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Medizin

Affenpocken: Klinischer Verlauf birgt Überraschungen, Virustatikum könnte wirksam sein

Mittwoch, 25. Mai 2022

Das von der UK Health Security Agency (UKHSA) zur Verfügung gestellte Bild zeigt Hautläsionen bei Patienten, bei denen Affenpocken nachgewiesen wurden./ picture alliance, UKHSA

London – Eine lang andauernde Virusausscheidung macht die Behandlung der Affenpocken schwierig. Die in Lancet Infectious Diseases (2022; DOI: 10.1016/S1473-3099(22)00228-6) vorgestellten Erfahrungen briti­scher Mediziner zeigen zudem, dass mit unvorhersehbaren Komplikationen gerechnet werden muss. Auch die Behandlung mit Virustatika ist nicht unproblematisch.

In England wurden die Affenpocken in den vergangenen Jahren schon 3 Mal aus der ehemaligen Kolonie Nigeria eingeschleppt: Im Jahr 2018 gab es 2 reiseasso­ziierte Infektionen. Damals erkrankte auch 1 Klinik­mit­arbeiter. Es war die 1. nosokomiale Übertragung außerhalb Afrikas.

Im Jahr 2019 kam es zu einer einzelnen reiseassoziierten Infektion. Im Jahr 2021 folgte ein Cluster mit 3 Erkrankungen. Es war die 1. nachgewiesene Übertragung in einer Familie außerhalb Afrikas. Darunter war auch das 1. Kind, das in Großbritannien an den Affenpocken erkrankt ist.

Alle Patienten waren zu jung, um an der früheren Pockenimpfung teilgenommen zu haben – was offenbar auch auf die Patienten der aktuellen Epidemie zutrifft. Die fehlende Immunität in der Bevölkerung scheint die Ausbreitung der Affen­pocken zu begünstigen. Sie könnte erklären, warum die Zahl der Erkrankungen in den letzten Jahren gestiegen ist.

Alle 7 Patienten, deren Kasuistiken ein Team um Nicholas Price vom „NHS England High Consequence Infectious Diseases (Airborne) Network“ in London jetzt vorstellt, haben die Affenpocken überlebt.

Doch im Verlauf der Erkrankung kam es zu Überraschungen. Eine Beobachtung, die die Kontrolle von Aus­brüchen erschweren könnte, war, dass die Viren auch nach der Abheilung der Läsionen noch einige Zeit im Körper nachweisbar blieben.

Bisher galt der Grundsatz, dass die Infektion mit der Abheilung der Pocken vorüber ist. Dies war bei 6 der 7 Patienten nicht der Fall. Bei ihnen wurde das Virus danach noch über Tage bis Wochen im Blut und/oder in Abstrichen der oberen Atemwege nachgewiesen.

Die Infektion der Schleimhäute könnte erklären, warum die Affenpocken in der aktuellen Epidemie offenbar durch Sexualkontakte übertragen werden. Bei 2 Patienten kam es zu länger dauernden Ulzerationen in der Leiste.

Die Läsionen, in denen eine höhere Viruskonzentration gefunden wurde, heilten erst nach 29 und 36 Tagen ab. Einer dieser Patienten erlitt nach 73 Tagen ein Rezidiv. Trigger war möglicherweise ein Sexualverkehr.

Es kam erneut zu einer Vergrößerung von Lymphknoten in der Leiste und zu lokalisierten Läsionen. Das Virus wurde auch für wenige Tage erneut in Abstrichen der oberen Atemwege nachgewiesen. Dieser Patient hätte zu diesem Zeitpunkt vermutlich weitere Menschen anstecken können.

Der familiäre Cluster aus dem Jahr 2021 zog sich insgesamt über 41 Tage hin. Die Familie war von einer Reise nach Nigeria zurückgekehrt, als zunächst der Vater erkrankte. Nach 19 Tagen traten bei der weniger als 2 Jahre alten Tochter die Hautpocken auf. Price geht davon aus, dass das Kind sich erst in England bei seinem Vater infiziert hat. Das Mädchen infizierte seine Mutter, die 13 Tage später erkrankte.

Die Mutter wurde sofort mit den Virustatikum Tecovirimat (über 2 Wochen 600 mg 2 Mal täglich) behandelt. Diese Behandlung war offenbar effektiv (soweit dies aus einer Einzelfallanwendung geschlossen werden kann).

Wie Price berichtet, waren die Blutproben bereits nach 48 Stunden und der Rachenabstrich nach 72 Stunden PCR-negativ. Die Patientin blieb auch von Komplikationen verschont. Schon am 7. Tag konnte sie in die häusliche Quarantäne entlassen werden.

Die beschriebenen Fälle zeigen, dass die Kontrolle eines Ausbruchs nicht einfach ist. Den Infizierten dürften längere Aufenthalte auf einer Isolierstation bevorstehen.

Die ersten 3 Patienten hatten die Londoner Mediziner noch mit Brincidofovir behandelt, das wie Tecovirimat in den USA zur Behandlung der Pocken in den letzten Jahren zugelassen wurde. Die britischen Mediziner waren mit den Ergebnissen nicht zufrieden.

Eine sichere Auswirkung auf den klinischen Verlauf und die Viruskonzentration war laut Price nicht zu erkennen. Bei allen 3 Patienten kam es indes zu einem Anstieg der Leberenzyme, weshalb das Mittel vorzeitig abgesetzt wurde.

Alle 7 britischen Patienten haben am Ende die Infektion ohne Folgen überstanden (außer den Narben, die die Pocken auf der Haut hinterlassen). Price führt den günstigen Verlauf darauf zurück, dass die Patienten sich mit der westafrikanischen Variante infiziert hatten, die weniger gefährlich ist als der in Zentralafrika verbreitete Virusstamm.

Auch das junge Mädchen blieb weitgehend von Komplikationen verschont. Sie erlitt einzig einen Juckreiz und eine Kontaktdermatitis auf die verwendeten Reinigungsprodukte.

Bei einem der erwachsenen Patienten war es zu einer Konjunktivitis und einer schmerzhaften Ablösung des Daumennagels gekommen, ausgelöst durch eine subunguale Läsion. © rme/aerzteblatt.de

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