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Ärzteschaft

Ukraine sucht Zusammenarbeit mit deutschem Gesundheitswesen

Dienstag, 24. Mai 2022

Andrij Basylewytsch/Jürgen Gebhardt

Bremen – Die deutsche Ärzteschaft hat heute den Schulterschluss mit ihren ukrainischen Kolleginnen und Kollegen geübt. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach machte bei der Eröffnung des 126. Deutschen Ärztetags in Bremen Zusagen für weitere humanitäre Hilfen, der ukrainische Ärztefunktionär Andrij Basyle­wytsch hingegen berichtete von der erschütternden Lage in seinem Land.

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg in der Ukraine trifft auch das dortige Gesundheitswesen schwer, wie Basylewytsch aus dem Vorstand des Ukrainischen Ärzteverbands und der Weltföderation der Ukrainischen Ärztevereinigungen, berichtete. „Zu unserem Bedauern wurden mindestens zwölf medizinische Mitarbeiterin­nen und Mitarbeiter getötet und 46 verwundet“, erklärte er. „Viele wurden gezwungen, nach Russland zu gehen.“

Zahlreiche Krankenhäuser, Entbindungskliniken und Apotheken seien vollständig oder teilweise zerstört worden – insgesamt rund 600 Einrichtungen des Gesundheitswesens, von denen 100 nicht wiederinstand­gesetzt werden könnten. „Die medizinische Ausrüstung wurde gestohlen oder zerstört“, bekundete er. Auch Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen, die sich in relativ ruhigen Gebieten befinden, seien weiter­hin durch die Gefahr von Raketenangriffen bedroht.

Basylewytsch beschrieb furchtbare humanitäre Bedingungen, unter denen das ukrainische Gesundheitswesen leide. „Frauen bringen ihre Kinder in ungeeigneten Räumlichkeiten zur Welt“, erklärte der 55-Jährige. „Drin­gen­de Operationen werden trotz Luftangriffswarnung oder in Kellerräumen durchgeführt.“

Hinzu komme, dass die Belastung im Moment ohnehin doppelt bis dreifach so hoch sei wie in Friedenszeiten, weil die Zahl der verletzten Zivilisten und Militärs ständig zunimmt. Unter den Verletzten befänden sich vor allem Kinder unterschiedlichen Alters.

„Deshalb sind wir besonders dankbar für die Hilfe, die wir aus der ganzen Welt und insbesondere aus Deutschland erhalten“, sagte der Medizinprofessor aus Lwiw. Die Bundesrepublik habe schnell reagiert und der Ukraine unter anderem ein sogenanntes fliegendes Krankenhaus für den Transport Verwundeter zur Verfügung gestellt. Es seien bereits einige Transporte zur Behandlung in Deutschland durchgeführt worden.

Basylewytsch führte dabei auch aus, welche Erwartungen er von seinen Verbünde­ten habe: Nach ukraini­schem Verständnis könne Deutschland als mächtiges Land und mit seiner führenden Stellung in der Welt das Ende des Krieges beschleu­nigen, indem es der Ukraine schwere Waffen und Flugabwehr zur Verfügung stellt, Diplomatie einsetzt, die Wirtschaftssanktionen verschärft und bereits jetzt Folgen des Krieges bekämpft.

Konkret führte er medizinische Ausrüstung wie Rehabilitationsgeräte, tragbare Ultraschallgeräte oder mobile Röntgenanlagen an – aber auch Prothesen, speziell für Kinder.

Hier hatte Lauterbach bei der Eröffnung des Deutschen Ärztetags am Vormittag bereits feste Zusagen gemacht: Auf eine Bitte des ukrainischen Gesundheitsminis­ters Viktor Liaschko, mit dem er sich gestern getroffen habe, werde die Bundesre­gierung Prothesen liefern.

„Viele Menschen verlieren dort ihre Gliedmaßen, leider auch sehr viele Kinder“, sagte Lauterbach. „Wir werden helfen, dass diese Kinder und Erwachsenen mit Prothesen in bester Qualität ausgestattet werden, sodass sie zumindest wieder am Leben teilnehmen können, dass ihnen ein Weg zurück ins normale Leben möglich ist und sie ihre Traumata überwinden können.“

Ebenfalls auf Liaschkos Wunsch habe er zugesagt, dass Deutschland helfen werde, in der Ukraine Zentren zur Versorgung von Verbrennungsopfern aufzubauen, weil Verbrennungswunden und -traumata kriegsbedingt sehr ausgeprägt seien.

Konkrete Hilfe hat auch die Bundesärztekammer (BÄK) organisiert: Bereits Anfang März richtete sie ein Portal ein, auf dem sich Ärzte für Hilfseinsätze in der Ukraine oder benachbarten Ländern registrieren können. Mehr als 1.600 Ärzte haben sich bisher dort angemeldet.

„Das zeigt die Solidarität in der Ärzteschaft mit den Menschen in der Ukraine“, sagte Reinhardt. Die BÄK sei bereits im Gespräch mit dem Auswärtigen Amt, dem Bundesgesundheitsminis­terium (BMG) und mehreren Botschaften, wie die Ärzte eingesetzt werden können. Sobald im Rahmen internationaler Missionen Bedarf angemeldet wird, könnten sie vermittelt werden.

Auch Reinhardt verurteilte den russischen Angriffskrieg und sprach den Ukrainern Solidarität und Respekt zu. Seine Gedanken seien bei den Kollegen, die im Kriegsgebiet ihr Leben riskierten, um anderen Menschen zu helfen.

„Was Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen in Ihrem Land leisten, ist im besten Sinne ärztlich“, richtete er an Basylewytschs Adresse. Der russische Angriff verursache unvorstellbares menschliches Leid und die Zerstö­rung der Infrastruktur bedrohe auch die Gesundheit der Bevölkerung, die nicht unmittelbar von den Kriegs­handlungen betroffen ist.

„Es ist ein verbrecherischer Angriffskrieg, den man als Arzt nur verurteilen kann und wo einem die Worte fehlen – insbesondere, wenn Krankenhäuser, medizinische Einrichtungen, ja sogar Kinderkliniken bombar­diert werden“, erklärte daraufhin auch Lauterbach. „Eine solche Barbarei hat keinen Platz in unserer zivilisierten Welt.“

Basylewytsch wiederum hatte sich bei der notwendigen Hilfe für sein Land längst nicht nur auf den akuten Bedarf im ukrainischen Gesundheitswesen beschränkt, sondern blickte bereits auf die Zeit nach dem Krieg: „Wir bitten um wissenschaft­liche Zusammenarbeit und Einladungen zu medizinischen Kongressen, medizi­nischen Studien und medizinischen Praktika für ukrainische Ärztinnen und Ärzte, die nach ihrer Rückkehr mit den gewonnenen Erfahrungen in der Ukraine arbeiten können.“

Auch die Beschäftigung von medizinischem Personal aus der Ukraine, das zur Flucht gezwungen war, könne gefördert werden, ebenso wie die Beteiligung von Lehrern, Professoren und Studenten an Universitäten.

Die Ukrainer würden sich bereits damit auseinandersetzen, wie sie ihren Staat nach dem Krieg erneuern und ein effektives Gesundheitswesen samt effizienter ärztlicher Selbstverwaltung aufbauen, erklärte Basyle­wytsch: „Und mit der Hilfe von Ihnen und der ganzen Welt werden wir bestimmt gewinnen.“ © lau/aerzteblatt.de

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