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Ärzteschaft

„Weiterzubildende sind bereit, wahnsinnig viel zu geben, aber wir müssen viel mehr aushalten“

Donnerstag, 26. Mai 2022

Bremen – Der Ärztemangel ist in allen Fachgebieten zu spüren, in manchen etwas mehr, in anderen etwas weniger. In der Psychiatrie ist der Fachkräftemangel besonders ausgeprägt, sagt Alina Sassenberg, Ärztin in Weiterbildung, dem Deutschen Ärzteblatt auf dem 126. Deutschen Ärztetag in Bremen. Sie erläutert auch, welche Folgen das im Arbeitsalltag mit sich bringt.

5 Fragen an Alina Sassenberg, Ärztin in Weiterbildung Psychiatrie

DÄ: Wie spüren Sie den Ärztinnen- und Ärztemangel bei der täglichen Arbeit?
Sassenberg: Den Mangel bekomme ich jeden Tag mit. Im Kranken­haus musste ich ständig für Dienste einspringen, wenn jemand krank war. Das führt zu einer hohen Dienstbelastung. Andauernd musste man Zuhause anrufen und sagen „ich komm heute schon wieder nicht nach Hause“. Die Kinderbetreuung musste ich dann erstmal klären.

Zum anderen habe ich oft nicht nur eine Station mit mehr als zwan­zig Patientinnen und Patienten versorgt, was meiner Meinung nach schon relativ viel ist, sondern zwei, manchmal drei Stationen. Das führt zu einer extremen Belastung, häufig außerhalb der regulären Arbeitszeit. Und das ist keine Ausnahme, sondern läuft so über Wo­chen hinweg.

DÄ: Wo fällt das Mangel besonders auf?
Sassenberg: In der Psychiatrie ist das extrem, das ist ein unbeliebtes Fach. Auf dem Land ist das natürlich auch schlimmer als in Ballungsgebieten. Der Mangel ist über alle Ebenen hinweg zu spüren. Am meisten fehlt es an Fachärztinnen- und -ärzten. Darunter leidet auch die Weiterbildung. Die Oberärztinnen- und -ärzte haben keine Zeit mehr, uns auszubilden. Man muss sich die Weiterbildung also selbst organisieren.

DÄ: Welche Ursachen hat der Ärztinnen- und Ärztemangel aus Ihrer Sicht?
Sassenberg: Es gibt meiner Meinung nach zu wenig Studienplätze. Aber der Mangel kommt nicht nur daher. Die Arbeit hat sich verändert. Ich glaube nicht an den Mythos, dass unsere Chef- und Oberärzte heutzutage noch 72 Stunden Schichten machen könnten. Die Dienstbelastung ist heute eine andere. Man würde es heute gar nicht mehr packen, ein ganzes Wochenende im Krankenhaus durchzuarbeiten.

DÄ: Inwiefern unterscheiden sich die Dienste heutzutage zu noch vor 30 Jahren?
Sassenberg: Die Dienste sind dichter getaktet. Dadurch, dass wir auf den Stationen weniger Ärztinnen und Ärzte haben, fängt ein Dienst damit an, dass man drei bis vier Aufnahmen aus dem normalen Stationsalltag in dem Dienst aufnimmt. Vorher hat man aber schon acht Stunden einen normalen Arbeitstag gehabt und eine Station geschmissen.

Nach den drei Aufnahmen kommt der Richter, dann kommt eine Notaufnahme und noch eine Notaufnahme. Zack ist es ein Uhr nachts. Nach zwei bis drei Stunden Schlaf kommt die nächste Aufnahme oder eine noch eine Blutabnahme von der Polizei. Vielleicht schläft man noch eine Stunde und dann ist zum Glück endlich die Übergabe. Das war früher nicht so und es macht den Beruf unattraktiv. Das wird sicherlich den Fachkräf­te­mangel mit verursachen.

DÄ: Welche Maßnahmen könnten den Ärztemangel reduzieren?
Sassenberg: Zum einen müssen mehr Studienplätze geschaffen werden. Aber ich will auch, dass es eine Sen­sibilisierung der aktuellen Belastung gibt. Von unseren Vorgesetzten wird häufig angenommen, dass Ärztin­nen und Ärzte in Weiterbildung nur auf ihre Work-Life-Balance gucken. Das ist Unsinn.

Wir müssen in der Zeit, die wir im Krankenhaus verbringen, viel mehr arbeiten als unsere Vorgänger. Wir müs­sen viel mehr aushalten als unsere Chefs das in ihrer Weiterbildung mussten. Ich möchte dafür sensibilisie­ren, dass Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung bereit sind, wahnsinnig viel zu geben und ihn genau so lieben wie ihre Vorgängerinnen und Vorgänger. Aber wir müssen eben viel mehr aushalten. © mim/aerzteblatt.de

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