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Politik

Warnung vor Stigmatisierung, mehr als 200 Affenpockenfälle außerhalb Afrikas

Donnerstag, 26. Mai 2022

Dieses Bild aus dem Jahr 1997 entstand während einer Untersuchung eines Affenpockenausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo (DRC), dem früheren Zaire, und zeigt die Handflächen eines Affenpockenpatienten./ picture alliance, CDC, Brian W.J. Mahy

Stockholm/Berlin – EU-Gesundheitsbehörden zufolge sind mittlerweile mehr als 200 Fälle von Affenpocken außer­halb Afrikas bestätigt worden. 19 Länder, in denen die Krankheit normalerweise nicht vorkommt, hätten mindestens einen Fall bestätigt, erklärte das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gestern Abend.

„Die meisten Fälle sind junge Männer, die sich selbst als Männer identifizieren, die Sex mit Männern haben. Es gab keine Todesfälle“, fügte die europäische Agentur mit Sitz in Stockholm hinzu. Außerhalb der elf afrika­nischen Länder, in denen diese seltene Krankheit ende­misch ist, konzentrieren sich die meisten bestätigten Fälle derzeit auf drei Länder: Großbritannien, Spanien und Portugal.

In Europa wurden mehr als 190 Fälle bestätigt, dazu kommen Fälle in Kanada, in den USA, in Australien, in Israel sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten. Verdachtsfälle wurden in der Bilanz nicht mitgezählt. Allein in Spanien sind nach Angaben der Regierung zuletzt 59 Fälle von Affenpocken per PCR-Test bestätigt worden.

Die Regierung werde angesichts der Lage nun über die Europäische Union (EU) Impfstoff und Medi­ka­mente besorgen, kündigte Spaniens Gesundheitsministerin Carolina Darias an. Landesweit seien 171 Verdachtsfälle gemeldet worden.

Am vergangenen Montag hatte das ECDC in seiner ersten Risikobewertung die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung in der Allgemeinbevölkerung als „sehr gering“, bei Personen mit mehreren Sexualpartnern jedoch als „hoch" eingestuft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte sich optimistisch gezeigt, die Ausbrei­tung der Krankheit stoppen zu können.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach warnte davor, homosexuelle Männer im Zusammenhang mit den Affenpocken zu stigmatisieren. Das sagte der SPD-Politiker gestern in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“. „Das ist einfach wichtig zu sagen: Es kann jeden treffen.“

Zuvor hatte der Sprecher der Deutschen Aidshilfe, Holger Wicht, in einem FAZ-Podcast betont, es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass nur Homosexuelle die Krankheit bekommen könnten oder sie gar Schuld an der Verbreitung wären.

So könnte das – auch von Lauterbach genutzte – Wort „Risikogruppe“ so verstanden werden könnte, dass homosexuelle Männer ein besonderes Risiko darstellen. Gemeint sei aber, dass diese Männer ein besonderes Risiko hätten, sich anzustecken. Dem Nachrichtenportal t-online sagte Wicht aber auch: „Herr Lauterbach gibt sich erkennbar Mühe, nicht zu stigmatisieren.“

Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann (Grüne), sagte den Zeitungen der Funke-Medien­gruppe, es sei ein Trugschluss, „dass schwule oder bisexuelle Männer an sich gefährdeter sind. Das Virus kennt keine sexuelle Orientierung“. „Panikmache und Stigmatisierung“ müssten unbedingt vermieden werden.

Affenpocken werden laut Robert Koch-Institut (RKI) durch engen Körperkontakt von Mensch zu Mensch über­tragen. Fälle wurden bisher insbesondere bei Männern diagnostiziert, die gleichgeschlechtlichen Sex haben. Darauf hatte auch Lauterbach hingewiesen: „Die Hauptrisikogruppe zum jetzigen Zeitpunkt sind Männer, die Sex mit anderen Männern gehabt haben. Und das muss man ansprechen können, um diese Gruppe zu schützen.“

Das RKI schreibt auf seiner Internetseite: „Das Risiko, sich mit Affenpocken zu infizieren, ist nicht auf sexuell aktive Menschen oder Männer, die Sex mit Männern haben, beschränkt. Jeder, der engen körperlichen Kontakt mit einer ansteckenden Person hat, kann sich infizieren.“ Dass momentan vor allem Fälle bei homosexuellen Männern bekannt sind, könnte unter anderem mit mehreren internationalen Events zusammenhängen, bei denen es zu Ansteckungen kam.

Eine erhöhte Sensibilität für die Übertragung von Affenpocken sei wichtig, sagte Lehmann. Dazu gehöre auch „zielgruppenspezifische Ansprache gegenüber Männern, die Sex mit Männern haben“. Er fügte aber hinzu, erhöhte Wachsamkeit für Symptome müsse für alle Menschen gelten. „Viele schwule Männer fühlen sich an den Beginn der Aids-Krise erinnert, als die Infektion ausschließlich schwulen Männern zugeschrieben wurde. Das hat in der Folge dazu geführt, dass schwule Männer stigmatisiert und andere Gruppen wenig geschützt wurden.“

Zu den Symptomen von Affenpocken gehören Fieber, Kopf- und Muskelschmer­zen und ein Ausschlag, der oft im Gesicht beginnt und dann auf andere Körperteile übergreift. Die meisten Menschen erholen sich innerhalb weniger Wochen wieder. Gegen Affenpocken gibt es keinen speziellen Impfstoff. Allerdings wirkt die normale Pockenimpfung aktuellen Erkenntnissen zufolge zu 85 Prozent vorbeugend.

Afrikanische Behörde warnt vor Hortung von Pocken-Impfstoff

Die Afrikanische Gesundheitsbehörde für Ansteckende Krankheiten (CDC) hat angesichts der Ausbreitung von Fällen in Europa und Nordamerika vor einer Hortung von Impfstoffen in den westlichen Staaten gewarnt. Ahmed Ogwell, stellvertretender CDC-Direktor, appellierte in Addis Abeba, Lehren aus der Anfangszeit der Coronapandemie zu ziehen.

Derzeit verfügten die Gesundheitsbehörden in den afrikanischen Ländern, in denen die Krankheit endemisch ist, über nur wenig Impfstoff. Daher würden vor allem die Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes „an der Front“ der Krankheitsbekämpfung geimpft. „Wir hoffen, dass Impfstoff vor allem dort verfügbar ist, wo das Risiko am höchsten ist – nicht dort, wo man besonders viel für ihn bezahlen kann.“

Affenpocken kommen in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo sowie Nigeria endemisch vor. Bisher seien seit Jahresbeginn 1.405 Fälle in diesen Ländern bestätigt worden, 62 Menschen seien gestorben. Das Robert Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass die afrikanischen Todes­raten zu hoch gegriffen sind, weil mildere Verläufe oft nicht erfasst werden. Derzeit würden in Marokko und im Sudan Verdachtsfälle möglicher Affenpocken geprüft, sagte Ogwell.

Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC hatte davor gewarnt, dass die Affenpocken endemisch werden könnten, sollte der Erreger von Menschen auf Tiere über­sprin­gen und sich in einer Tierpopulation ausbreiten. Die Gefahr wäre dann, dass das Virus immer wieder auf den Menschen überspringen könnte.

Es sei zu klären, ob und inwieweit Tiere in den Ausbruch involviert sind oder es durch Rückinfektionen aus­ge­hend von Menschen werden könnten, sagte Ralf Bartenschlager, Präsident der Gesellschaft für Virologie (GfV). Nagetiere seien das natürliche Reservoir des Virus, weshalb eine Rücküber­tragung auf bestimmte Haus­tiere möglich sei, obwohl dies bisher nicht beschrieben wurde.

Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hält ein dauerhaftes Vorkommen von Affenpocken in Tieren in Europa für sehr unwahrscheinlich. „Es ist fraglich, ob es in Europa überhaupt Tierspezies gibt, die als geeignete Reser­voirwirte in Frage kommen“ schreibt das für Tiergesundheit zuständige Bundesforschungsinstitut. Dennoch müsse die weitere Entwicklung beobachtet werden. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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