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Ärzteschaft

Ärztetag wünscht sich Maßnahmenpaket zur Stärkung der Kinder- und Jugendgesundheit

Freitag, 27. Mai 2022

/twinsterphoto, stock.adobe.com

Bremen – Bei allen künftigen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung muss das Wohl von Kindern und Ju­gendlichen ganzheitlich in den Blick genommen und berücksichtigt werden. Dies forderte gestern der 126. Deutsche Ärztetag.

Im Verlauf der Coronapandemie seien bereits vorhandene Problemlagen von Kindern und Jugendlichen verstärkt worden und medizinische Versorgungslücken deutlicher sichtbar geworden, so die zentrale Fest­stellung der Delegierten. In Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status würden insbesondere die psycho­sozialen Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche auch noch in den nächsten Jahren Spuren hinterlassen.

Aus Sicht der Ärzteschaft ist deshalb die Umsetzung eines umfassenden Maßnahmenpaketes erforderlich. Pandemiebedingte flächendeckende Schließungen von Kindertageseinrichtungen und Schulen müssten künftig vermieden und nur in extremen Krisensituationen in Erwägung gezogen werden.

Die Hygiene- und Schutzmaßnahmen für die Orte des Erziehungs- und Bildungssystems müssten auch nach der Pandemie im „notwendigen Umfang“ aufrechterhalten und für die zukünftigen Herausforderungen weiter­entwickelt werden.

Die Netzwerkarbeit zwischen Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Schule, Schulsozialarbeit und Jugendamt sowie Öffentlichem Gesundheitsdienst (ÖGD) auf Landes- und kom­munaler Ebene müsse dringend gestärkt und adäquat finanziert werden.

Zudem, so die Ärztetagsdelegierten, solle ein Expertenrat konkrete Maßnahmen für die Bundes- und Landes­ebene entwickeln – und zwar unter „zwingendem Einbezug der Expertise der Kinder- und Jugendmedizin sowie Kinder- und Jugendpsychotherapie und -psychiatrie“.

„Ich bin froh darüber, dass die Bundesärztekammer sich mit diesem wichtigen Thema auseinandersetzt. In Bezug auf Kinder und Jugendliche wurden in der Pandemie Riesenfehler gemacht“, sagte Gisbert Voigt, Delegierter der Landesärztekammer Niedersachsen. Damit dies nicht wieder passiere, müsste insbesondere die UN-Kinderrechtskonvention von 1992 endlich umgesetzt und Kinderrechte ins Grundgesetz aufge­nommen werden, forderte der Kinderarzt.

Kinderärzte und Hausärzte hätten schon während der Pandemie immer wieder darauf hingewiesen, dass die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen durch die Schulschließungen leide, dass ihr Medienkon­sum zunehme und dass das Übergewicht durch Bewegungsarmut und schlechte Ernährung ansteige, sagte Hans-Jörg Bittrich, Thüringen. „Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat den Gesundheits­schutz der Erwachsenen über den von Kindern gestellt – das darf uns nicht wieder passieren“, forderte der Delegierte.

Ständige Impfkommission stärken

Notwendig sei auch die personelle und finanzielle Stärkung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Dies solle eine zeitnahe Aufarbeitung des aktuellen Stands des medizinischen Wissens sowie eine entsprechende Anpassung und Weiterentwicklung der flächendeckenden Impfstrategie gewährleisten.

Ein an den Vorstand überwiesenen Beschluss fordert, dass sich STIKO und Politik hinsichtlich ihrer Impfem­pfehlungen abstimmen, bevor diese veröffentlicht werden. Ansonsten komme es zu Verunsicherungen von Ärztinnen und Ärzten sowie der Bevölkerung.

Dieser Forderung schloss sich Thomas Lipp, Delegierter aus Sachsen, an. Drüber hinaus betonte Gerald Quitterer, Präsident der Landesärztekammer Bayern, dass „die Politik der STIKO nicht vorgreifen darf.“ Poli­tiker sollten sich an die Empfehlungen der STIKO halten und die Kommission nicht unter Druck setzen. Zudem regte er an, Ärztinnen und Ärzte in die politischen Entscheidungen mit einzubeziehen.

Die stationäre und ambulante medizinische Versorgungssituation des kinder- und jugendmedizinischen, des kinder- und jugendpsychotherapeutischen und -psychiatrischen sowie des sozialpädiatrischen Bereichs müsse ebenfalls verbessert und adäquat finanziert werden.

Dies betreffe unter anderem die bedarfsgerechte Anpassung der Personal- und weiteren Vorhaltekosten für saisonale Belastungszeiten im stationären Bereich der Kinder- und Jugendmedizin und den bedarfsgerechten Ausbau der verschiedenen therapeutischen und kinder- und jugendpsychiatrischen und -psychotherapeuti­schen Angebote.

In diesem Zusammenhang wies Irmgard Pfaffinger, Delegierte aus Bayern, darauf hin, dass nicht nur die immer wieder geforderten zusätzlichen Kassensitze für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ge­schaffen werden sollten, sondern auch mehr Sitze für Kinder- und Jugendpsychiater, ebenso wie für Erwach­senenpsychiater und -psychosomatiker.

„Viele Eltern waren in der Pandemie mit der Situation von Homeoffice und Homeschooling stark belastet und teilweise überfordert – auch sie brauchen unsere Hilfe“, sagte die ärztliche Psychotherapeutin.

Einen weiteren Fokus legten die Delegierten auf die Stärkung der Forschungsaktivitäten zu insbesondere langfristiger Folgen primärer und sekundärer Krankheitslasten (einschließlich Long/Post COVID) bei Kindern und Jugendlichen.

Thomas Lipp, Sachsen betonte in diesem Zusammenhang, dass für die notwendigen Laboruntersuchungen bei Long COVID ein Extrabudget zur Verfügung stehen sollte. Ansonsten würden sie aufgrund hoher Kosten nicht durchgeführt, wie er fürchtete.

Sofortmaßnahmen für Kindeswohl

Bei allen sie berührenden Maßnahmen und Entscheidungen müsse das Wohl und die Meinung von Kindern und Jugendlichen adäquat berücksichtigt werden. Mit umfassenden und ausreichend finanzierten Sofortmaß­nah­men solle den entstandenen Entwicklungsdefiziten effektiv entgegengewirkt und zugleich Kinder und Jugendliche auch in ihrer sozialen Teilhabe gestärkt werden.

Bis zum Herbst müssten die Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche entsprechend der vorlie­genden Ergebnisse nachgerüstet werden, so die Delegierten. Um die Gesundheitskompetenz der Kinder und Jugendlichen zu stärken, fasste der Ärztetag den Beschluss, dass das Schulfach Gesundheit eingeführt werden sollte.

Die infolge der Coronapandemie entstandenen Rückstände in der Sprachentwicklung und kognitiven Ent­wicklung von Kleinkindern und Kindern sollten durch Stärkung der ärztlichen Früherkennung frühkindlicher Sprachentwicklungsverzögerung zügig aufgeholt werden.

„Für die Zukunft unserer Kinder muss mehr Geld ausgegeben werden, als die eine Milliarde Euro, die das Aktionsprogramm der Bundesregierung ,Aufholen nach Corona' vorsieht“, forderte Irmgard Pfaffinger, Bayern. „Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf ein normales Erwachsenenleben“, sagte sie.

„Man muss für den nächsten Herbst und Winter dringend Vorbereitungen treffen – bisher ist nichts passiert“, mahnte in diesem Zusammenhang Tilman Kaethner, Niedersachsen, an. „Wir müssen für die nächste Welle gewappnet sein. Es muss jetzt konkret gehandelt werden, beispielsweise indem Förderkurse für besonders Benachteiligte aufgelegt werden“, forderte Heidemarie Lux, Bayern.

Durch die Pandemie haben sich die Lebenssituation und die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen verschlechtert. Das gilt vor allem für diejenigen, die schon vor der Pandemie unter Armut gelitten haben. Die Delegierten fordern daher, dass die Kommunen das Problem der Kinderarmut endlich grundsätzlich angehen.

Nicht zuletzt müssen auch die Belange von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen hinsichtlich Teilhabe an Bildung und gesellschaftlichem Leben bei den Entscheidungen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie berücksichtigt werden.

Auf die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen mit geistigen Einschränkungen in der Pandemie wies auch Johannes Buchmann, Mecklenburg-Vorpommern, hin. „Die Besonderheiten dieser Kinder wurden gar nicht beachtet, nicht einmal die Problematik, dass sie nicht an einem digitalen Unterricht teilnehmen können“, sagte der Kinderpsychiater. Auf ihre besonderen Bedürfnisse müsse in einer ähnlichen Situation mehr eingegangen werden.

Schutzmaßnahmen analysieren

Da einige Maßnahmen, die in der Coronapandemie vom Gesetz- und Verordnungsgeber bestimmt wurden, sogar zu nachhaltigen negativen psychischen, physischen und sozialen Folgeschäden – aber auch zu Vertrauensverlusten der Bevölkerung in die Politik – geführt hätten, sollten laut Ärztetag die bisher getroffenen Schutzmaßnahmen unter Einbezug der Ärzteschaft einer systematischen und wissenschaftlich fundierten Analyse unterzogen werden. Das nationale Pandemiemanagement müsse dann entsprechend angepasst und finanziert werden.

Dies betreffe aus Sicht der Ärzteschaft „prioritär und dringend“ die Verbesserung der Kommunikation auf allen Ebenen, die Ausweitung und Erleichterung der staatlichen Forschungsförderung und Verbesserung der Datenlage, die Weiterentwicklung der Eindämmungsstrategien sowie den krisensicheren Ausbau der medizinischen Versorgung.

In einem weiteren Beschluss hierzu fordert der Ärztetag eine bundesweite, ausreichende Finanzierung und Bereitstellung personeller Ressourcen für eine bundesweite Studie und langfristig angelegte Untersuchung über Long COVID bei Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen – diese Studie solle vier bis acht Jahre laufen. © aha/PB/aks/aerzteblatt.de

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