NewsÄrzteschaftBundesärztekammer will mehr Engagement bei der Digitalisierung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Bundesärztekammer will mehr Engagement bei der Digitalisierung

Freitag, 27. Mai 2022

Erik Bodendieck, Präsident der Landesärztekammer Sachsen (links) und Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin /Jürgen Gebhardt

Bremen – Der Vorstand der Bundesärztekammer (BÄK) hat Forderungen nach einem Rückzug der Ärzteschaft aus der Gematik zurückgewiesen. Beim 126. Deutschen Ärztetag appellierte er an die Delegierten, sich kons­truktiv in die Digitalisierung des Gesundheitswesens einzubringen.

„Wir werden daran gemessen, was wir ge­macht haben, nicht daran, was wir verhindert haben“, erklärte BÄK-Vorstand und Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendiek heute Vormittag.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach habe bei der Digitalisierung einen Schritt auf die Ärzteschaft zugemacht, indem er kontinuierlich das Primat des Nutzens über die rein technische Umsetzbarkeit betont habe.

Das sei eine gute Grundlage – er müsse jetzt aber auch Taten folgen lassen, forderte BÄK-Vorstand und der Berliner Kammerpräsident Peter Bobbert: „Wir haben Karl Lauterbach verstanden und wir nehmen ihn beim Wort.“

Natürlich hätten sich wichtige Digitalisierungsprojekte von der elektronischen Patientenakte (ePA) bis zum elektronischen Rezept (E-Rezept) bedeutend schlech­ter entwickelt als zuvor erhofft worden war, räumte er ein. „Der Status der digitalen Medizin heute stellt uns nicht zufrieden“, sagte Bobbert. Viele Erwar­tun­gen seien enttäuscht, viele digitale Anwendungen schlecht gemacht worden – oder es seien gar die falschen.

Er teile einen großen Teil der Kritik aus der Ärzteschaft: Viele Anwendungen seien „entwickelt worden von Leuten, die nicht am Patientenbett stehen“, sagte der Kardiologe. Sie würden nicht die Erwartungen erfüllen, die viele Ärzte an digitale Medizin hätten. Die Umstellung von analogen auf digitale Rezepte löse keine Versorgungsprobleme.

Und selbst wenn die Ideen hinter den Anwendungen oft richtig seien: Es scheite­re oft schon an der grundle­genden Infrastruktur und Ausstattung, betonte Bodendiek. Viele Regionen litten unter schlechter Netzan­bin­dung, es gebe Schwierigkeiten mit Kartenlesegeräten, die heiß laufen, und unterschiedliche Praxisverwal­tungs­systeme seien nicht miteinander kompatibel, könnten „nicht miteinander sprechen“, wie Bodendiek sagte.

Hinzu kämen Kosten und Aufwand mit dem Equipment: „Wir sind in der Tat der Marktmacht der Hersteller ausgeliefert und die Diskussionen mit dem Bundesverband Gesundheits-IT sind nicht immer fruchtbar.“

Das nächste Ärgernis sei der bevorstehende Austausch zehntausender Konnek­toren. „Es nervt“, wurde Boden­diek deutlich. Die Konnektoren nicht auszu­tauschen, sei aber ein größeres Sicherheitsrisiko als der Frust. „Es ist verabsäumt worden, die Hersteller darauf hinzuweisen, dass sie verpflichtet sind, die Konnektoren so aus­zustatten, dass sie zukunftstauglich sind.“

Man müsse die Gematik immer wieder daran erinnern, dass es Menschen gibt, die die Technik anwenden müssen. Doch Frust helfe nun einmal nicht weiter: „Die digitale Transformation hat erheblich an Fahrt auf­genommen“, sagte Bobbert. „Dieser Zug fährt sowieso, ob mit oder ohne uns. Deshalb müssen wir auf diesen Zug ganz vorn drauf.“

So weise er die zuletzt im Plenum laut gewordene Forderung nach einem Ausstieg der BÄK aus dem Gesell­schafterrat der Gematik entschieden zurück. Das Gegenteil sei der Fall: „Wir müssen wieder stärker in der Gematik werden, das ist der richtige Weg“, erklärte er.

So könne die Ärzteschaft durchaus dazu beitragen, bei digitalen Projekten wie der ePA oder dem E-Rezept den gewünschten Mehrwert zu generieren. „Allein die Vorstellung, 36 Uniklinken über die ePA zu verbinden – was wäre das für ein Riesenschatz für die Forschung, den wir da heben könnten?“, sagte Bobbert. Es seien riesige Potenziale, die durch Untätigkeit liegen bleiben würden.

„Was hält uns davon ab, eine Testregion selbst zu erschaffen?“, fragte er. „Würden wir da proaktiver werden, würden wir auch wieder mehr als verlässlicher Partner wahrgenommen werden und mehr Einfluss in der Gematik gewinnen.“

Die ePA bleibt allerdings auch so hochumstritten. Bodendiek sprach sich explizit und ausführlich für das Opt-out-Verfahren aus, das Lauterbach noch dieses Jahr gesetzlich verankern will.

„Wir haben in den letzten 20 Jahren auf Freiwilligkeit gebaut, aber wo stehen wir damit jetzt?“, fragte er und antwortete selbst: bei 400.000 angelegten, aber fast immer unvollständig befüllten ePA – ein winziger Anteil der 73 Millionen GKV-Versicherten.

Es sei zu schwierig und zu umständlich für die Patienten, eine ePA zu erhalten, das müsse sich unbedingt än­dern, forderte Bodendiek. „Die ePA muss für jeden Patienten zur Verfügung stehen, lassen Sie uns daran arbei­ten!“

Auch in der Debatte um Zugriffsrechte in der ePA positionierte er sich eindeutig: „Es ist für den Urologen re­levant, ob jemand Antidepressiva nimmt, wenn er mit erektiler Dysfunktion zu ihm kommt.“ Er spreche sich dafür aus, dass alle Ärzte primär Zugriff auf alle Einträge erhalten.

Bobbert stützte dabei Lauterbachs Auffassung, dass die Opt-out-Regelung die entscheidende Zukunftsfrage für die ePA ist. „Wenn wir beim bei Opt-in bleiben, werden wir 2030 immer noch über denselben Zustand diskutieren, aber die Menschen werden eine ePA nutzen, die dann aber von IBM oder anderen Konzernen ist.“

Auch die Übertragung von Daten für die Forschung müsse geregelt werden, am besten mit einem eigenen Gesundheitsdatennutzungsgesetz, das umreißt, welche Daten für die Primär- und welche für die Sekundär­nutzung verfügbar sind, wie das abzulaufen hat und welche Ansprüche an den Datenschutz da gelten.

Ein weiteres Gesetz brauche es auch im ambulanten Sektor: Parallel zum Krankenhauszukunftsgesetz müsse das Bundesgesundheitsministerium ein Praxiszukunftsgesetz entwerfen, das eine Strategie für die Digita­lisie­rung der ambulanten Versorgung skizziert.

„Wir brauchen eine Strategie und müssen wissen, wo es hingeht“, forderte Bodendiek. „Mehr Chaos und Crash vertragen wir weder in Klinik noch Praxis.“

© lau/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #88767
fjmvw
am Montag, 30. Mai 2022, 08:54

Bei der Gematik hat die Ärzteschaft nichts zu sagen - auch wenn das die BÄK nicht verstehen will

Nachdem sich der Gesetzgeber eine 51%-Mehrheitsbeteiligung an der Gematik gesichert hat, macht die Gematik ausschließlich das, was das BMG will.
Die Forderung von Dr. Bobbert, dass sich die Ärzteschaft stärker in die Gematik einbringen soll, ist vor dem Hintergrund eine glatte Nullnummer.

Die Ärzteschaft kann in der Gematik gar nichts. Nicht einmal als Gesellschafter auf ihre Geschäftsanteile verzichten und aussteigen. Das führt am Ende dazu, dass sich die Politiker hinstellen werden und sagen "all das haben doch die Ärzte als Gesellschafter der Gematik mitgetragen", wenn es zu völlig absurden und unpraktikablen Vorgaben kommt.
Avatar #672734
isnydoc
am Sonntag, 29. Mai 2022, 22:35

"Opt out" mit einem Touch von "Black out"?

„Mehr Chaos und Crash vertragen wir weder in Klinik noch Praxis.“
Einfach vertagen ... bis die Tage!
LNS
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER