kostet das auch Arztzeit. Mit einer elektronischen Patientenakte könnte sich das vielleicht verbessern. Viele Informationssysteme von Praxis und Krankenhaus sind zudem nicht kompatibel. Wenn wir zum Beispiel Medikamente einfach übernehmen könnten und nicht händisch abtippen müssten, könnten wir schon viel kostbare Zeit sparen.

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Martin Junker, Facharzt für Allgemeinmedizin, Gemeinschaftspraxis /Maybaum

Martin Junker, Allgemeinmediziner Olpe, Gemeinschaftspraxis

Aufgrund des Ärztemangels ist es aktuell nicht möglich, die Versorgung weiter auszubauen, es lassen sich gerade so ein paar Löcher stopfen. Das liegt an vielen Dingen. Unter anderem an der Arbeitsauffassung von uns Ärztinnen und Ärzten. Dass die Work-Life-Balance im Vordergrund steht, kann man beklagen, aber man kann es auch verstehen und man muss es einfach so hinnehmen.

Für uns war es früher selbstverständlich, die ganze Woche Dienste zu machen, aber das kann man heute nicht mehr verlangen. Durch die stärkere Verweiblichung unseres Berufsstandes kann man eine 150-prozentigen Arbeitseinsatz nicht mehr aufrechterhalten. Unsere Nachfolgerinnen haben noch einen Zweitberuf: die Familie, die Kinder. Das heißt, wir werden unsere Arbeitsstruktur auf Teilzeit oder auch auf stundenweise Arbeitszeit umstellen müssen, sonst werden wir gar nicht mehr zurechtkommen.

Es wird dringend notwendig, den vielen Ärzten und Ärztinnen „ohne ärztliche Tätigkeit“ eine Möglichkeit zu eröffnen, wieder in ihrem schönen Beruf tätig zu werden. Das gleiche gilt auch für die vielen, gut ausgebil­deten und meist aus familiären Gründen nicht mehr tätigen Frauen und Männer in anderen Ge­sundheits­berufen, die dringend gebraucht werden. Dafür muss zum Beispiel die Weiterbildungsordnung geändert werden: Auch mit dreißig Prozent sollte es möglich sein, die Weiterbildung zu machen. Hierfür müssen endlich Politik, Kommunen und andere Beteiligten entgegenkommende Möglichkeiten finden, um diese Ressourcen zu heben.

Bei mir persönlich war es so, dass meine Frau, die auch als medizinische Fachangestellte in der Praxis ge­arbeitet hat, mir Gott sei Dank den Rücken auf allen Ebenen freigehalten. Aber meine Kinder habe ich nur selten gesehen.

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Alina Sassenberg, Ärztin in Weiterbildung, Psychiatrie /Maybaum

Alina Sassenberg, Ärztin in Weiterbildung Psychiatrie

Bei meiner Arbeit spüre ich den Mangel jeden Tag. Im Krankenhaus musste ich ständig für Dienste einsprin­gen, wenn jemand krank war. Die Dienste sind heute dichter getaktet. Von unseren Vorgesetzten wird häufig angenommen, dass Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung nur auf ihre Work-Life-Balance gucken. Das ist Unsinn.

Wir müssen in der Zeit, die wir im Krankenhaus verbringen, viel mehr arbeiten als unsere Vorgängerinnen und Vorgänger. Weil wir eben weniger Kolleginnen und Kollegen haben. Häufig habe ich im Krankenhaus nicht nur eine Station mit mehr als zwanzig Patientinnen und Patienten versorgt, was meiner Meinung nach schon relativ viel ist, sondern zwei, manchmal drei Stationen. Das führt natürlich zu einer extremen Belastung.

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Marion Charlotte Renneberg, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Gemeinschaftspraxis /Maybaum

Marion Charlotte Renneberg, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Gemeinschaftspraxis

Ich arbeite in einer Praxis auf dem Land. Viele Kolleginnen und Kollegen haben eine Einzelpraxis und sind schon in einem höheren Lebensalter. In meiner direkten Region ist das Durchschnittsalter der Hausärztinnen und Hausärzte über 60 Jahre. Diese suchen verzweifelt nach jungen Kolleginnen und Kollegen, die die Praxis übernehmen könnten. Ich glaube, dass viele nicht mehr alleine arbeiten möchten. Ich selbst arbeite in einer Gemeinschaftspraxis und schätze es sehr, dass wir uns untereinander austauschen und freie Zeiten miteinan­der absprechen können. Ich glaube, dass dies die Zukunft ist. Um die Situation zu verbessern, könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, dass Zweigstellen öffnen, die vielleicht nur ein bis zwei Tage die Woche geöffnet haben und täglich mit weitergebildeten medizinischen Fachangestellten besetzt sind.

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Petra Kob, Fachärztin für Gynäkologie, Gemeinschaftspraxis /Maybaum

Petra Kob, Fachärztin für Gynäkologie, Gemeinschaftspraxis

Ich spüre den Mangel dadurch, dass wir extrem viele Patientinnen haben, die nach Terminen fragen. Um einen Vorsorgetermin zu bekommen, kann es drei bis sechs Monate dauern. Der Ärztemangel macht sich auch bemerkbar, wenn ich mit 52 Jahren schon eine der Jüngsten bin. In meiner Babyboomergeneration gab es zu viele Ärztinnen und Ärzte. Dann wurde zu wenig ausgebildet. Die Politik ist davon ausgegangen, dass jemand, der Medizin studiert, dann auch hinterher 100 Stunden als Arzt arbeitet. Aber das ist nicht so. Medizinerinnen und Mediziner arbeiten in der Forschung, gehen ins Ausland oder in andere Berufsfelder. Deswegen müssen wir mehr ausbilden, Studienplätze schaffen und auch Werbung für den Beruf machen. Denn für mich ist es der tollste Beruf der Welt.

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Hans-Martin Wollenberg, Facharzt für Psychiatrie, Burghofklinik Rinteln /Maybaum

Hans-Martin Wollenberg, Facharzt für Psychiatrie, Burghofklinik Rinteln

Wir können kaum Stellen nachbesetzen. Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir Stellen nachbesetzen, kommen größtenteils nicht aus Deutschland. Die Studierenden aus Deutschland sind kaum noch bereit, in die Peripherie zu gehen. Sie bleiben in den Städten, in denen sie studiert haben, oder gehen in Städte mit einer besseren Infrastruktur. Probleme bestehen auch in den nervenheilkundlichen Fächern, insbesondere in der Psychiatrie. Zumindest in Niedersachsen ist die Altersstruktur da noch schlechter als in der Allgemeinmedizin. Um den Ärztemangel zu beheben, muss man verstehen, dass gute Versorgung auch bedeutet, dass wir dafür Geld aufwenden müssen. Wir müssen aber auch dafür sorgen, dass dieses Geld im System bleibt. Die Mittel für das Gesundheitssystem sollten auch nur dem Gesundheitssystem zugutekommen. © mim/aerzteblatt.de

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