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Ärzteschaft

Reduktion von CO2-Emissionen in der Patientenversorgung angemahnt

Montag, 30. Mai 2022

/japolia, stock.adobe.com

Bremen – Der 126. Deutsche Ärztetag in Bremen hat die medizinischen Fachgesellschaften darum gebeten, Empfehlungen für Ärzte zu entwickeln, wie diese mit den speziellen Auswirkungen der Klima­krise im jeweili­gen Fachgebiet umgehen sollen und wie Patienten vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden können.

Zugleich müssten Empfehlungen formuliert werden, inwiefern Behandlungsstrategien auch die damit assozi­ierten CO2-Emissionen berücksichtigen können. Als Beispiel nannten die Delegierten die jüngst veröffent­lichte S1-Leitlinie „Klimabewusste Verordnung von inhalativen Arzneimitteln“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Diesem Beispiel müssten weitere folgen.

Wichtig seien auch Initiativen wie „Klug Entscheiden“ der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und „Gemeinsam Klug Entscheiden“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachge­sellschaften (AWMF), die dazu beitrügen, nicht indizierte medizinische Diagnostik und Therapie zu vermeiden und die auf diese Weise die Ressourcen schonten.

Dass Ärzte entsprechende Informationen wünschten, habe vor kurzem eine Umfrage der Stiftung Gesundheit im Auftrag des Centre for Planetary Health Policy gezeigt. Mehr als die Hälfte der Befragten habe sich im Rah­men der Umfrage Empfehlungen zum ressourcenschonenden Einsatz von Medikamenten und Medizinproduk­ten gewünscht.

Nachhaltigkeit in die Aus- und Fortbildung aufnehmen

Nachdem der 125. Deutsche Ärztetag im November des vergangenen Jahres das Thema „Klimaschutz ist Ge­sundheitsschutz“ als Schwerpunktthema gewählt hatte, gab es auch auf dem diesjährigen Ärztetag in Bremen zahlreiche Beschlüsse zum Klimaschutz.

Im vergangenen Jahr hatten die Delegierten die Integration der gesundheitlichen Folgen des Klimawandels in die Aus-, Weiter-, und Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten sowie von Angehörigen anderer Berufe gefor­dert. Die praktische Umsetzung sei bisher allerdings nur unzureichend erfolgt, betonten die Delegierten in diesem Jahr.

Insbesondere in der Aus- und Fortbildung fehlten flächendeckende Angebote. Die Delegierten forderten die Landesärztekammern dazu auf, regelmäßig ihre Weiterbildungsordnungen auf Anpassungsbedarf hinsichtlich der Themenkomplexe Klimaschutz und klimabedingte Gesundheitsgefahren zu prüfen.

Zudem riefen sie die Ärztekammern auf, die Mustercurricula „Klimawandel und Gesundheit“ der Bundesärzte­kammer (BÄK) für Ärztinnen und Ärzte sowie für Medizinische Fachangestellte zeitnah umzusetzen.

BÄK-Geschäftstelle auf dem Weg zur Klimaneutralität

Auf dem 125. Deutschen Ärztetag in Berlin hatten die Delegierten an alle Entscheidungsträger im Gesund­heits­wesen appelliert, die notwendigen Maßnahmen in Angriff zu nehmen, um die Treibhausgasemissionen des Gesundheitswesens bis 2030 auf null zu senken. Im Frühjahr dieses Jahres hat der Weltklimarat (Inter­governmental Panel on Climate Change, IPCC) seinen sechsten Sachstandsbericht veröffentlicht.

„Der 126. Deutsche Ärztetag sieht in den Kernaussagen des aktuellen IPCC-Reports einen erneuten drama­ti­schen Weckruf, endlich konkrete Schritte zur Reduktion von Treibhausgasen und zur Abmilderung der Klima­krise zu unternehmen“, betonten die Delegierten.

Der Report zeige auf, dass keine Zeit zu verlieren sei und jetzt gehandelt werden müsse. Der Ärztetag forderte deshalb nicht nur die Politik zum Handeln auf, sondern er forderte auch außergewöhnliche Anstrengungen des Vorstands der Bundesärztekammer, die auf dem 125. Deutsche Ärztetag beschlossenen Forderungen um­zusetzen. In einem der Beschlüsse ging es darum, die Geschäftsstelle der BÄK bis 2030 klimaneutral zu transformieren.

Der Geschäftsführer Administration der BÄK, Marco Neisen, erklärte anlässlich des diesjährigen Ärztetags, dass die BÄK erste Schritte unternommen habe, um dieses Ziel zu erreichen. So sei in den vergangenen Mo­naten in einem sehr anspruchsvollen Prozess der ökologische Fußabdruck der BÄK-Geschäftsstelle ermittelt worden.

„Im Vergleich mit anderen öffentlichen Einrichtungen stehen wir zwar ganz gut da“, erklärte Neisen. „Aber wir wollen besser werden und planen, ab Sommer aus den Ergebnissen der Fußabdruckberechnung mit der be­auftragten Agentur in die konkrete Maßnahmenplanung einzusteigen.“

Klimaneutralität des Gesundheitswesens finanzieren

Der 126. Ärztetag hat darauf hingewiesen, dass die Transformation des Gesundheitswesens zur Klimaneutra­lität bis zum Jahr 2030 „erhebliche organisatorische, personelle und bauliche Anstrengungen“ erfordere.

„Die hierzu erforderlichen finanziellen Mittel können nicht alleine aus den Betriebsmitteln der Einrichtungen bewältigt werden, sondern erfordern Unterstützung durch Staat, Gesellschaft und Kostenträger“, so die Dele­gierten. Sie forderte die Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft sowie die Krankenkassen deshalb dazu auf, ausreichend finanzielle Mittel für diese Transformation zur Verfügung zu stellen.

Um den CO2-Abdruck des Gesundheitswesens zu reduzieren, forderte der Ärztetag den „möglichst schnellen Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energieträger“. „Die ungehemmte Verbrennung von Gas, Öl und Kohle und die dadurch bedingte Abhängigkeit der Menschheit, insbesondere aller Industrienationen und dabei in besonderem Maße Deutschlands, führt zu unabsehbarem Schaden und gefährdet die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen“, betonten die Delegierten.

„Schon jetzt haben sehr viele Menschen durch die Klimakatastrophe ihr Leben verloren und Schaden an ihrer Gesundheit erlitten, auch in Deutschland.“ Die Erzeugung und Verteilung von Strom, Gas, Wärme oder Kühlung trügen global zu 40 Prozent der Emissionen im Gesundheitssektor bei.

Tempolimit einführen

Um Klimaneutralität zu erreichen, erneuerte der Ärztetag seine Forderung aus dem vergangenen Jahr, ein Tem­polimit auf deutschen Autobahnen einzuführen. „Für den 126. Deutschen Ärztetag ist es nicht nach­voll­ziehbar, wieso diese einfache, schnell umsetzbare und kostenlose Maßnahme von der Bundesregierung nicht umgesetzt wird“, erklärten die Delegierten. Dabei nannten sie keine konkrete Geschwindigkeit, auf die das Tempolimit festgesetzt werden solle.

Darüber hinaus forderte der Ärztetag „eine gemeinsame Wende in der Ernährungs- und Landwirtschafts­poli­tik“, an der sowohl die Politik wie die Verbraucher, die Erzeuger und der Handel mitwirken sollen.

„Der Fleischkonsum muss deutlich reduziert werden“, betonten die Delegierten. „Dies hätte positive Folgen für die Gesundheit, würde einen relevanten Beitrag zur Reduktion von Treibhausgasen leisten und würde die Nahrungsressourcen ärmerer Länder verbessern helfen.“ Mehr als die Hälfte des in Deutschland angebauten Getreides werde als Tierfutter verfüttert. Zudem liefere die Massentierhaltung einen wesentlichen Beitrag zum Treibhauseffekt.

„Mit dem als Tierfutter verwendeten Getreide könnte eine Vielzahl von Menschen ernährt werden, insbeson­dere in der durch Russlands Krieg in der Ukraine ausgelösten weltweiten Getreidekrise“, betonte der Ärztetag.

Kassen sollen Krankenhäusern gesunde Kost zahlen

In diesem Zusammenhang forderten die Delegierten auch die Krankenhäuser sowie andere Gesundheits­einrichtungen dazu auf, die Umstellung ihrer Krankenhauskost auf ein gesundes, nachhaltiges Ernährungs­angebot gemäß der „Planetary Health Diet“ vorzunehmen.

Diese 2019 entlang der Empfehlungen der EAT-Lancet Kommission entwickelte Ernährungsweise decke sich in wesentlichen Punkten mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Im Ver­gleich zu den aktuellen Ernährungsgewohnheiten zeichne sie sich durch eine deutliche Bevorzugung von Obst und Gemüse, Vollkorngetreide und pflanzlichen Proteinquellen wie Hülsenfrüchten und Nüssen gegen­über tierischen Proteinen aus.

Eine Mitwirkung möglichst vieler Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen an der ‚Initiative für Nachhal­tige und Gesunde Ernährung‘ könne ein wesentlicher Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität des deutschen Gesundheitswesens werden, betonte der Ärztetag. Eine gesunde, möglichst regionale und fleisch­arme Ernährung sei dabei nicht nur ein wesentlicher Gesundheitsfaktor, sondern habe auch erhebliche posi­tive Auswirkungen auf den Klima- und Umweltschutz.

Zugleich forderten die Delegierten die Kostenträger dazu auf, die Vergütung der Verpflegung in stationären Einrichtungen der Gesundheitsversorgung neu zu regeln.

„Die Verpflegung in Einrichtungen der stationären Patientenversorgung leistet einen wichtigen Beitrag zur Genesung“, heißt es zur Begründung. „Damit diese entsprechend gesund und klimagerecht ermöglicht werden kann, muss sie auch finanzierbar sein. Dies ist mit der aktuellen Verpflegungspauschale nicht zu realisieren.“

Schulfach „Gesundheit und Nachhaltigkeit“ einfügen

Der Ärztetag rief die Landesregierungen dazu auf, durch die Einführung eines eigenständigen Schulfachs „Gesundheit und Nachhaltigkeit“ in allen Schulformen den notwendigen Beitrag zur Förderung der Gesund­heits­kompetenz der Bevölkerung zu leisten. Heute weise ein Großteil der deutschen Bevölkerung eine man­gelnde Gesundheitskompetenz auf.

Aufgrund der Untrennbarkeit von individueller Gesundheit und einer gesunden Mitwelt sei es für eine mo­derne und zukunftsorientierte Gesellschaft dabei unverzichtbar, schon von früher Kindheit an die Zusam­menhänge zwischen Gesundheits- und Klimaschutz altersgerecht zu vermitteln.

„Es ist daher notwendig, Schülerinnen und Schülern durch qualitativ hochwertigen Unterricht nach alters­an­gepassten, spiralcurricular konzipierten Lehrplänen durch qualifiziertes Fachlehrpersonal im Rahmen eines eigenständigen, verpflichtenden Schulfachs ‚Gesundheit und Nachhaltigkeit‘ die entsprechenden Kompe­tenzen zu vermitteln“, so die Delegierten.

Frühe und gezielte Bildung in allen Schulformen sei die entscheidende Voraussetzung dafür, kritische Ge­sundheitskompetenz zu erlangen und die Gesundheit des Einzelnen, jedoch auch der gesamten Bevölkerung vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen wie Klimawandel und Demografie nachhaltig zu sichern.

WHO-Richtlinien für Luftreinheit umsetzen

Der 126. Deutsche Ärztetag rief dazu auf, die Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Luftreinheit im städtischen Raum statt der deutschen beziehungsweise europäischen Werte als verbindliche Richtwerte umzusetzen. „Luftverschmutzung ist neben dem Klimawandel eine der größten umweltbezogenen Bedrohungen für die menschliche Gesundheit“, heißt es zur Begründung.

„Die Verbesserung der Luftqualität kann auch dem Klimaschutz zugutekommen. Durch die Verringerung von Emissionen wiederum dürfte sich die Luftqualität verbessern. Indem sich die Länder darum bemühen, diese Richtwerte zu erreichen, tragen sie sowohl zum Schutz der Gesundheit als auch zum globalen Klimaschutz bei.

„Im Herbst des vergangenen Jahres hatte die WHO ihre neuen Globalen Luftgüteleitlinien veröffentlicht und dabei die Absenkung der Richtwerte für Stickstoffoxid von 40 auf 10 Mikrogramm pro Kubikmeter empfohlen.

Gesundheitseinrichtungen vor Extremwetter schützen

Schließlich forderte der Ärztetag die politisch zuständigen Stellen dazu auf, den Schutz von Gesundheitsein­richtungen vor Extremwetterlagen zu fördern. „Wie wichtig der Schutz von Gesundheitseinrichtungen vor Extremwetterlagen ist, hat sich auf tragische Weise während der Flutkatastrophe des vergangenen Jahres sowie bei zahlreichen Hitzeepisoden gezeigt“, betonten die Delegierten. „Durch die Überschwemmung des Ahrtals wurde die Infrastruktur vieler Praxen, Apotheken und Kliniken beschädigt.“

Die durch die Klimakrise in der Zukunft häufiger zu erwartenden Extremwetterlagen, zu denen auch anhalten­de Hitzeperioden mit ausgedehnten Waldbränden oder durch Katastrophen bedingte massive Stromausfälle oder Epidemien gehörten, würden gezielte Schutzmaßnahmen für alle Gesundheitseinrichtungen notwendig machen, um deren Funktionserhalt sowie den Schutz der Patientinnen und Patienten und Mitarbeitenden zu gewährleisten. © fos/aerzteblatt.de

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